«Time-out»: Das bringt das WM-Silber unserem Hockey
Aktualisiert

«Time-out»Das bringt das WM-Silber unserem Hockey

Im Sport gilt die Gleichung: Erfolg = Geld. Aber nicht für alle. Das WM-Edelmetall der Schweiz kann der Verband versilbern. Den Klubs beschert es hingegen keine Mehreinnahmen.

von
Klaus Zaugg

Silber, von dem die ganze Hockey-Welt spricht, und doch kein Geld? Wie geht das. Marc Lüthi, beim SC Bern der erfolgreichste Geldmacher unserer Hockeygeschichte, erklärt 20 Minuten, warum die silberne Hockey-WM den Klubs kein Geld bringt: «Bei einer Verhandlungsrunde mit einem Sponsor haben wir zwar jetzt ein erfreuliches Einstiegsthema. Aber wenn es ums Geschäft geht, dann bekomme ich auch dann nicht mehr Geld, wenn ich in meinem Team gleich mehrere WM-Helden habe.»

Lüthi sagt, die WM werde erst dann einen direkten kommerziellen Wert für die Klubs haben, wenn die Schweiz über Jahre hinweg regelmässig um Medaillen spielen könne. «Dann würden sich grosse Sponsoren, die im gleichen Markt im Fussball vertreten sind, überlegen, ob es am Ende nicht besser wäre, beim Eishockey einzusteigen. Beispielsweise bei uns statt bei YB, bei Zug statt beim FC Luzern. Es wäre dann wohl auch möglich, grosse Firmen fürs Eishockey zu interessieren, die zuvor gar nicht an Sportsponsoring gedacht haben. Und die Zuschauerzahlen würden wohl leicht ansteigen. Weil wir dann mehr Modefans bekämen – jene, die einfach dorthin gehen, wo es angesagt ist.»

Emotionaler Erfolg

Historische WM-Triumphe, die sich nicht auszahlen. Aber dafür schaden historische WM-Pleiten auch nicht. Marc Lüthi sagt: «Wir verlieren keinen Franken, wenn die Schweizer bei der WM versagen. Deswegen zahlt uns kein Sponsor weniger und wir haben im Herbst auch keinen Zuschauer weniger.» Es ist ja für einen Klubvertreter einfach, einem Werbepartner einen WM-Misserfolg schönzureden. Zu wenig Spieler des eigenen Klubs im WM-Team, ist ja klar, dass es nicht funktioniert.

Am eindrücklichsten zeigt das Beispiel von Lüthi, dass diese silberne WM von 2013 ein historischer Erfolg ist. Der hartgesottene Hockey-Kapitalist freut sich ehrlich über einen Hockey-Sieg, den nicht der SCB errungen hat, der ihm keine Kohle bringt: «Der emotionale Wert einer so erfolgreichen WM ist nicht zu unterschätzen. Die ganze Schweiz hat sich für Eishockey begeistert und sich mit unserer Nationalmannschaft gefreut. Diese WM hat ganz einfach allen wohl und gut getan.» Es muss ja nicht immer der SCB und die Kohle sein. Einmal Geist statt Geld im Bernbiet.

Nati bei Werbeflächen nicht ausgebucht

Beim Verband hingegen soll das WM-Silber in eine der härtesten Währungen der Weltgeschichte umgemünzt werden. In Schweizer Franken. Der tüchtige Verbandspräsident und Sportdiplomat Marc Furrer sagt: «Wir haben zwar bei den laufenden Sponsorenverträgen keine WM- oder Medaillenprämien. Und der Vertrag mit der PostFinance, unserem Hauptsponsor, ist so gut, dass es fast unverschämt wäre, jetzt um zusätzliches Geld nachzufragen. Dieser Vertrag ist ja nicht nur auf den Spitzensport, sondern auch auf die Nachwuchsförderung ausgerichtet.»

Tausende feiern die Eishockey-Helden

Aber die Nationalmannschaft sei bei den Werbeflächen keineswegs ausgebucht. «Wir haben im Sommer noch mehrere Sponsorenpakete zu verkaufen. Wir waren so realistisch, dass wir im Budget nicht vom Verkauf aller unserer Werbemöglichkeiten ausgegangen sind. Diese Ausgangslage hat sich durch die erfolgreiche WM verändert.» Furrer nennt keine Zahlen.

