SC Brühl – FCSG: Das Derby, das keins war
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SC Brühl – FCSGDas Derby, das keins war

Stadtmatch ist, wenn der Klubpräsident explizit die Fankurve des Gegners einlädt – und die Fans mit einem 1:3 zufrieden sind. Die Reportage von einem Fussballfest.

von
Ronny Nicolussi

Auf der Flurhofstrasse im beschaulichen Quartier Krontal deutet kaum etwas darauf hin, dass wenige Schritte davon entfernt Stadtgeschichte geschrieben wird. Es ist Samstagnachmittag, kurz vor halb fünf. Ein Senior im weissen Unterhemd geniesst die spätsommerliche Sonne auf seinem Gartensitzplatz. Dass zwischen den Häuserzeilen rhythmische Trommelgeräusche und Sprechchöre zu vernehmen sind, lässt ihn kalt. Ab der Grütlistrasse werden die Sprechchöre verständlich: «San Galle olé, San Galle olé, San Galle olééé!»

Einst musste man sich in St. Gallen entscheiden: Entweder war man für den SC Brühl oder für «die Stadt», wie der FC St. Gallen genannt wurde, als die beiden Mannschaften noch auf Augenhöhe spielten. Brühl galt als Klub der Arbeiter, der FCSG als jener der Oberschicht. Es gab sogar Zeiten, in denen Brühl eine Liga höher klassiert war als der FC St. Gallen. Doch das ist alles lange her. Und in der Zwischenzeit ist einiges passiert. 40 Jahre mussten St. Galler Fussballbegeisterte warten, bis es zu einer Neuauflage des so genannten «Stadtmatchs» kam.

Die Erwartungen waren hoch, auch wenn die Affiche mehr wie die eines Cup-, denn die eines Ligaspiels anmutete. Auf der einen Seite die Amateure mit einem Budget von 500 000 Franken, die für das Spiel im Paul-Grüninger-Stadion extra eine mobile Nüssli-Tribüne aufbauen mussten, auf der anderen Seite der Tabellen-Leader mit einem Profikader und mehr als zehnmal so hohen Mitteln. Dennoch fieberten lokale Medien auf das Ereignis hin, als stünde die Entscheidung um die Schweizer Meisterschaft an. Ehemalige Spieler wurden zu ihren Erinnerungen an die Duelle der 60er und 70er Jahre befragt. Anekdoten wurden erzählt. Die Rivalität der Klubs hinauf beschworen. Auf dem offiziellen Match-Plakat wurden die Brühl-Spieler als antike Krieger inszeniert, die unter dem lateinischen Leitmotiv «Dem Tapferen hilft das Glück!» ein 1:0 erringen sollten.

Wo sind die Brühler Fans?

Der Sportreporter im Autoradio hatte eine aussergewöhnliche Stimmung vorausgesagt. Eine Begegnung vor vollen Rängen. Tatsächlich ist das Paul-Grüninger-Stadion an diesem warmen Nachmittag rappelvoll. Mit 5500 Zuschauern ist es ausverkauft, wie der Stadionspeaker später bekannt geben wird. Stimmung machen aber nur die FCSG-Fans, die die Gästekurve mit Fahnen und Spruchbändern weiss-grün eingefärbt haben. Auf der Brühler Seite gibt es keine Fahnen, keine Spruchbänder und auch keine Sprechchöre. Wo sind die Brühler Fans? Fast könnte man meinen, «die Stadt» sei hier zu Hause, müssten die FCSG-Spieler nicht ausnahmsweise in den Stadtfarben (mit rot-weissen Trikots und schwarzen Hosen) spielen, weil nicht nur das Heim-, sondern auch das Auswärtstrikot dem Brühler zu ähnlich ist.

In den ersten Minuten kennt das Spiel nur eine Richtung. Der Unterschied zwischen dem Tabellenersten und dem Tabellenletzten ist augenfällig. Erst nach acht Minuten kann Brühl erstmals zaghaft angreifen. Jetzt erwachen auch die SCB-Fans. «Hopp Brühl!», hört man hie und da! Doch aus dem Angriff wird nichts. 16 Minuten können die Krieger dem überlegenen Gegner standhalten. Dann bricht das Verteidigungsbollwerk ein. Franck Etoundi trifft mit dem Kopf. Es steht 0:1. Der Jubel beschränkt sich aber nicht auf den Gästesektor. Selbst auf der Tribüne jubeln die Zuschauer. Verkehrte Welt im Paul-Grüninger-Stadion.

«Rivalität gibt es nicht mehr»

Den 59-jährigen Walter Mäder, der bereits die Stadtmatches in den 60er und 70er Jahren gesehen hatte, überrascht das nicht: «Die Rivalität von früher gibt es nicht mehr.» Viele Brühl-Fans seien auch Fans von St. Gallen. Mäder war beispielsweise immer für den FCSG. «Mit dem ganzen Mist, der da rund um den Bau des neuen Stadions und die ganze Finanzierung gelaufen ist, hat es mir aber abgelöscht», erzählt er. In die AFG-Arena mag er deshalb nicht mehr gehen. Stattdessen hat er sich eine Saisonkarte für den SC Brühl gekauft.

Damit ist Mäder in guter Gesellschaft. Mit dem Erfolg der letzten Jahre, in denen der SC Brühl von der 2. Liga Interregional auf direktem Weg in die Challenge League vorstiess, kamen immer mehr Zuschauer ins Paul-Grüninger-Stadion. Brühl gelang es, sich als Anti-Kommerz-Klub zu etablieren, der für all das steht, wofür der FCSG eben nicht steht. Plötzlich wurde es hip, Brühl-Spiele schauen zu gehen. «Es gibt Zuschauer die interessieren sich überhaupt nicht für Fussball, sind aber jede Woche hier, weil die coolen Leute hier sind», erzählt ein Fan aus der Brühl-Kurve.

