Höhenflug: Das Eishockeymärchen der Amateure aus Winterthur
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HöhenflugDas Eishockeymärchen der Amateure aus Winterthur

Der EHC Winterthur ist als Tabellenzweiter die grosse Sensation in der NLB. Und das mit einem Mini-Budget von 1,4 Millionen Franken.

von
Marcel Allemann
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Der EHC Winterthur schwimmt auf einer Erfolgswelle. Mit fünf Siegen aus acht Spielen grüsst der EHCW Anfang der NLB-Saison vom zweiten Tabellenplatz.

Der EHC Winterthur schwimmt auf einer Erfolgswelle. Mit fünf Siegen aus acht Spielen grüsst der EHCW Anfang der NLB-Saison vom zweiten Tabellenplatz.

FreshFocus/Martin Meienberger
Baumeister des Erfolgs ist Trainer Michel Zeiter. Der ehemalige Stürmer und zweifache Meister mit den ZSC Lions hat dem NLB-Verein das Sieger-Gen eingeimpft.

Baumeister des Erfolgs ist Trainer Michel Zeiter. Der ehemalige Stürmer und zweifache Meister mit den ZSC Lions hat dem NLB-Verein das Sieger-Gen eingeimpft.

FreshFocus/Martin Meienberger
Aktueller Topksorer beim EHCW ist Gian-Andrea Thöny. Der 24-jährige Stürmer hat nach acht Partien acht Treffer und einen Assist auf seinem Konto stehen.

Aktueller Topksorer beim EHCW ist Gian-Andrea Thöny. Der 24-jährige Stürmer hat nach acht Partien acht Treffer und einen Assist auf seinem Konto stehen.

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Am Dienstag landete Winterthur mit dem 3:2-Sieg gegen Red Ice Martigny den nächsten grossen Wurf. Die Walliser verfügen über professionelle Strukturen und das viermal grössere Budget als die Mannschaft von Trainer Michel Zeiter.

Bei Winterthur, das erst seine zweite Saison in der NLB bestreitet und im letzten Jahr abgeschlagen Letzter wurde, sind die Spieler dagegen Amateure und arbeiten zu 100 Prozent. Trainiert wird deshalb jeweils erst abends. «Ich habe gewaltigen Respekt vor meinen Jungs. Sie haben den ganzen Tag Stress im Geschäft, und um 17 Uhr steht dann jeweils auch noch der Zeiter auf der Matte und verlangt 120 Prozent Einsatz», sagt der frühere ZSC-Kultstar und Nati-Stürmer.

Saisonziele nicht korrigieren

Es ist ein sportliches Wunder, ja ein Märchen, dass die Winterthurer derzeit Rang 2 in der Tabelle einnehmen. Die Spiesse der Konkurrenten aus Olten, Rapperswil-Jona, Langenthal oder Visp sind ungleich länger. Im Vorfeld musste von einer weiteren Saison am Tabellenende ausgegangen werden.

Beim Club selbst hatte man sich das Ziel gesetzt, bis Weihnachten an die Konkurrenz im hinteren Tabellendrittel Anschluss halten zu können. Und nun sorgt «Winti» als Riesentöter in der Liga für Angst und Schrecken. «Die Punkte, die wir auf dem Konto haben, kann uns niemand mehr nehmen. Wir dürfen diesen Moment geniessen, müssen aber auch bescheiden bleiben», sagt Zeiter.

Davon, dass nun sogar die Playoffs möglich sind, will er nichts wissen: «Wenn ich dieses Wort nur schon höre, drehe ich fast durch. Die Realität ist eine andere – Winterthur hat letzte Saison ganze sechs Spiele nach 60 Minuten gewonnen.» Ihm geht es darum, in Winterthur etwas aufzubauen und für Nachhaltigkeit zu sorgen: «Wir wollen sportlich und wirtschaftlich wachsen, eine gute NLB-Adresse werden.»

Nach Weiterbildung den richtigen Job gefunden

Zeiter ist seit dieser Saison beim EHCW, im Doppelmandat als Trainer und Sportchef. Nachdem er bei Visp und Rappi seine ersten Erfahrungen als Trainer gesammelt hatte, blieb der zweifache Familienvater danach ein Jahr lang ohne Job. Der Ostschweizer musste erfahren, dass er sich in einem schwierigen Betätigungsfeld befindet und der Prophet im eigenen Land nicht viel gilt. SCB-Meistertrainer Lars Leuenberger, der aktuell ohne Job dasteht, lässt grüssen.

Der 42-jährige Zeiter hat die Zeit genutzt, um sich in Nordamerika weiterzuentwickeln, konnte auch beim KHL-Club Jokerit Helsinki reinschauen und bildete sich dazu an verschiedenen Referaten der Privatwirtschaft weiter. «Das Eishockeytechnische ist das eine, aber es geht als Trainer auch um die Führung einer Gruppe und mentale Komponenten», erzählt er.

Es seien enorm wertvolle Erfahrungen gewesen, die er gesammelt habe. Als dann die Anfrage aus Winterthur kam, sah er den Zeitpunkt gekommen, das umzusetzen, was er in den letzten Jahren gelernt hat: «Hier kann ich etwas aufbauen. Diese Aufgabe ist zwar enorm anspruchsvoll, bereitet mir aber auch sehr viel Freude.» Die Freude ist nach diesem grandiosen Saisonstart zweifellos gegenseitig.

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