Aktualisiert 08.08.2017 15:24

IT-Sicherheitsexperte«Das Darknet zu verbieten, hätte verheerende Folgen»

Drogen-, Waffen-, Menschenhandel: Ist das Darknet ein Sumpf des Verbrechens? Keinesfalls, wie IT-Sicherheitsexperte Marc Ruef erklärt.

von
tob
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Hier werden keine Drogen mehr verkauft: Ein Screenshot einer der beschlagnahmten Accounts im Darknet. (8. August 2017)

Hier werden keine Drogen mehr verkauft: Ein Screenshot einer der beschlagnahmten Accounts im Darknet. (8. August 2017)

Kantonspolizei Aargau
«DerErsteAffe» hat anscheinend 108 Transaktionen abgeschlossen. (8. August 2017)

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Kantonspolizei Aargau
Das 20-jährige Model Chloe Ayling wurde im Juli in Mailand entführt und im Darknet zum Kauf angeboten.

Das 20-jährige Model Chloe Ayling wurde im Juli in Mailand entführt und im Darknet zum Kauf angeboten.

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Die Kapo Aargau hat zwei Drogendealer geschnappt, die im Darknet tätig waren. Ein 30-jähriger Mann entführte im Juli ein Model und wollte es dann im Darknet versteigern. Das Darknet scheint ein Hort des Verbrechens zu sein. Marc Ruef, wieso gibt es das Darknet überhaupt?

Die Idee des Darknets ist, sich anonym und unkontrolliert austauschen zu können. Offensichtlich wird dies gut und gern auch von Kriminellen genutzt. Aber auch in Ländern mit umfangreicher staatlicher Kontrolle und harter Zensur spielt das Darknet eine wichtige Rolle. Ein technologisch ungehemmter Datenaustausch ist ein wichtiger Bestandteil einer modernen Demokratie.

Welches sind die positiven Aspekte?

Im Rahmen des Arabischen Frühlings konnte in den betroffenen Regionen eine Zunahme der Kommunikation via TOR (siehe Box, die Red.) festgestellt werden. Das Darknet spielte also eine wichtige Rolle bei der Orchestrierung der Aufständischen. Ohne diesen Kanal hätten die Proteste nicht oder nur viel träger stattfinden können. Der Begriff Darknet bezeichnet gemeinhin einen Teil des Internets, in dem man sich konsequent mittels Verschlüsselung schützt und durch Proxys anonymisiert.

Ist das Darknet ein rechtsfreier Raum?

So etwas wie einen rechtsfreien Raum gibt es nicht. Viele der Verbrechen, die mithilfe des Darknets begangen werden, lassen sich durch bestehende Gesetze adressieren. Drogen werden angebaut, verkauft, verschickt, importiert und konsumiert. Dafür braucht es keine neuen Gesetze. Das gilt auch für Verbrechen im Bereich Cybercrime (z. B. Verkauf von gestohlenen Daten). Entsprechende Gesetze sind vorhanden, um diese ahnden zu können.

Wie gross ist das Problem mit dem Drogenhandel im Darknet in der Schweiz?

Dies ist schwierig abzuschätzen. Es zeichnet sich aber ab, dass auch hierzulande konsequent das Internet als Vertriebskanal erschlossen wird. Manche wittern eine gute Gelegenheit und wollen in ihrer Naivität auf den Zug aufspringen. Viele der Händler bringen aber wenig technisches Verständnis hierfür mit und sind sich dementsprechend nicht bewusst, wann und wo sie sich exponieren.

Haben Sie da bestimmte Erfahrungen bei Ihren Recherchen gemacht?

Wir bewegen uns für verschiedene Mandate in unterschiedlichen Bereichen des Darknets. In manchen Fällen geht es darum, konkrete Märkte zu infiltrieren, um Mechanismen und Akteure offenlegen zu können.

Müsste die Schweiz mehr Ressourcen für eine Überwachung im Darknet einsetzen?

Das Verständnis und dementsprechend die Ressourcen wurden in den letzten Jahren wie auch im umliegenden Ausland konsequent aufgestockt. Die Zunahme der Fahndungserfolge zeugt davon. Viele Verbrechen werden heute dank Computersystemen effizienter umgesetzt oder durch diese erst möglich. Eine zunehmende Fokussierung auf den Bereich Cybercrime ist also unausweichlich.

Ist es sinnvoll, das Darknet zu überwachen?

Absolut. Rechtlich legitimierte Überwachung und Ermittlung ist auch im Darknet erforderlich und wichtig.

Kann man das überhaupt?

Eine Ermittlung im Darknet muss genau gleich erfolgen wie anderswo auch. Zwar sieht man sich da eher mit technisch affinen Akteuren konfrontiert. Die damit zusammenhängenden Themen, wie zum Beispiel Verschlüsselung, sind aber mittlerweile auch im normalen Internet von Relevanz (z. B. Skype, Whatsapp).

Ist es nicht nur ein Tropfen auf den heissen Stein?

Jegliche Form der Verbrechensbekämpfung ist schlussendlich ein Kampf gegen Windmühlen. Das ist aber kein Grund, sich kampflos zu ergeben. Der Rechtsstaat muss präsent und aktiv sein, auch im Internet. Gerade im Bereich des Drogenhandels flammt im Zusammenhang mit dem Darknet die Diskussion der Legalisierung auf. Der ehemalige Administrator von Silk Road, dem damals grössten Drogenumschlagplatz im Darknet, führte in seiner Gerichtsverhandlung ins Feld, dass der Drogenhandel im Darknet sicherer sei als auf der Strasse.

Müsste man das Darknet nicht verbieten?

In diesem Fall müsste man zum Beispiel die Verschlüsselung verbieten. Dies wäre gesellschaftlich verheerend und würde wohl den Niedergang der Demokratie einläuten. Politiker, die solche Forderungen stellen, sind kritisch zu betrachten. Die Verbrecher werden zudem die einzigen sein, die sich nicht an ein Verbot halten werden. Das liegt in der Natur der Sache.

Marc Ruef ist IT-Sicherheitsexperte bei der Zürcher Firma Scip AG.

Das Darknet

Über 99 Prozent der Daten im Internet sind nicht über Suchmaschinen auffindbar. Man spricht vom Deep Web. Darin versteckt sich auch das Darknet. Das sind Netzwerke, die bewusst unsichtbar sein wollen. Um darauf zuzugreifen, benötigt man spezielle Software wie den TOR-Browser. Der Datenverkehr verläuft dabei verschlüsselt und über unzählige, zufällig ausgewählte private Rechner. Überwacher können so nur schwer Informationen über die Kommunikation sammeln.

Die Arbeit an der TOR-Software begann 2002 an der Universität Cambridge. In der Anfangszeit wurde TOR von US-amerikanischen Behörden wie Darpa unterstützt. Seit 2006 kümmert sich die Non-Profit-Organisation «The Tor Project» um die Aufrechterhaltung von TOR. Finanziert wird das Projekt von der US-Regierung und privaten Spenden.

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