Wohin, Schweiz? Teil 3: Das Dörfli in der Stadt
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Wohin, Schweiz? Teil 3Das Dörfli in der Stadt

In der urbanen Kneipe sitzen die Linken, in der Dorfbeiz die Rechten. Wie also sieht ein städtischer Stammtisch aus? Auf ein paar «Tschümperli» im Luzerner Durzügli.

von
J. Bedetti/ A. Mustedanagic
Ein Dörfli in der Stadt: Das Durzügli in Luzern.

Ein Dörfli in der Stadt: Das Durzügli in Luzern.

Als erstes lernen wir Fritz kennen. Fritz, der mit Weste, Bart und olivgrünem Hut wie ein Jäger aussieht, starrt abseits vom lärmenden Stammtisch in sein Bier. Ob er sich für Politik interessiere, fragen wir. Fritz hebt den Kopf und fixiert uns.

«WIEVIELE RÄTE WERDEN GEWÄHLT?!», bellt er.

«Äh, warten Sie, etwa 250, aber…», antworte ich verdutzt, und Fritz setzt schon mal den Exekutionsblick auf. «246, natürlich», kommt der Reporterkollege zu Hilfe. Fürs erste ist die Situation gerettet, aber Fritz hat schon nachgeladen.

«WIE HEISST DIE NEUE MEDIENGEWERKSCHAFT? SEID IHR MITGLIED?»

Wir stammeln etwas zusammen, aber Fritz setzt jetzt ein gnädiges Lächeln auf. Fritz, pensionierter Typograf, Gewerkschaftsmitglied und aufrechter Linker, politisiert gerne und mit grosser Kenntnis.

Für Politik zu verladen

Unserem Vorhaben, im «Durzügli» das Politisieren der Stammgäste zu protokollieren, sieht er jedoch mit Skepsis entgegen. Das Niveau sei nicht besonders hoch und werde mit zunehmendem Alkoholpegel noch tiefer. «Das heisst, man hört vor allem SVP-Gebrüll», so Fritz. Meist sei der Stammtisch aber zu verladen, um sich um Politik zu kümmern.

Wir probieren es trotzdem. Am Stammtisch sitzen der schalkige Lutz, der grinsende Peti, die stille Christine und der gottsjämmerlich betrunkene Eric.

Ob die Runde schon abgestimmt habe, fragen wir.

«ES SIND WAHLEN, KEINE ABSTIMMUNGEN, HERRGOTT», ruft Fritz dazwischen.

Lutz versichert, dass ihn die Wahlen nicht interessieren und zählt zum Beweis die Parteien auf: «Es gibt die CVP, die SBB, die …». Peti grinst in sein Bier. Christine winkt ab. Eric lallt unverständlich herum, ist plötzlich schrecklich aufgebracht und will gehen, bleibt aber und fängt an, mit einer Gummiente herumzuquietschen.

Wir beschliessen, den Tisch zu wechseln.

Wie im Hinterland

Sandra, die Wirtin, hatte uns vorgewarnt, dass der Stamm nicht sonderlich Politik-affin sei; es befänden sich halt viele Sozialfälle darunter und so. Zum Glück hat das Durzügli, das offiziell Café La Suisse heisst und seinen Spitznamen der ungeschickten Anordnung von Vorder- und Hintertür verdankt, eigentlich nur Stammtische.

Überhaupt macht die Beiz den Eindruck, als sei sie direkt vom Luzerner Hinterland ins Stadtzentrum verpflanzt worden. Der Tisch hinter uns ist für den Örgeli-Verein reserviert; noch weiter hinten sitzt eine Runde vom Einleger-Verein beim Bier. Einlegen ist eine Sparhilfe: Jeder legt wöchentlich etwas in die Kasse und erhält den Betrag Ende Jahr zurück. Dort wollen wir unser Glück noch einmal versuchen.

Der Einleger-Tisch ist SVP-Stammland, wie sich schnell herausstellt. Nur der adrette Noldi mit dem rosaroten Brillenbändeli bekennt sich zur BDP. Und die Moni flüstert uns zu, dass sie vor allem wegen ihrem Mann Pauli, der am anderen Tischende hockt, die SVP-Liste einlege.

Ob sie eine verkappte Linke sei, fragt der Reporter flüsternd zurück. «Um Gottes Willen, nein!», ruft Moni entsetzt, «das sicher nicht.»

Noch ein Tschümperli!

Es folgen Bekenntnisse zur Volkspartei, die irgendwie halbherzig klingen, weil die SVP-Anhänger sie wie programmierte Roboter von sich geben.

«Wir haben 25 Prozent Ausländer; ich würde sagen, das sind genug», sagt Christoph.

«Christoph Blocher ist einer, der…» Anni, pensionierte Hausfrau, Mutter und Lageristin, ringt nach Worten und illustriert das Gemeinte, indem sie tut, als ob sie auf den Tisch haue.

«…einer, der Klartext spricht!», sekundiert Moni, pensionierte Hausfrau, Mutter und Schulhaus-Abwart.

«Sandra, noch ein Tschümperli!», ruft jemand.

Eigentlich waren wir ja in die Stadt Luzern gereist, um nach Ausflügen aufs Land und in die Agglo einen Stammtisch im urbanen Raum zu besuchen.

Bei dieser Spielanlage stellen sich gleich mehrere Fragen: Gibt es überhaupt Stammtische in städtischen Beizen? Wenn Stammtische rechts sind und Städte links, wenn Rechte Polterer und Linke Intellektuelle sind – wie sieht dann ein städtischer Stammtisch aus?

Können typische Städter wie Lehrer und Grafiker poltern? Sitzen die nicht mit gespreiztem Finger bei toskanischem Rotwein und regen sich gepflegt über zu hohe Mieten auf? Ist das überhaupt noch ein Stammtisch?

