Eröffnung Westumfahrung: Das Ende der hässlichsten Strasse der Schweiz

Aktualisiert

Eröffnung WestumfahrungDas Ende der hässlichsten Strasse der Schweiz

Chill-Out-Musik statt Lastwagen-Lärm: Die Tage der hässlichsten Strasse der Schweiz sind gezählt. Ein Streifzug durch die Weststrasse in Zürich zeigt, wie sich die Menschen hinter den russigen Fassaden auf das Leben nach der Verkehrslawine vorbereiten. Oder gleich den Bettel hinschmeissen.

von
Adrian Müller

Der Boden vibriert, die Hauswände zittern. Nein, es ist kein Erdbeben, welches die Zürcher Weststrasse erschüttert. Ein überlanger Holztransporter donnert über den Asphalt in Richtung Chur und stösst eine Abgaswolke aus seinem Auspuff, welche an ein Kohlenkraftwerk erinnert. Nur zehn Meter neben der Quartier-Autobahn, auf der selbst gezählte 60 Fahrzeuge pro Minute vorbeifahren, spielen sechs kleine Kinder in einem Hinterhof mit Comic-Figuren. «Mir gefällt es hier», erklärt die sechsjährige Eranda ohne mit der Wimper zu zucken. «Allerdings hat mein Mami gesagt, dass wir nie an die Strasse gehen dürfen», sagt sie und steckt eine «Shrek»-Figur in den Sand. Momentan ist die Mama allerdings nicht zu Hause: Wie viele Bewohner der Weststrasse stammt sie aus dem Secondo-Arbeitermilieu. Mama ist Verkäuferin, der Papa Putzmann, wie es die kleine Eranda ausdrückt.

Flanierzone? Niemals!

Am 4. Mai können Eranda und ihre Spiel-Gspänlis aufatmen. Die Eröffnung der Westumfahrung lindert das Verkehrsleiden der Weststrasse-Anwohner erheblich. Den Planern schwebt vor, die hässlichste Strasse der Schweiz in eine Flanierzone zu verwandeln. «Das bringt eh nichts und dauert zu lange - ich mache meinen Laden nach zehn Jahren Büez nächstens dicht.» Ruth Widmer, die Wirtin des Restaurants «Glarnerstübli», ist aufgebracht. Es habe hier ja keine Läden und keine Leute, sie habe einfach «die Nase gestrichen voll» - von den heruntergekommenen Häusern und den Sozialhilfe-Bezügern, welche darin wohnten. «Und nun zwei Jahre Bauerei, das will ich mir nicht mehr antun», so Widmer.

Auf den engen Trottoirs sind nur vereinzelt Passanten anzutreffen. Auffällig ist, dass viele orthodoxe Juden unterwegs sind. Einer von ihnen ist der Deutsche Michael Mantan. «Ich hab mich immer über die Weststrasse geärgert – in keiner anderen europäischen Grossstadt führt eine Autobahn mitten durchs Quartier», sagt er und schreitet mit seinem Aldi-Einkaufssack in der Hand weiter. 50 Meter entfernt, direkt an der Weststrasse, steht die Synagoge, der Anziehungspunkt für die vielen Juden. «Ich komme dreimal pro Tag hierher – der Verkehr stört beim Gottesdienst aber nicht», sagt ein Gläubiger. Gleich nebenan schüttet eine Angestellte des Restaurant «Cyrus» einen Kübel Wasser über die Eingangstreppe. Eine schwarze Brühe rinnt auf die Strasse. «Die Luft ist hier dermassen russig, dass ich die Stufen jeden Tag mehrmals reinigen muss», klagt die Frau.

Wurst statt Jasskarten

Nicht nur die Treppen, sondern auch die Auto-Abstellplätze sind äusserst schmutzig. Ein Hilfsarbeiter des Restaurants «Ecke» reinigt den Vorplatz allerdings etwas gar gründlich. «Wir bauen hier einen Garten-Sitzplatz mit Grill auf», verkündet der Türke Yustafa Yalcin mit freudiger Stimme. Bis anhin sei dies wegen der vielen Autos undenkbar gewesen. Der Betreiber der «Ecke» freut sich auf das Ende des Verkehrs-Horrors: «Wir haben die Fenster selbst im Sommer nie aufgemacht.» Die Leute hätten deshalb nur Karten gespielt und Bier gebechert, anstatt etwas zu essen.

Die «Ecke» ist nicht die einzige Beiz, die das Ende der hässlichsten Strasse der Schweiz herbeisehnt. Im «Zum guten Glück» vermischt sich Chill-Out-Musik mit Lastwagen-Lärm, die grosse Fensterfront ist zur Hälfte geschlossen. «Wir haben das Lokal mit dem Hintergedanken eröffnet, dass die Weststrasse verschwindet», erklärt Mitinhaberin Rebecca Zolliken. Das Quartier sei mittlerweile eine Weiterführung der Langstrasse. «Neureiche Architekten prallen auf Leute verschiedenster Kulturen.» Dies sei eine attraktive Umgebung für trendige Lokale.

Flucht aufs Land

Gar nicht sexy sieht der Kinderladen «Schmetterling» auf den ersten Blick aus. Kinderwagen reiht sich an Kinderwagen, dazwischen steht die Besitzerin Karin Roos. «Ich freue mich jeden Abend, wenn ich nach Wädenswil an die frische Luft fahren kann», erklärt die rüstige Dame. Die stetige Abgasbelastung setzt ihr zu: «Ich habe viel Halsweh, meine Augen beissen wegen dem Ozon.» Doch auch sie profitiert von den zahlreich vorbeifahrenden Autos – viele Neukunden sehen den Laden erst, wenn sie im Stau stehen.

Diese Kunden fehlen ihr in Zukunft - ob die zusätzlichen Passanten die Lücke füllen können, wird sich in den nächsten Monaten zeigen.

25-jährige Leidensgeschichte

Die Westumfahrung Zürich hat eine lange Geschichte hinter sich. Bereits 1971 wurde die «nordwestliche Umfahrung der Stadt Zürich» im Nationalstrassennetz aufgenommen. Realisiert wurde aber ab 1978 zunächst nur der nördliche Teil zwischen Limmattaler Kreuz und Glattbrugg. Anfang der 1980er Jahre wurde das Projekt gebremst. Nicht zuletzt durch die - vom Volk abgelehnte - Kleeblatt-Initiative, welche ein autobahnfreies Kronaueramt forderte. Erst im September 1996 erfolgte schliesslich der Spatensticht für die Westumfahrung, welche am 4. Mai 2009 eröffnet wird.

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