Rücktritt Werner Faymann: «Das Charisma einer Sanduhr»
Aktualisiert

Rücktritt Werner Faymann«Das Charisma einer Sanduhr»

Der Zeitpunkt war überraschend, der Rücktritts des österreichischen Kanzlers dennoch absehbar. Eine Presseschau macht klar, wieso.

von
gux

Als «Kuschelkanzler» und als «Teflonkanzler» war Werner Faymann den Österreichern ein Begriff. Selbst die deutsche Kanzlerin Angela Merkel soll über den 56-Jährigen gelästert haben: Faymann komme bei EU-Verhandlungen in Brüssel ohne Meinung herein und gehe mit ihrer wieder hinaus.

Dass er bei der Mai-Kundgebung ausgebuht wurde – ein Novum in Wien – und sich von einem befreundeten Gewerkschaftler öffentlich sagen lassen musste: «Werner, lass los!», hatte längst Spekulationen um einen Rücktritt angefacht. Dass Faymann noch vor dem Herbst abtritt, überraschte dann aber doch alle. Auch, weil Faymann noch letzte Woche erklärt hatte, dass angesichts der Krise innerhalb seiner Partei SPÖ «weiterhin mit mir zu rechnen ist».

«Mehr Verwalter als Gestalter»

Ihm muss klar gewesen sein, dass er je länger, je mehr zu einer «lame duck» geworden und «als Kanzler mit Ablaufdatum auch international nicht mehr ernst genommen worden wäre», wie der österreichische «Standard» schreibt.

Die Urteile über den 56-jährigen Berufspolitiker sind einhellig. «Seine Politik war nie von grossen Visionen geprägt», schreibt die «Neue Zürcher Zeitung». Faymann habe das Land in der grossen Koalition mit der ÖVP einigermassen unbeschadet durch die Wirtschafts- und Finanzkrise geführt, doch auf der anderen Seite auch einen regelrechten Reformstau verursacht. «Er wird eher

als Verwalter denn als Gestalter in Erinnerung bleiben.»

«Dem Populismus und dem Boulevard nachgegeben»

Einen Grund für den Rücktritt machen viele in der Wendehalspolitik des Österreichers aus, die Glaubwürdigkeit und Vertrauen gekostet habe. Die «Welt» schreibt: «Faymann fand sich, was die alles bewegende Flüchtlingspolitik angeht, mal auf der einen und mal auf der anderen Seite wieder, mal als Gefolgsmann der Kanzlerin und mal als Rebell. Dafür wurde er bestraft.»

Faymann habe «allzu leicht dem Populismus und dem Boulevard nachgegeben, anstatt den Bürgern die komplex gewordene europäische Welt besser zu erklären: in Zeiten des wachsenden Nationalismus Hauptthema für den Nachfolger», schreibt der österreichische «Standard».

«Verbonzt und inhaltlich ausgelaugt»

Die SPÖ-Führung habe das «Charisma einer Sanduhr», schreibt die «Süddeutsche Zeitung». Die Partei sei zu lange an der Macht und unter Faymann «verbonzt und inhaltlich ausgelaugt».

Der Radikalschwenk in der Flüchtlingspolitik war der letzte Nagel an Faymanns Sarg, da sind sich alle einig. «Vor einem Jahr war er noch Angela Merkels Wien-Statthalter in Sachen Flüchtlingspolitik, Flüchtlinge waren willkommen. Wenige Monate später die 180-Grad-Wende: Getrieben vom konservativen Koalitionspartner ÖVP und vor allem von der rechtspopulistischen FPÖ fiel Faymann um», heisst es in einem Kommentar der «Tagesschau».

Faymann ist optimistisch

Und Faymann selbst? Er zog eine positive Bilanz seiner fast achtjährigen Kanzlerschaft. Österreich habe nach der schwierigen Phase der Finanzkrise im vergangenen Jahr den massiven Flüchtlingsandrang zu bewältigen gehabt und diesen gut gemeistert. Der Sozialdemokrat gab sich optimistisch: «Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass das Land stark genug ist, die Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft zu bewältigen.»

Doch auch Faymann weiss: Neben den Folgen der Flüchtlingskrise fürchten viele Österreicher einen wirtschaftlichen Niedergang. Die Angst treibt viele Wähler zur FPÖ. Die Rechtspopulisten liegen in allen Umfragen weit vorne und haben beste Chancen, dass ihr Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, Norbert Hofer, am 22. Mai tatsächlich in die Wiener Hofburg einzieht.

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