Inkorrekt und unbeholfen: Das Deutsch der Studenten wird immer schlechter
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Inkorrekt und unbeholfenDas Deutsch der Studenten wird immer schlechter

Professoren schlagen Alarm: Selbst einfachste Grammatikregeln meistern viele Studis nicht mehr. Bei Prüfungen wird auch die Handschrift zum Problem: In vielen Fällen ist sie unleserlich.

von
Till Hirsekorn
Die Sprachkompetenz der Studenten ist im freien Fall – auch an der HSG St. Gallen (im Bild)

Die Sprachkompetenz der Studenten ist im freien Fall – auch an der HSG St. Gallen (im Bild)

In Deutschland sind die Professoren alarmiert. Wie eine interne Umfrage an 135 sprachwissenschaftlichen Instituten ergab, sind immer weniger Studenten im Stande, einen korrekten, gut strukturierten Text aufs Papier zu bringen. An den Schweizer Unis zeigt sich ein ähnlicher Trend, wie Professoren bestätigen: Die Sprachkompetenz der Studenten sinkt.

«Der Satzbau in Arbeiten und Klausuren ist oft falsch, Interpunktion und Grammatik inkorrekt. Auch die sprachliche Ausdrucksfähigkeit nimmt laufend ab», sagt Rainer J. Schweizer, Professor für Öffentliches Recht an der HSG St. Gallen (siehe Infobox). Einem Studenten musste er bei der Schlussklausur gar eine halbe Note abziehen. Die Antworten seien schlicht zu unverständlich und zu unleserlich gewesen. Der Fall gelangte bis vors Bundesgericht – es gab Schweizer Recht.

Haarsträubende Fehler

Auch Gabriella Schmid, Professorin für Soziologie an der Fachhochschule St. Gallen, sieht bei ihren Studenten Defizite. «Viele formulieren unbeholfen. Der rote Faden fehlt», sagt sie. Haarsträubende Fehler wie «das statt dass» oder «Dativ statt Akkusativ» hätten sie dazu bewogen, ihre Studenten vor der Abgabe einer Arbeit dazu anzuhalten, den Text vorher gegenlesen zu lassen. «Viele Arbeiten waren sprachlich so schlecht, dass ich sie ablehnen musste.»

Nebst der Sprachkompetenz verludern offenbar auch die Umgangsformen. Katja Rost, Soziologieprofessorin an der Uni Zürich, kritisiert: «Ein ‹Hallo› ohne persönliche Anrede als Begrüssungsformel in einem Mail ist inzwischen schon durchaus üblich.» Beat Zemp, der oberste Schweizer Lehrer, relativiert: «Jugendliche wachsen heute mit IT auf und kommunizieren anders als frühere Generationen. Daher verliert die Schriftlichkeit an Bedeutung für sie.» Lesen und Schreiben würden aber trotzdem fester Bestandteil des Lehrplans bleiben.

Herr Schweizer*, worin zeigt sich der zunehmende Sprachverfall?

Die Sätze sind abgehackt und unvollständig, oder sie sind falsch konstruiert. Fälle werden vertauscht und Kommas falsch gesetzt. Den Texten mangelt es oft an Schlüssigkeit und Klarheit. Viele Studenten schreiben rasch und unpräzise.

Was hat zu einer solchen Entwicklung beigetragen?

Das Internet wird für Studenten als Quelle immer wichtiger. Die dort verbreiteten Texte sind inhaltlich und sprachlich oft von dürftiger Qualität, zudem meist auf Englisch geschrieben. Die automatische Korrektur in Schreibprogrammen hält den Autor davon ab, den eigenen Text nochmals kritisch zu durchkämmen.

Wie lassen sich sprachliche Defizite künftig verhindern?

Die sprachliche Grundkompetenz erwirbt man in der Grund- und Mittelschule. Jeder Maturand sollte schriftlich und mündlich über ein solides Deutsch verfügen. Denn nur in einer genauen und klaren Sprache können die Gedanken richtig ausgedrückt und vermittelt werden.

* Rainer Schweizer ist Professor für Öffentliches Recht an der HSG

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