Eishockey-Wunder: Das deutsche Märchen und die starken Slowaken
Aktualisiert

Eishockey-WunderDas deutsche Märchen und die starken Slowaken

Die Schweiz spielt heute im Final (20:15 Uhr) um den WM-Titel. Dass dies nicht selbstverständlich ist, zeigen zwei Eishockey-Sensationen der jüngeren Vergangenheit.

von
nry
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Russland (Rekordhalter), Kanada, Schweden, USA, Finnland, Tschechien: Es waren fast immer die gleichen Nationen, die in WM-Finals oder an olympischen Spielen um Medaillen spielten. Ausnahmen gibt es nur wenige.

Russland (Rekordhalter), Kanada, Schweden, USA, Finnland, Tschechien: Es waren fast immer die gleichen Nationen, die in WM-Finals oder an olympischen Spielen um Medaillen spielten. Ausnahmen gibt es nur wenige.

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Die Schweiz konnte diesen Kreis mit der WM-Silbermedaille 2013 durchbrechen und hat heuer erneut die Chance, Weltmeister zu werden.

Die Schweiz konnte diesen Kreis mit der WM-Silbermedaille 2013 durchbrechen und hat heuer erneut die Chance, Weltmeister zu werden.

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Wir erinnern uns: Im Februar eliminierte das deutsche Team in Pyoengchang nicht nur die Schweiz, sondern auch Schweden und Kanada. Die Goldmedaille war greifbar nahe.

Wir erinnern uns: Im Februar eliminierte das deutsche Team in Pyoengchang nicht nur die Schweiz, sondern auch Schweden und Kanada. Die Goldmedaille war greifbar nahe.

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Kanada, Russland (früher Sowjetunion), Tschechien (früher Tschechoslowakei), Schweden, Finnland und die USA sind nicht nur die grössten Eishockey-Nationen der Welt, sie sind auch die mit Abstand erfolgreichsten Teams an Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Insgesamt 92 Goldmedaillen haben diese Nationen zusammen gesammelt, zumeist komplettierten sie auch die restliche Plätze auf dem Podest.

Sehr selten gab es dennoch Aussenseiter, die diese Regel durchbrachen und in den Final einzogen. Die Schweiz gelang dies gestern zum zweiten Mal nach 2013, vielleicht folgt heute sogar das Wunder. Nur zwei andere Nationen, die nicht dem obigen illustren Kreis angehören, haben es in der Neuzeit ebenfalls in den Final eines grossen Turniers geschafft. Einer gelang die Krönung.

Deutschland dreht durch

Bei unserem Nachbarn fühlt es sich wohl immer noch so an, als wäre es erst gestern gewesen. Als die deutsche Nationalmannschaft im Februar dieses Jahres auf dem Eis mit viel Kampf, Willen und Herzblut sich den Weg durch das olympische Turnier in Pyeongchang bahnte. Als sie sich nach einem verhaltenen Start in den Final katapultiere. Zuerst eliminierte das Team um Trainer Marco Sturm in der Zwischenrunde die Schweiz in der Verlängerung, dann trafen sie auf die noch ungeschlagenen Schweden. In einem spektakulären Spiel entschieden sie den Viertelfinal für sich, erneut in der Verlängerung. Die Eurosport-Kommentatoren und wohl auch ganz Deutschland drehten durch.

Auch im Halbfinal war das Winter-Märchen noch nicht zu Ende. Die euphorisierten Deutschen bezwangen das übermächtige Kanada mit 4:3, nachdem sie kurze Zeit sogar mit drei Treffern Differenz führten. Die erst dritte olympische Eishockey-Medaille war gesichert, der vierte Final an einem grossen Turnier (zwei an olympischen Spielen, zwei an Weltmeisterschaften) Tatsache.

Im Final stand nur noch das russische Team, angetreten unter olympischer Flagge, dem finalen deutschen Coup im Weg. Die Deutschen kämpften wie schon im ganzen Turnier um jeden Puck, gingen drei Minuten vor dem Spielende in Führung und hatten ihre Handschuhe bereits an der Goldmedaille. Doch dann konnten die Russen 56 Sekunden vor der Sirene ausgleichen, in der Verlängerung sorgte Kaprisow für die Entscheidung. Es blieb beim Silberwunder für Deutschland, was die Euphorie jedoch kaum dämpfte.

Vier NHL-Stars für ein Halleluja

Anders als bei den Deutschen und den Schweizern gelang den Slowaken nicht nur der Finaleinzug, sondern auch die Krönung. 2002 im WM-Final von Göteborg. Zwar war dieser Titel eine Sensation, doch zu einem gewissen Grad auch absehbar.

Nachdem sich in den Neunzigerjahren die Tschechoslowakei aufgelöst hatte und das Gros an starken Spielern nur noch für Tschechien antrat, musste sich die Slowakei im Eishockey zuerst neu strukturieren. Mit einem überragenden Peter Stastny gelang der Nationalmannschaft die Rückkehr in die A-WM. 2000 folgte der erste slowakische Höhepunkt mit dem WM-Final gegen Tschechien, der verloren ging. Jedoch war zu sehen: die Slowakei besass Potenzial, war bereit für den Exploit.

Zwei Jahre später gelang dieser. Das Team um die vier NHL-Stars Miroslav Satan, Peter Bronda, Josef Stumpel und Zigmund Palffy spielte sich nach einer harzigen Gruppenphase in einen Rausch, besiegte hintereinander Kanada, Schweden und im Final Russland. Es war der erste und einzige Weltmeistertitel in der Geschichte des slowakischen Eishockeys.

Die Chance für die Schweiz

Die Slowakei blieb daraufhin auch die einzige Nation der Neuzeit – 1936 wurde Grossbritannien Weltmeister –, die nebst Kanada, den USA, Russland, Tschechien, Schweden und Finnland ein grosses Eishockey-Turnier gewinnen konnte. Die Schweiz hat diesen Schritt (noch) nicht geschafft. Doch heute Abend besteht die Chance, ein neues Kapitel in der Eishockey-Geschichte zu beginnen.

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