Aktualisiert 10.01.2016 09:14

Arme HipsterDas Dilemma der Bartträger

Hipsterbart bedeutet «Mainstream», ihn abzuschneiden birgt die Gefahr, «charakterlos» zu wirken. In den nächsten Monaten soll sich die Spreu vom Weizen trennen.

von
R. Landolt

Erst gerade noch war er ein Muss für jeden Hipster, der ernst genommen werden wollte. Einschlägige Blogger und Fashion-Experten haben ihn nun aber dem Tod geweiht: den Hipster-Bart. Vorreiter der Bärte-Bewegung hätten ihn bereits vor Monaten abrasiert, mittlerweile kämen auch «Zürcher Bürschchen mit freien Knöcheln und Turnrucksäckchen» ins Stutzen, wie Stilexperte Jeroen van Rooijen sagt. Er ist sich sicher: «Der Hipster-Bart hat seinen Zenit erreicht».

Dem «Barbershop Zürich» rennen die Bärtigen nichtsdestotrotz noch immer die Türen ein. Geschäftsführer Eddine Belaid weiss: «Es sind nicht weniger, es sind immer mehr.» Für dieses Jahr plant er den dritten Shop, er muss von vier auf sieben Barbiere aufstocken. «Der Bart ist nicht out. Im Gegenteil, er hat sich erst jetzt festgesetzt. Er ist im Mainstream angekommen. Nicht umsonst waren die Glitzer-Bärte in der Weihnachtszeit auf jedem Instagram-Account zu sehen.»

Angst vor 08/15

Genau weil der Bart aber «Mainstream-Qualität» erreicht hat, wie van Rooijen sagt, befinden sich viele Bartträger jetzt aber offenbar in einem ernsten Dilemma: «So kann man sich mit ihm nicht mehr von der Masse abheben.» In Martina Russis Shop The Barber Paradox in Zürich ist es «bei solchen, die schon lange einen Voll-Rauschebart tragen» tatsächlich «ein Thema, dass nun alle Bart tragen». Die meisten entschlössen sich dann einfach für eine etwas kürzere Variante: «Um ihn ganz wegzumachen, ist es wohl noch etwas zu früh.»

Warum dieser Kompromiss? Die Antwort dürfte van Rooijen haben: «Bartträger müssen sich im Moment die Frage stellen, ob man nicht erst recht daneben liegt, wenn man den Bart gerade jetzt abhaut, wo er wieder out sein soll.» In und out, das sei nämlich generell ein etwas veraltetes Konzept. «Trends sind quasi nicht mehr in. Sie kommen nicht mehr aus der Mode.» Das Repertoire werde einfach erweitert. So sei auch der Bart schlicht eine Möglichkeit, die nun hinzugekommen sei.

Vieles spricht noch immer für den Bart

Auch Russi ist überzeugt, dass der Bart nicht dem Untergang geweiht ist: «Im Arbeitsumfeld von Bankern und Beratern wurde ein gepflegter Bart noch vor einem Jahr kaum akzeptiert». Ausserdem stehe er fast jedem, mache männlich und sei viel praktischer als die tägliche Glattrasur. Sie vergleiche den Bart jeweils mit den Röhrlijeans: «Auch diese wurden immer mal wieder totgesagt. Aber sie haben sich gehalten, weil sie leicht zu kombinieren sind und fast allen Frauen stehen.»

Obwohl der Bart den Zenit erreicht haben soll, glaubt auch van Rooijen nicht, dass er verschwindet: «Viele haben nun gemerkt, dass sie besser, männlicher aussehen.» In nächster Zeit werde sich deshalb zeigen, «bei wem der Bart nur ein Accessoire und bei wem er Teil der Persönlichkeit ist». Allerdings mache ein Bart auch älter. «Das kann den Hipster-Bürschchen momentan noch nicht schaden.» Wenn die vielen jungen Bartträger eines Tages die 30 erreichten, sei Bart-Abhauen aber «wie die erste Massnahme, um wieder jünger zu wirken». Mit ein Grund, warum uns der Bart laut van Rooijen «grosso modo noch fünf Jahre» vergönnt sein wird.

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