Das dargebotene Handy
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Das dargebotene Handy

Vor 24 Stunden hat Pro Juventute die «SMS-Beratung 147» für Kinder und Jugendliche lanciert. Schon jetzt sind rund 80 Fragen eingegangen. 20minuten.ch wollte vom Projektleiter wissen, wo bei den jungen Leuten der Schuh drückt und wie die Hilfe per Kurzmitteilung funktioniert.

Die Kids lieben es, ihr Handy. Vor allem SMS sind hoch im Kurs: Fünf Kurzmitteilungen verschicken die 10- bis 16-Jährigen im Durchschnitt pro Tag, wie das Jugendbarometer Schweiz unlängst zeigte. In Zukunft soll das Handy aber nicht mehr nur dazu benutzt werden «mega liebi grüess» zu verschicken. Neu können die Kids per Kurzmitteilung auch ihren Seelenschmerz vom Herzen schreiben. Seit gestern bietet Pro Juventute die kostenlose professionelle «SMS-Beratung 147» für 8- bis 18-Jährige in der Deutschschweiz an. 80 Fragen sind bisher bei der Beratungsstelle eingegangen.

20minuten.ch: Roland Wittwer, sie sind Projektleiter von «Pro Juventute SMS-Beratung 147». Ist eine Kurzmitteilung der richtige Weg, um jungen Leuten zu helfen?

Roland Wittwer: Es gibt viele junge Menschen, denen es schwer fällt, sich zu artikulieren. Für sie ist ein Gespräch am Telefon nicht geeignet. Sie möchten sich gerne schriftlich an eine solche Beratungsstelle herantasten.

Die Antwort auf die Frage folgt allerdings erst nach drei Arbeitstagen. Ist das nicht viel zu lang, wenn eine Krise besteht?

Die meisten Fragen, die eingehen, drängen nicht und können gut in drei Arbeitstagen beantwortet werden. Es kommt höchst selten vor, dass eine akute Krise besteht. Falls aber doch ein solches SMS eingeht, dann versuchen wir, so schnell wie möglich zu reagieren. Grundsätzlich versteht sich die SMS-Beratung aber als Ergänzung zur Telefonberatung 147 der Pro Juventute. Im Notfall sollte man dort anrufen. Die Telefonberatung läuft rund um die Uhr und ist auch kostenlos.

Das Pilotprojekt Beratung per SMS läuft seit Anfang November und wurde am Montag auf das gesamte Schweizer Handynetz ausgeweitet. Welche Fragen sind bisher eingegangen?

Sie erstrecken sich über die ganze Palette an Lebensfragen, die sich einem jungen Menschen stellen können. Sehr viele Fragen drehen sich um Liebe und Sexualität. Es kommen aber auch Anfragen, die sich um den eigenen Körper und das Aussehen drehen. Manchmal wollen die Jugendlichen auch alles zum Thema Sucht und Drogen in Erfahrung bringen oder Fragen rund ums Lernen und die Schule klären. Jetzt in der Vorweihnachtszeit treten auch immer häufiger Probleme rund um die Familie in den Vordergrund.

Worin liegt der Vorteil dieser neuer Beratungsform?

Die schriftliche Anfrage ermöglicht den Jugendlichen eine gewisse Distanz. Die Fragen sind kurz, die Antworten auch. Es gibt in diesem Sinn keinen Dialog, die Berater können keine Rückfragen stellen. Das erleichtert vielen den Zugang zur Beratung. Ein weiterer Vorteil ist auch, dass man von überall her auf diese Dienstleistung zurückgreifen kann. Man muss dazu nicht vor dem Computer sitzen.

Eine vertiefte Hilfe ist so aber nicht möglich.

Es ist eine Erstanlaufstelle. Wir können viele Fragen beantworten und Denkanstösse geben, um Problemlösungen zu finden. Wir können aber auch weitervermitteln, wenn grössere Probleme bestehen. Mit unserem Dienst können wir den Kindern sagen, wo sie Hilfe finden – zum Beispiel bei ungewollter Schwangerschaft. Unsere Mitarbeiter nehmen jede Frage ernst, denn auch hinter einer vermeintlichen Juxfrage steht oft ein tief greifendes Anliegen.

Tina Fassbind, 20minuten.ch

Gegenwärtig befindet sich die neue Dienstleistung in einer Pilotphase. Ende März 2008 folgt eine Evaluation und danach wird über eine Ausweitung des Angebots entschieden. Das System funktioniert simpel: Die Kids senden ihre Fragen an die Nummer 147, dort werden sie von einem zehnköpfigen Team aus Psychologen, Sozialpädagogen oder Sozialarbeitern bearbeitet. Die Antwort folgt spätestens drei Arbeitstage nach dem Eingang der Anfrage in einer persönlichen Antwort per SMS. Mit der neuen Dienstleistung ergänzt Pro Juventute ihre zwei bereits bestehenden Beratungseinrichtungen: Das «Pro Juventute Telefon 147», das in erster Linie die Funktion einer Notrufnummer hat, sowie die Internet-Beratungsplattform 147.ch, auf der sich junge Menschen selbst umfassend informieren können. Alle drei Dienstleistungen sind kostenlos.

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