Ölkatastrophe: Das Bohrinsel-Unglück war einkalkuliert
Aktualisiert

ÖlkatastropheDas Bohrinsel-Unglück war einkalkuliert

Die Folgen des Untergangs der Transocean-Bohrinsel sind katastrophal – sowohl für die Umwelt als auch für die Anleger. Doch Finanzexperten rechnen mit Unglücken.

von
Othmar Bamert
Blick auf die brennende Ölplattform «Deepwater Horizon», bevor sie im Golf von Mexiko versank.

Blick auf die brennende Ölplattform «Deepwater Horizon», bevor sie im Golf von Mexiko versank.

Die Freude bei Transocean über den gelungenen Auftakt an der Schweizer Börse am 20. April währte nicht lange. Am 21. April, einen Tag nach dem Börsenstart, bahnte sich auf der Bohrinsel «Deepwater Horizon» im Golf von Mexiko eine Katastrophe an. Die Ölplattform brannte aus und versank im Meer. Elf Arbeiter werden immer noch vermisst. An der Unglücksstelle treten weiterhin grosse Mengen Rohöl aus, nach jüngsten Schätzungen bis zu 1000 Barrel (140 Tonnen) pro Tag. Eine riesige Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko zeichnet sich ab.

«Das ist natürlich kein glückliches Timing», sagt Fabian Häcki, Analyst der Bank Vontobel, der noch letzten Dienstag die Transocean-Aktie positiv bewertete. «In dieser Branche können Super-GAUs passieren», so der Analyst gegenüber 20 Minuten Online. Wie bei grossen Fluggesellschaften gebe es in der Ölindustrie ein statistisches Risiko für einen grossen Unfall.

Dass die Investoren dieses Risiko mit einkalkulieren, zeigt die eher gemässigte Reaktion der Börse auf die Katastrophe: Die Transocean-Aktie stürzte nicht ins Bodenlose, sondern schloss am Freitag auf «lediglich» 94.50 Franken, nach einem Hoch von 101.10 Franken kurz nach dem Schweizer Börsenstart. An der US-Börse schloss die Ölbohrfirma am Freitag bereits wieder im Plus.

Bohrinsel gesunken - Ölteppich bleibt

Direkte Folgen sind versichert

Gegen die direkten Kosten der Katastrophe ist Transocean weitgehend geschützt. «Die direkten finanziellen Auswirkungen des GAUs sind limitiert», sagt der Analyst. So sei der Wert der gesunkenen Ölplattform – Experten gehen von einem Wiederbeschaffungswert von rund 600 Millionen US-Dollar aus – abgesehen von einem vergleichsweise geringen Selbstbehalt - vollständig versichert. Ebenso die Genugtuungszahlungen an die Hinterbliebenen der verunglückten Arbeiter.

Zwei Prozent des Auftragsbestands

Zudem sei der Rückgang des Auftragsbestandes für den weltweiten Tiefseebohr-Marktführer zu verkraften, so der Analyst. Die Ölplattform im Golf von Mexiko war eine von total 140 bestehenden und geplanten Ölförderungsanlagen des Branchenriesen. So gingen durch die Katastrophe zwar 600 Millionen US-Dollar verloren, das sind jedoch lediglich zwei Prozent des Gesamtauftragsbestands von rund 30 Milliarden USD. Transocean hatte die Bohrinsel «Deepwater Horizon» seit 2007 an den Ölgigant BP vermietet. Die Tagesmiete betrug rund 500 000 US-Dollar. Ebenfalls verkraftbar sei für Transocean der Gewinnausfall, den der Analyst mit rund vier bis fünf Prozent des Jahresgewinns für das Jahr 2010 beziffert.

Kosten der Umweltschäden nicht abschätzbar

Nicht abzuschätzen seien jedoch, so der Analyst, die sogenannten «Third party damages», die unter anderem Umweltschäden oder finanzielle Einbussen anderer Wirtschaftszweige einschliessen. Gegen diese Auswirkungen sei Transocean mit 950 Millionen US-Dollar versichert, so Häcki. Ob das reicht, weiss niemand. Denn neben den Schäden an der Umwelt befürchtet das Unternehmen nun eine Flut von Sammelklagen, etwa von den Fischern oder der Tourismusbranche, die wegen der drohenden Ölpest um die wirtschaftliche Grundlage ihrer Existenz fürchten.

Entscheidend wird sein, welches Ausmass der Ölteppich im Golf von Mexiko annimmt. Diesbezüglich sieht es schlecht aus: Das Rohöl tritt ungehindert an zwei Stellen ins Meer aus. Am Samstag lag bereits ein 32 Quadratkilometer grosser Ölteppich auf dem Wasser. Und bis der Ausfluss gestoppt werden kann, können laut Experten Monate vergehen. Erinnerungen an die Exxon-Katastrophe im Jahr 1989 werden wach. Die «Exxon Valdez» lief damals vor Südalaska auf Grund. Rund 40 Millionen Liter Erdöl flossen ins Meer und verseuchten die Küste auf einer Länge von fast 2000 Kilometern. Exxon Mobil wurde in einem ersten Gerichtsprozess zu einer Geldbusse in Höhe von 5 Milliarden Dollar verurteilt.

Bei diesen Aussichten bleibt auch die Aktie von Transocean selbst für risikofreudige Investoren ein zu «heisses Eisen». «Abwarten», lautet denn auch das Verdikt des Analysten.

Transocean

Der Tiefsee-Ölbohrkonzern verlegte den Firmensitz im Jahr 2008 nach Zug. Das Unternehmen zählt mehr als 18'000 Mitarbeitende und verfügt mit rund 140 Bohranlagen über die grösste Kapazität in der Branche. 2009 erzielte Transocean einen Umsatz von 11,6 Milliarden US-Dollar und einen Reingewinn von knapp 3,2 Mrd. Dollar.

Am 20. April wurde Transocean an der Schweizer Börse kotiert. Die Börsenkapitalisierung lag gemessen am Eröffnungskurs von 95,20 Franken bei 31,9 Milliarden Franken. Damit handelt es sich um die gewichtigste Kotierung in Zürich seit der Fusion von Bankgesellschaft und Bankverein zur UBS 1998.

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