Aktualisiert 03.09.2018 18:14

RechtsextremismusDas bringt das Juso-Konzert für Chemnitz

Heute Abend findet in Zürich ein Solidaritätskonzert für Chemnitz statt. Die Juso will damit gegen Neonazis demonstrieren. Laut Roger Köppel lenkt sie von echten Problemen ab.

von
jk
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Die Polizei nahm nach der Demonstration eine 15-köpfige Männer-Gruppe fest, die sich selbst als «Bürgerwehr» bezeichnete. (Bild: Keystone)

Die Polizei nahm nach der Demonstration eine 15-köpfige Männer-Gruppe fest, die sich selbst als «Bürgerwehr» bezeichnete. (Bild: Keystone)

Keystone/AP
Teilnehmer einer Demonstration der rechtspopulistischen Bewegung Pro Chemnitz versammeln sich vor dem Karl-Marx-Monument. (14. September 2018)

Teilnehmer einer Demonstration der rechtspopulistischen Bewegung Pro Chemnitz versammeln sich vor dem Karl-Marx-Monument. (14. September 2018)

Keystone/---
Campino an der Pressekonferenz vor dem Auftritt seiner Band am Benefizkonzert in Chemnitz. (3. September 2018)

Campino an der Pressekonferenz vor dem Auftritt seiner Band am Benefizkonzert in Chemnitz. (3. September 2018)

Sebastian Kahnert

Seit der Messerattacke auf einen Deutsch-Kubaner durch zwei Migranten kommt Chemnitz nicht mehr zur Ruhe. Regelmässig gehen Linke und Rechte auf die Strasse, regelmässig kommt es dabei zu Gewalt. «Linke und Rechte instrumentalisieren den Tod meines Freundes», wird ein guter Kollege des Verstorbenen in der Zeitschrift «Stern» zitiert. Als Zeichen gegen die «rechte Hetze» organisieren linke Kreise in Chemnitz ein Konzert mit den Toten Hosen, Feine Sahne Fischfilet und anderen Bands. Auch in Zürich ist am Montagabend ein Solidaritäts-Konzert geplant.

«Faschismus kennt keine Grenzen»

Unter dem Motto «Solidarität heisst Widerstand, Kampf dem Faschismus in jedem Land» hat die Juso Zürich das Solidaritäts-Konzert organisiert. «Faschismus kennt keine Grenzen», sagt Juso-Präsidentin Tamara Funiciello. Es sei wichtig, sich aktiv gegen Faschismus einzusetzen und so zu zeigen, dass die antifaschistische Bevölkerung die Mehrheit bilde und Neonazi-Aufmärsche nicht toleriert würden.

«Faschismus ist keine Meinung, er will Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder Hautfarbe zerstören», sagt Funiciello. Global Widerstand zu leisten sei deshalb dringend nötig. Zudem sei auch die Schweiz immer wieder von Faschismus betroffen, etwa im Fall von Rechtsrock-Konzerten oder des Freiburger Sprinters, der mehrmals den umgekehrten Hitler-Gruss zeigte. Faschismus zerstöre die Grundlagen der Demokratie, so die Juso-Präsidentin weiter: «Antidemokratische Bewegungen innerhalb einer Demokratie – das geht nicht.»

Chemnitzer fühlen sich ungerecht behandelt

Was die Juso tue, sei «unseriöse Knall-Effekt-Politik», sagt hingegen «Weltwoche»-Chef und SVP-Nationalrat Roger Köppel, die Jusos hätten keine Ahnung, was in Deutschland laufe. Er sei als Journalist nach Chemnitz gereist: «Das Bild, das sich mir hier zeigt, ist ein ganz anderes, als von den Medien übermittelt wird.» Die Chemnitzer Bevölkerung fühle sich unverstanden und beleidigt, nur weil man die Politik in Berlin unterstütze. Laut Köppel gebe es Neonazis dort unten wie auch Linksextreme, aber der überwiegende Grossteil der Demonstranten seien ganz normale Bürger.

«Die Menschen sind sauer, weil man sie pauschal in die Nazi-Ecke wirft, obwohl die Sachsen am Ende der DDR gekämpft haben», so Köppel. Doch heute fühle man sich von der Regierung nicht mehr ernst genommen. Die Bevölkerung empfinde Chemnitz wegen der Migranten als nicht mehr sicher. Köppel weist darauf hin, dass es einen Mord gegeben habe, mutmasslich durch Asylanten, aber davon wolle die Mitte-links-Regierung nicht reden. Sie spreche nur über den aufgebauschten rechten Extremismus, der dadurch noch geschürt werde, so Köppel.

Polizei rechnet mit friedlichem Ablauf

Laut Marco Cortesi, Sprecher der Stadtpolizei Zürich, steht an Montagabend ein Polizeiaufgebot bereit: «Wir erwarten, dass der Anlass friedlich über die Bühne geht, da bereits die Demonstration vom Samstag ohne Zwischenfälle verlief.» Mit hundertprozentiger Sicherheit könne man solche Abläufe jedoch nie voraussagen.

«Könnte in der Schweiz so nicht passieren»

Extremismus-Experte, Dirk Baier, der in Chemnitz studiert hat, sagt, dass sich das Ganze in dieser Form in der Schweiz nicht abspielen könnte. In Ostdeutschland herrsche seit der Wiedervereinigung eine längere Tradition von Fremdenfeindlichkeit: «In der DDR konnten die Bürger aufgrund der homogenen Bevölkerung keine Erfahrungen mit anderen Kulturen oder ausländischen Menschen machen», sagt Baier. Zudem habe Ostdeutschland mit ökonomischen Problemen zu kämpfen gehabt, was die Situation zuspitze.

Dass 2015 rund eine Million Flüchtlinge nach Deutschland gekommen seien, habe diese Fremdenfeindlichkeit verfestigt: «Die Leute befürchten, dass die Flüchtlinge ihnen alles wegnehmen», so Baier.

Solidaritäts-Konzerte oder Demonstrationen findet der Experte wichtig, denn Faschismus könne niemals toleriert werden. Die Geschehnisse in Chemnitz seine eine gute Gelegenheit, die Menschen daran zu erinnern, dass Faschismus in der Gesellschaft keinen Platz habe. «Und», so Baier, «auch in der Schweiz gibt es Fremdenfeindlichkeit.» Eine Studie, die er kürzlich durchgeführt habe, zeige, dass rund 20 Prozent der Schweizer Jugendlichen ausländerfeindliches Gedankengut besässen.

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