Das Böse liegt in der Luft
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Das Böse liegt in der Luft

Ein lieber Freund hat mir letzte Woche eine Flasche einer meiner Lieblingsweine mitgebracht. Diese habe ich sogleich kredenzt und voller Vorfreude eingeschenkt.

Lustvoll nahm ich einen tiefen Atemzug … und mir stockte der Atem. Zapfen!

Zusätzliches Problem: der liebe Freund ist nicht unbedingt das, was man einen Wein-Aficionado nennen würde; dieser schlürfte nämlich bereits genüsslich vor sich hin, das Glas war schon fast leer. Meinen Hinweis, dass der Wein wohl Zapfen habe, nahm er gelassen bis skeptisch auf und meinte, dass der Wein doch trotzdem schmecke. Wie gesagt, kein Aficionado.

Da blieb mir nichts anderes übrig als in den Keller zu gehen, den selbigen Wein zu suchen, zu öffnen und ihm eins zu eins zu zeigen was der Unterschied ist. Er hat's aber trotzdem nicht eingesehen und trank die Flasche leer.

Ein zapfiger, korkiger Wein hat keine Frucht, keine Intensität. Schmeckt tot, muffig, einfach grauselig und gibt Gänsehaut. Wer sich nicht sicher ist, ob ein zapfiger Wein im Glas ist oder ob „der halt so schmecken muss": den Wein mit 4x mehr Wasser verdünnen und dann nochmals riechen. Dann kommt ganz stark der Gänsehauteffekt hervor und man kann sich sicher sein, dass es nicht so gewollt war.

Ich erinnere mich, dass ich einmal in einem Lokal am Zürcher Bellevue eine Flasche habe zurück gehen lassen weil diese korkig war. Der Kellner meinte dann, mit sehr, wirklich sehr hochgezogener Augenbraue, „Unmöglich, der hat Drehverschluss" … Absurd aber wahr: Auch Weine mit Plastikzapfen oder Drehverschluss können korkig sein.

Die Ursache liegt im Keller begraben. Der Korkgeruch entsteht durch eine chemische Verbindung mit dem Namen Trichloranisol, kurz TCA. Diese Verbindung entsteht unter anderem durch Reste von Pflanzenschutzmitteln. Diese Schutzmittel fliegen in der Luft herum, was dazu führt, dass die Stoffe an die Wände gelangen - und dort dann eine Bildung von TCA stattfindet. Doch wie kommt das TCA von der Wand in die Flasche? TCA breitet sich gerne aus … auf allen organischen Stoffen! Sei es auf den Weinfässern oder den im Keller gelagerten Kunststoffkorken.

Rund 10% aller Weine sind zapfig. Sollten Sie das Pech haben: mutig sein und zurückgeben. Im schlimmsten Falle kriegen Sie eine hochgezogene Augenbraue zu sehen. Aber das ist noch immer besser, als muffigen Wein zu trinken.

Oder nein, das allerschlimmste: der Kellner trinkt aus Ihrem Glas, stellt es zurück auf den Tisch und sagt „Nein, der ist tiptop in Ordnung". Ist mir auch schon passiert. Ebenfalls an der Limmat.

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