Ignorierter Hilferuf: «Das Boot geht unter, wir sterben!»
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Ignorierter Hilferuf«Das Boot geht unter, wir sterben!»

Geleakte Audio-Mitschnitte zeigen: Bei einem schweren Schiffsunglück verweigerte die italienische Küstenwache den Flüchtlingen ihre Hilfe.

von
mlr
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Seit Jahresbeginn 2017 sind mehr als 1300 Menschen beim Versuch ertrunken, das Mittelmeer zu überqueren, schätzt das UNHCR. Diese Flüchtlinge im März 2017 hatten Glück.

Seit Jahresbeginn 2017 sind mehr als 1300 Menschen beim Versuch ertrunken, das Mittelmeer zu überqueren, schätzt das UNHCR. Diese Flüchtlinge im März 2017 hatten Glück.

AP/Santi Palacios
Fabrice Leggeri von der EU-Grenzschutzagentur Frontex hat in einem Interview am 27. Februar 2017 die Rettungsmassnahmen von Hilfsorganisationen im Mittelmeer vor Libyen kritisiert.

Fabrice Leggeri von der EU-Grenzschutzagentur Frontex hat in einem Interview am 27. Februar 2017 die Rettungsmassnahmen von Hilfsorganisationen im Mittelmeer vor Libyen kritisiert.

AP/Darko Vojinovic
Zwar habe jeder auf See die Pflicht, Menschen in Not zu retten, doch die Geschäfte krimineller Netzwerke und Schlepper in Libyen sollten nicht noch dadurch unterstützt werden, ...

Zwar habe jeder auf See die Pflicht, Menschen in Not zu retten, doch die Geschäfte krimineller Netzwerke und Schlepper in Libyen sollten nicht noch dadurch unterstützt werden, ...

Patrick bar

Vor beinahe vier Jahren ereignete sich eines der schlimmsten Schiffsunglücke im Mittelmeer. 268 Flüchtlinge, darunter 60 Kinder, starben auf dem Weg von Libyen zur italienischen Insel Lampedusa. Offenbar hätte die Katastrophe verhindert werden können.

Am Montag veröffentlichte das italienische Magazin «L' Espresso» Audio-Mitschnitte von Telefonaten, die zeigen, dass sich die Flüchtlinge, unter ihnen viele Syrer, schon fünf Stunden vor dem Untergang des Schiffes verzweifelt an die Küstenwache wandten – vergeblich. Das Material ist dem Reporter unter der Bedingung der Anonymität zugespielt worden.

Mehrere Hilferufe

Am Abend des 10. Oktober 2013 stach das Schiff mit mindestens 480 Menschen an Bord vom libyschen Zuwarah aus in See. Am nächsten Tag um 12.39 Uhr mittags meldete sich der Arzt und Passagier Mohammed Jammo das erste Mal mit seinem Mobiltelefon bei der italienischen Küstenwache: «Das Boot geht unter, Wasser kommt herein», ist eine aufgeregte Männerstimme auf den Audio-Mitschnitten zu hören.

Jammo sagt der Frau am Telefon, dass Kinder und Frauen an Bord seien, gibt die Koordinaten durch und bittet, die Küstenwache möge sich beeilen. Als er knapp 40 Minuten nochmals anruft und sich erkundigt, ob jemand unterwegs sei, antwortet ihm ein Mann: Er solle die Küstenwache von Malta anrufen, denn das Schiff befinde sich in der Nähe von Malta. Wahr ist: Die Schiffbrüchigen trieben knapp 100 Kilometer vor der lampedusischen Küste, waren aber rund 190 Kilometer von der maltesischen Küste entfernt.

Italiener verweigerten Hilfe

Um 13.48 Uhr ruft Jammo ein drittes Mal die italienische Küstenwache an: Malta habe erklärt, sie seien näher an Lampedusa. «Lampedusa ist Italien?», fragt Jammo. «Wir sterben, bitte!» Das Schiff befand sich offenbar in internationalem Gewässer, wo Malta für Such- und Rettungsaktionen zuständig ist, auch wenn Lampedusa näher gewesen wäre, schreibt die «Washington Post». Zudem sei ein italienisches Militärschiff näher gewesen als ein Schiff aus Malta.

Eine vierte Audioaufnahme zeigt, dass die Malteser bereit gewesen wären, das Kommando zu übernehmen. Sie baten jedoch die Italiener um Hilfe, weil deren Schiff näher war. Doch die Italiener verweigerten ihre Unterstützung. Erst nachdem ein maltesisches Flugzeug die Lage abgeklärt hatte und die Italiener um 17.07 Uhr informiert worden waren, dass das Schiff gekentert sei, erklärten Letztere sich zur Hilfe bereit. Doch da war es bereits zu spät.

Das Drama vor der Küste der Insel Lampedusa sorgte bereits im November 2013 für eine Untersuchung der italienischen Behörden

(Video: Youtube/Bosco Arancio)

250 Tote befürchtet

Zwei Bootsunglücke im Mittelmeer haben nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks bis zu 250 Menschen das Leben gekostet. Das berichtet die Nachrichtenagentur AP. Das UNHCR erklärte am Dienstag, die Partnerorganisation International Medical Corps habe am Sonntag vor der libyschen Küste ein Wrack entdeckt. 163 Menschen würden vermisst und seien wahrscheinlich tot. Eine Frau und sechs Männer wurden von der libyschen Küstenwache gerettet.

Ausserdem sank nach Angaben des UNHCR an anderer Stelle ein Schlauchboot mit 132 Menschen an Bord. 82 Menschen gelten als vermisst, rund 50 Menschen wurden gerettet und nach Sizilien gebracht. Das UNHCR schätzt, dass seit Jahresbeginn mehr als 1300 Menschen bei dem Versuch ertranken, von Nordafrika über das Mittelmeer nach Italien zu gelangen.

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