Kommunisten im Widder

Vor dem Polit-Desaster an Stammtisch Nummer eins hatten wir uns bei Fritz, dem aufrechten Linken, erkundigt. «Früher gab es linke Stammtische», erzählte Fritz mit einem Hauch von Nostalgie, «da sassen im Widder Italiener zusammen, allesamt Kommunisten und Sozialisten.»

«Aber den Widder gibt es schon lange nicht mehr», sagt er.

Wir fragten Fritz noch, wieso er nicht linksalternative Beizen wie das Neustädtli besuche, wo er beim politisieren nicht ständig auf die Schnauze bekomme. Fritz grunzte in bester Stammtisch-Manier. «Dort kann man den Mund aufmachen, beispielsweise wenn man sagt, dass man wirklich nicht alle Ausländer, die reinwollen, aufnehmen kann!»

Ausserdem seien das hier seine Freunde, fügte Fritz hinzu, und nach den Diskussionen klopfe man sich auf die Schulter.

An Tisch mit den Einlegern sind die Gespräche etwas warmgelaufen. Pauli, Noldi, Moni, Hanni und Christoph überlegen, ob man die Politiker wegen der Partei oder wegen der Person wählen soll und ob man die Person hinter dem Wahlplakat überhaupt kennt. Nur Ruedi, «stiller Beisitzer» genannt, schweigt.

Pauschalsteuern okay

Weil die politische Konstellation der Tischs – fünf SVPler, eine BDPler, Ruedi schweigt sich auch über politische Sympathien aus – nicht wirklich Zündstoff birgt, starten wir verzweifelte Versuche, linke Positionen aus den SVPlern herauszukitzeln.

Ob sie die Gehälter von Bankmanagern nicht unfair fänden?

«In einzelnen Fällen vielleicht übertrieben, aber wer viel leistet, soll auch viel verdienen», meint Christoph.

Pauschalsteuern für reiche Ausländer?

«Das ist schon gut, insgesamt zahlen sie ja immer noch mehr Steuern als wir», sagt Moni.

Und die Stadtregierung von Luzern – macht die denn alles falsch?

«Was sie machen müssen, machen sie schon recht», meint Anni.

Vom Provinznest zur Metropole

Immerhin. In der Stadtregierung sitzen seit einigen Jahren nämlich auch zwei Linke (neben zwei Bürgerlichen und einem parteilosen Stapi). Überhaupt hat sich Luzern in den letzten Jahren von einer bäuerisch geprägten Postkarten-Provinzstadt zur urbanen Metropole entwickelt.

Gerade hat die Stadt den Vorort Littau eingemeindet. Seit zehn Jahren gibt es eine Universität. Mit der Uni kamen die Studenten und mit den Studenten Clubs und Cafés mit Latte-Macchiatos. Am Helvetiaplatz in der Neustadt macht sich ein Flair wie in einem Zürcher Szene-Quartier breit.

Das finden Anni, Moni und Christoph nicht schlimm. «Auf die Universität sind wir stolz», sagen sie. Anni kennt sogar den Electro-Club Bar 59. Wenn auch nicht von innen. Moni bekennt, gerne das subventionierte Stadttheater zu besuchen. Christoph, der mit seinem Bart, dem schwarzen T-Shirt und den Lederbändeln am Arm wie ein Metal-Fan aussieht, stellt sich als kulturinteressierter Hausarzt mit Zweitwohnung an der Zürcher Langstrasse heraus. Ein Hauch urbaner Stimmung macht sich am Stammtisch breit.

Grösste Sorge: Das Durzügli

Zudem meinen wir festzustellen, dass die hauptsächlichen Sorgen der drei nicht die Ausländer betreffen, sondern Themen, mit denen die Linke Wähler fischt.

«Die Wohnungen werden immer teurer», klagt Moni.

«Das Bier wird auch teurer», klagt Anni.

«Irgendwie rechnen die den Warenkorb, mit dem sie Lebenshaltungskosten berechnen, nicht richtig zusammen», vermutet Christoph.

Aber deswegen kommen sie noch lange nicht auf die Idee, links zu wählen.

Ihre grösste Angst aber sowieso, dass ihr Dörfli in der Stadt verschwindet. Dass das Durzügli wie alle anderen Beizen der Innenstadt einem Kleiderladen oder einer Bijouterie weichen muss. Christoph, Moni und Anni setzen auf den sozialen Sinn der Volkspartei: «Wenn sich jemand für Heimatschutz einsetzt, dann die SVP», sagt Christoph.

Bierseligkeit

Für weitere Erörterungen sind inzwischen zu viele Tschümperli geflossen. Die Bierseligkeit, die politische Gegner versöhnt und die professionelle Distanz der Journalisten zu ihren Informanten zersetzt, wabert im Durzügli umher, dicker als der Zigarettenrauch; in Luzern haben kleine Beizen kein Rauchverbot.

Christoph berät die Serviertochter, der es anscheinend überall weh tut. Fritz, der aufrechte Linke, ist heimgegangen. Eric ist immer noch gottsjämmerlich betrunken. Ruedi schweigt. Und die Wirtin Sandra weigert sich, Geld für unser Bier anzunehmen. Wir lassen eine Zwanzigernote liegen und brechen auf.

20 Minuten Online am Stammtisch

Wer der Schweizer Bevölkerung auf den Zahn fühlen will, kann am Stammtisch nicht falsch sein. Kurz vor den Eidgenössischen Wahlen hat 20 Minuten Online an drei Abenden mit der Bevölkerung mitgetrunken - auf dem Land, in der Agglomeration und in der Stadt.

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