«Weil es ist, wie es im Espenmoos war»

Andere wiederum kommen, obwohl sie auch ein Saison-Abo in der AFG-Arena haben. Sie kommen, «weil es hier ein bisschen ist, wie es im Espenmoos einmal war», «weil man hier die Freunde von damals wieder trifft» oder «weil hier ein Klub gezeigt hat, dass man auch mit wenig Geld und gutem Willen auf sportlichem Weg etwas erreichen kann». Gegen die St. Galler Profis reicht der gute Willen der Brühler Amateure jedoch nicht. Philipp Muntwiler verlängert eine Flanke mit dem Kopf: Nach 20 Minuten steht es 0:2.

Oben ohne schaukeln die FCSG-Fans in der Sonne. Sie springen und stimmen an zu: «Wer ned gumpät, isch en Brühler!» Doch plötzlich ändert der Sprechchor. Aus Brühler wird Zürcher. «Weshalb sollte man den kleinen Bruder ärgern, wenn es doch Menschen gibt, die man weniger mag?», erklärt später ein St. Galler Fan. Der SC Brühl lässt den Kopf nicht hängen und versucht ins Spiel zu kommen. Zu oft fehlt aber die Präzision. Die Pässe kommen nicht an.

In der Halbzeit bilden sich lange Schlangen vor dem beigen Container, in dem sich der Wurststand befindet. Immerhin soll es hier die beste Stadionwurst der Schweiz geben. Die Stimmung ist friedlich. FCSG- und Brühler-Fans stehen dicht an dicht, ohne dass es irgendwelche Schwierigkeiten gäbe. Das Spiel ist als «Null-Risiko-Spiel» eingestuft worden. Es gibt kaum Sicherheitspersonal und die Sektoren sind offen. SCB-Präsident René Hungerbühler hatte im Vorfeld des Spiels die St. Galler Kurve explizit willkommen geheissen.

Krücken und überdimensionale Sonnenbrille

Gekommen sind aber nicht nur Ultras, sondern auch ehemalige St. Galler Spitzenspieler. Tranquillo Barnetta an Krücken und mit überdimensionaler Sonnenbrille findet es «schön, dass es nach 40 Jahren wieder einen Stadtmatch gibt». Der ehemalige Nati- und FCSG-Torhüter Jörg Stiel findet es hingegen lediglich nostalgisch schön. «Ansonsten ist es eher tragisch, St. Gallen gehört nicht in die Challenge League», findet er. Gekommen sei er, um sich mit Freunden zu treffen, denn das Spiel sei – ehrlich gesagt – eher bemühend.

Doch das scheint die Zuschauer wenig zu stören. Der Stadtmatch ist mehr Ereignis, mehr Fussballfest als Fussballspiel. Für die kultigen Sportkommentatoren der Sendung «Adrenalin» von toxic.fm ist es gar ein Grossereignis «mit Weltpremiere», wie Kommentator Jann Schaller sagt: «Erstmals kommentieren wir ein Spiel während 90 Minuten durch.»

In der zweiten Halbzeit scheint Brühl den Respekt vor dem Stadtrivalen zu verlieren. Plötzlich ist auch der Weg nach vorne frei. 53. Minute, Christian Böhi mit einem Kopfball. Latte! Ein Aufschrei geht durchs Stadion. «Da wärs jetzt gsii!», schreit ein Mann im Karohemd und verwirft die Hände. Doch wenig später macht Oscar Scarione mit seinem fünften Saisontreffer den Sack zu. Die Enttäuschung hält sich in Grenzen.

«Ein 3:1 ist doch gar nicht so schlecht»

In der Schlussphase wird es nochmals heiss vor dem St. Galler Tor. Daniel Lopar rettet mehrmals in extremis. Schliesslich gelingt es dem eingewechselten Alban Morina in der 81. Minuten irgendwie den Ball über die Torlinie zu drücken. Es ist das 1:3. Damit scheinen alle zufrieden zu sein. Auch nach dem Abpfiff bleibt die Stimmung locker. Selbst der eingefleischte Brühl-Fan Guido Granwehr, der das Spiel von der Seitenbande mitverfolgt hat, ist mit dem Resultat zufrieden. Der 54-Jährige hat selbst 19 Jahre für Brühl gespielt. Er sagt: «Ich hatte Angst, es gäbe ein 7:0 für St. Gallen. Aber ein 3:1 – das ist doch gar nicht so schlecht.»

Aber nicht nur die Fans, sogar die Mannschaft scheint sich über das Resultat zu freuen. Torschütze Molina sagt dem Sportreporter von Radio Top: «Das ist der FC St. Gallen, wir sind der SC Brühl. St. Gallen ist in meinen Augen ein Super League Verein, gegen den kann man und darf man verlieren.» Vielleicht ist man beim SC Brühl einfach realistisch genug, um zu wissen, was möglich ist und was nicht. Hier schätzt man die familiäre Atmosphäre, wo die Spieler am Ende des Matches sich unter die Fans mischen und zusammen eine Bratwurst essen, während draussen vor dem Mannschaftsbus des FCSG die Groupies auf ein Autogramm der Profis warten. Für ein echtes Derby sind das zwei zu unterschiedliche Welten.

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