Wie viel Geld würden der SCB-Geldmacher Marc Lüthi und sein Freund und Marketing-Genie Erwin Gross für den Verband aus diesem WM-Silber machen? Auf diese Frage geht Marc Lüthi nicht ein. «Es wäre arrogant, einfach Zahlen zu nennen, ohne ganz genau zu wissen, was genau angeboten werden kann.» Er lässt sich keine Zahlen entlocken.

WM ohne Schweizer Sponsoren

In diesem Zusammenhang ist interessant, dass der Verband zwar die Länderspiele in der Schweiz vollumfänglich vermarkten kann. Beim wichtigsten Ereignis der Saison, bei der WM, sind jedoch die Sponsoren unserer Nationalmannschaft nicht präsent. Weder auf dem Dress noch im Stadion. Es gibt nicht einmal Gratis-Eintrittskarten zu WM-Spielen. Sämtliche TV- und Werberechte der WM liegen bei der Marketing-Agentur Infront. Will ein Sponsor unserer Nationalmannschaft auch bei der WM präsent sein, dann muss er bei Infront die Werbung einkaufen.

Trotz allerlei Einschränkungen ist die Behauptung, der Verband könnte aus dem WM-Silber bis zu eine Million erwirtschaften, nicht einfach eine provokative Übertreibung. Es gibt nämlich eine hochinteressante Mischrechnung. Es mag zwar sein, dass sich nicht einfach Werbung für fast eine Million rund um die Nationalmannschaft und die Länderspiele verkaufen lässt. Aber die WM ist für den Verband gratis.

Preisgeld für Vermarktungsrechte

Klugerweise hat Werner Kohler, ein ehemaliger Verbandspräsident, dessen Vermarktungsgenie nie richtig anerkannt worden ist, noch im letzten Jahrhundert eine Praxis etabliert, die dem Verband schon hunderttausende von Franken eingebracht hat: Die WM-Prämien für die Spieler kosten den Verband nichts, die WM an und für sich ist bereits ein Geschäft. Es gilt nämlich die Regelung, dass das Preisgeld der WM nach Abzug der Kosten als Prämie an die Spieler ausgeschüttet wird.

Dafür, dass die nationalen Verbände dem internationalen Verband (IIHF) für die WM sämtliche Vermarktungsrechte ihrer Nationalteams überlassen, werden sich durch Preisgeld bei der WM entschädigt. Offiziell gibt es keine Zahlen. Verbands-Vizepräsident Pius-Davis Kuonen, beim Verband für die sportliche Abteilung zuständig, bestätigt gegenüber 20 Minuten immerhin, die Praxis, dass sich die WM-Prämie für die Spieler nach dem WM-Preisgeld richte, gelte nach wie vor. Eine Prämie stehe jedem Spieler zu, der in Stockholm war, auch jenen, die nicht eingesetzt worden seien. Aber nicht dem Trainer und seinen Assistenten.

23'000 Franken für die Spieler

Das WM-Silber bringt dem Verband also Rekordpreisgeld von etwas mehr als 700'000 Franken und den Spielern nach unbestätigten Informationen 23'000 Franken. Damit ist die Milchbüchleinrechnung, der Verband könne mit Verstand, viel Glück und gut gerechnet das WM-Silber in fast eine Million Mehrreinnahmen ummünzen, gar nicht so weit von der Wirklichkeit entfernt.

Wenn der Verband mehr Termine für die verschiedenen Nationalteams von der Liga will, dann ist es jetzt Zeit, diese Forderungen durchzubringen. Und wenn nach dem Scheitern von «Versailles«, dem «Hockey-Prunkschloss» in Winterthur, nun ein vernünftiges, sportlich sinnvolles Projekt für ein Ausbildungszentrum inklusive Verbandssitz aufgegleist werden soll, dann jetzt.

Neue Resultate relativieren den alten Ruhm

Einen Sommer lang können die Verbandsfunktionäre tanzen. Einen Sommer lang bleiben die Silber-Helden unbesiegt. Die Zeit ist knapp. Schon im nächsten Februar steht das Olympische Turnier in Sotschi auf dem Kalender. Spätestens dann ist die Strahlkraft des WM-Silbers von Stockholm 2013 nicht mehr stark genug, um neue Geldquellen zu erschliessen und neue Projekte anzustossen. Sportliche Erfolge können ein ganzes Land in Begeisterung versetzen wie sonst nichts in diesen Zeiten. Aber die nachhaltige Umsetzung ist so schwierig wie in keiner anderen Branche. Weil so schnell die neuen Resultate kommen, die den alten Ruhm relativieren.

Deine Meinung