Vor der Bundestagswahl: Das Duell nach dem Duell
Aktualisiert

Vor der BundestagswahlDas Duell nach dem Duell

Union und SPD reklamierten den Sieg für sich, die Opposition sah beide Kontrahenten als Verlierer und die Umfragen ergaben ein Unentschieden – über das Resultat des Fernsehduells ist sich Deutschland uneins. Doch nun schiessen die beiden Kontrahenten scharf.

Die CDU-Vorsitzende und der SPD-Kanzlerkandidat hatten in dem Duell auf scharfe gegenseitige Attacken verzichtet. Entsprechend fielen die Kommentare in den Zeitungen am Montag aus. «Kuschel-Duell statt Wahlkampf: Yes, we gähn!» titelte die «Bild»-Zeitung. «Duett statt Duell» lautete die Schlagzeile auf der Seite eins der «Berliner Morgenpost».

SPD spürt Rückenwind für die Wahl

In den Blitzumfragen lagen Merkel und Steinmeier Kopf an Kopf. Im ZDF sahen 28 Prozent der Befragten Merkel als Siegerin, 31 Prozent Steinmeier. In der ARD fiel das Ergebnis noch knapper aus: Für 43 Prozent gewann Steinmeier, 42 Prozent fanden Merkel besser. Nach einer RTL-Umfrage ging das Duell 37 zu 35 Prozent für Merkel aus.

Beide Parteien sahen sich trotzdem als Sieger. SPD-Chef Franz Müntefering sprach von einem Durchbruch für seine Partei im Wahlkampf. SPD-Generalsekretär Hubertus Heil sagte, Steinmeier habe vor allem bei den unentschlossenen Wählern deutlich gepunktet. «Insofern war das Rückenwind für die Wahl am 27. September.»

CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla meinte dagegen, Steinmeier habe keine Machtperspektive, er stehe für einen instabilen Schlingerkurs. Sein einziger Anspruch sei, «dass er Schwarz-Gelb verhindern will».

Ton zwischen Merkel und Steinmeier wird schärfer

Der SPD-Kanzlerkandidat selbst wies den Vorwurf zurück, das Duell sei zu harmonisch verlaufen und er habe zu wenig Angriffslust gezeigt. «Es war kein Duett, sondern ein Duell mit Inhalten», unterstrich Steinmeier. Nachdem er bei seinem Fernsehauftritt auf persönliche Attacken gegen Merkel verzichtet hatte, griff er die Kanzlerin in einem am Montag veröffentlichten Interview scharf an und bezeichnete ihre Politik als völlig substanzlos. «Wir haben es mit der 'Ich auch'-Kanzlerin zu tun: Wann immer jemand eine erfolgversprechende Idee hat, sagt Angela Merkel: 'Ich auch'», kritisierte Steinmeier in der Parteizeitung «Vorwärts».

Auch Merkel verschärfte den Ton und warnte vor einem zunehmenden Drang der Sozialdemokraten in Richtung Linkspartei. Es gebe in der SPD «schwere Richtungskämpfe um das Verhältnis zur Linkspartei», sagte sie in einem Interview des «Bonner Generalanzeigers».

«Das war ein Abend, der nach Grosser Koalition roch»

Die Opposition zeigte sich enttäuscht vom einzigen Fernsehduell vor der Wahl. «In meinen Augen ist das ein verlorener Fernsehabend gewesen», sagte FDP-Chef Guido Westerwelle. Ihm behagte vor allem die Übereinstimmung der beiden Kandidaten in zentralen Fragen nicht: «Das war ein Abend, der nach Grosser Koalition roch, aus allen Poren.»

Linken-Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch nannte die Sendung «sehr langweilig». Grünen-Vorsitzende Claudia Roth kritisierte das Duell als «politische Luftgitarrenmeisterschaft». Es sei der Versuch gewesen, möglichst nicht über die Zukunft zu reden.

Keine wesentliche Beeinflussung des Wahlausgangs erwartet

Politologen rechnen nicht damit, dass das Duell den Wahlausgang wesentlich beeinflussen kann. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass sehr viele Wähler durch ein so kreuzbraves Duell ihre Meinung ändern werden», sagte der Politologe Eckhard Jesse auf MDR Info.

Auch der Mainzer Politikwissenschaftler Jürgen Falter konnte nur wenige Unterschiede zwischen den beiden Kandidaten feststellen. «Es war sehr, sehr viel Einmütigkeit zwischen den beiden. Es war fast schon die Vorbereitung einer Fortführung der Grossen Koalition», sagte er im Deutschlandfunk.

Das von vier Sendern übertragene Duell sahen nur 14,18 Millionen Zuschauer - vor vier Jahren waren es noch fast 21 Millionen.

(dapd)

Deine Meinung