Flüchtlingspolitik: Das Elend im Mittelmeer – Zahlen und Fakten
Aktualisiert

FlüchtlingspolitikDas Elend im Mittelmeer – Zahlen und Fakten

Die EU debattiert, wie sie auf die Flüchtlingsströme reagieren will. Was hat Europa bisher getan, was war der Effekt und wer nimmt die meisten Menschen auf?

von
Katrin Moser

800 Tote an einem Tag: Das Flüchtlingsdrama vor der libyschen Küste am 19. April schreckt die Politik auf. Jetzt treffen sich die EU-Staats- und Regierungschefs zu einem Krisengipfel in Brüssel. Ihr Ziel: Geeignete Massnahmen beschliessen, um die Flüchtlingskrise in den Griff zu bekommen.

Wie ging Europa bisher mit Flüchtlingen um, was brachte diese Strategie und woher kommen die meisten Migranten? Die wichtigsten Zahlen und Fakten im Überblick:

Die bisherigen Massnahmen

Wegschauen, retten, mauern – so könnte man die Reaktion Europas auf die Tragödien im Mittelmeer kurz zusammenfassen. Lange unternahm niemand etwas, um dieses Sterben zu beenden. Bis Papst Franziskus am 8. Juli 2013 nach Lampedusa reiste und die Politik zum Handeln aufforderte.

Mare Nostrum war die Folge. Das italienische Seerettungsprogramm startete drei Monate später und rettete Zehntausenden Menschen das Leben. Weil gleichzeitig immer mehr Flüchtlinge die Reise über das Mittelmeer wagten, warfen Politiker Italien zunehmend vor, das Programm ziehe noch mehr Migranten an. Aus Geldmangel, aber auch auf Druck der EU stellte Italien Mare Nostrum nach einem Jahr ein.

Die EU reagierte mit dem Grenzschutzprogramm Triton. Heute zeigt sich: Es kommen nicht weniger Flüchtlinge, aber es sterben mehr.

Die beiden Programme im Vergleich:

Grenzschutz statt Nothilfe – so heisst die Devise unter Triton. Die Seerettung wurde an Private delegiert. Mit der Folge, dass immer mehr Seeleute mit den Katastrophen konfrontiert sind. Weil Kündigungen zunehmen, schlagen Reeder Alarm.

Neben dem EU-Programm Triton setzen einzelne Länder auch auf Grenzschutz. Griechenland erstellte einen zehn Kilometer langen Zaun an der Grenze zur Türkei, Spanien riegelte seine Enklaven Ceuta und Melilla in Marokko mit Hightech-Grenzzäunen ab, und auch Bulgarien plant einen Grenzzaun. Die Folge: Relativ sichere Landwege fallen weg, mehr Migranten sehen sich gezwungen, über das Meer zu reisen (siehe dazu Infografik ganz oben).

Wo die Flüchtlinge landen

Wohin reisen die Überlebenden, welche Länder tragen die grösste Last? Deutschland bearbeitete in den Jahren 2010 bis 2014 mit 434'260 Anfragen am meisten Asylanträge und steht damit an erster Stelle, die Schweiz mit 100'460 Anträgen rangiert auf Platz 8.

Anders sieht es aus, wenn man die Anzahl Anträge mit der Bevölkerungszahl vergleicht: Mit 5,3 Asylanträgen pro 1000 Einwohner landet Deutschland auf Platz 13, die Schweiz dagegen mit 12,3 Anfragen pro 1000 Einwohner auf Platz 5. Und an erster Stelle steht neu: Schweden.

Politiker aus den am meisten betroffenen Ländern fordern einen Verteilschlüssel auf der Grundlage der Asylantragszahl pro Einwohner. Auch über diese Massnahme debattieren die EU-Staats- und Regierungschefs diesen Donnerstag. Viele EU-Länder sträuben sich vehement gegen einen Verteilschlüssel.

Um Kriegsflüchtlinge aus muslimischen Staaten sollen sich muslimische Staaten kümmern. Dies ist eine weitere Forderung, die europäische Politiker vermehrt stellen. Doch das Beispiel Syrien zeigt: Die wenigsten syrischen Flüchtlinge reisen nach Europa. 38 europäische Länder haben weniger Menschen aufgenommen als die Türkei, weniger als der Libanon, als Jordanien oder der Irak. In Ägypten befinden sich fast so viele Syrer wie in 38 europäischen Staaten zusammen.

Muslimische Staaten nehmen – im Gegensatz zu Europa – ihre Verwantwortung gegenüber den syrischen Kriegsflüchtlingen wahr.

Woher die Flüchtlinge und Migranten stammen

Krieg, Armut, Terrorismus und Menschenrechtsverletzungen – davor fliehen die Menschen aus ihren Heimatländern. Die Syrer nehmen in dieser Rangliste – in absoluten Zahlen – den traurigen Spitzenplatz ein. Darauf folgen Eritreer, Iraner, Afghanen und Russen.

In dieser Infografik finden Sie die Anzahl Migranten in den Jahren 2013 und 2014 sowie den Platz in der Rangliste der Länder mit den meisten Auswanderern.

Todesfalle Mittelmeer

Die Flüchtlingsströme über das Mittelmeer haben in den letzten Jahren zugenommen. Der Arabische Frühling im Jahr 2011 führte zu einem ersten Höhepunkt, der sich verschärfende Bürgerkrieg in Syrien und Terrororganisationen wie Boko Haram und der «Islamische Staat» zu einem nächsten. Diesen Sommer, so befürchten Menschenrechtsorganisationen, dürfte ein weiterer Rekord erreicht werden.

Aktuelle Zahlen widerlegen die Behauptung, dass das italienische Seenotrettungsprogramm Mare Nostrum zu einem Anstieg der Überfahrten im Jahr 2014 beigetragen hat: Allein in den ersten vier Monaten des Jahres 2015 reisten rund 35'000 Menschen von Nordafrika aus übers Mittelmeer nach Europa. Geschätzte 1500 Personen sind in diesem Jahr bereits gestorben.

Und es dürften mehr werden: Die EU-Grenzschutzbehörde Frontex schätzt, dass dieses Jahr 500'000 bis eine Million Menschen den Weg über das Mittelmeer antreten werden.

Hunderte Flüchtlinge starben am 19. April bei einer Schiffskollision vor der libyschen Küste. Tags darauf spielten sich vor der griechischen Insel Rhodos schreckliche Szenen ab. Diese Vorfälle waren ein Weckruf für die Politik.

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