Schlacht bei Marignano: Das Ende der Schweizer Expansionspolitik
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Schlacht bei MarignanoDas Ende der Schweizer Expansionspolitik

Vor 500 Jahren erlitten die Eidgenossen eine vernichtende Niederlage gegen Frankreich. Seither verzichteten sie auf eine expansionistische Aussenpolitik.

von
Rolf Maag
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Das Beinhaus Santa Maria della Neve in Mezzano befindet sich in der Nähe des historischen Schlachtfelds von Marignano. Schweizer Investoren haben es erworben, um es anlässlich des 500-Jahr-Jubiläums zu restaurieren.  Es ist allerdings unklar, ob es sich um Knochen von gefallenen Soldaten oder von Pestopfern handelt.

Das Beinhaus Santa Maria della Neve in Mezzano befindet sich in der Nähe des historischen Schlachtfelds von Marignano. Schweizer Investoren haben es erworben, um es anlässlich des 500-Jahr-Jubiläums zu restaurieren. Es ist allerdings unklar, ob es sich um Knochen von gefallenen Soldaten oder von Pestopfern handelt.

Keystone/Christian Beutler
Felder vor dem Beinhaus von Mezzano.

Felder vor dem Beinhaus von Mezzano.

Keystone/Christian Beutler
Anlässlich des 450. Jahrestags der Schlacht wurde in Zivido bei Mailand das Relief des Bildhauers Josef Bisa aus Brunnen eingeweiht. Zu beiden Seiten des Kunstwerks stehen Männer in historischen Uniformen der Schweizer Reisläufer.

Anlässlich des 450. Jahrestags der Schlacht wurde in Zivido bei Mailand das Relief des Bildhauers Josef Bisa aus Brunnen eingeweiht. Zu beiden Seiten des Kunstwerks stehen Männer in historischen Uniformen der Schweizer Reisläufer.

Keystone/AP/Hollaender

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts strotzten die Eidgenossen vor Selbstvertrauen. 1476/77 hatten sie Karl den Kühnen, den mächtigen Herzog von Burgund, nicht nur dreimal besiegt, sondern schliesslich auch getötet. 1499 war es ihnen gelungen, sich im Schwabenkrieg gegen den Schwäbischen Bund zu behaupten und sich de facto von der Reichsgerichtsbarkeit loszusagen.

Diese Leistungen nötigten Niccolò Machiavelli, einem der originellsten politischen Denker der Zeit, höchsten Respekt ab. Der todesmutigen, durch eiserne Disziplin zusammengeschweissten Infanterie der Eidgenossen könne nichts und niemand widerstehen, meinte er. Er sollte schon bald eines Besseren belehrt werden.

Kampfplatz Italien

Seit 1494 versuchte der französische König Ludwig XII. sein Territorium auf Kosten des Herzogtums Mailand zu erweitern. 1500 eroberte er die lombardische Metropole, auch mithilfe von eidgenössischen Söldnern. Als der geizige Monarch seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachkam, griffen die Truppen aus Uri, Schwyz und Nidwalden zur Selbsthilfe und besetzten Bellinzona und das Gebiet von Biasca als Faustpfand. 1503 musste er diese Eroberungen als Besitz der drei Orte vertraglich bestätigen.

Die französische Präsenz in Norditalien war Papst Julius II., der sich seit 1506 von einer Schweizergarde beschützen liess, ein Dorn im Auge. 1512 heuerte er eidgenössische Reisläufer an, denen es in kürzester Zeit gelang, die Franzosen aus Cremona, Pavia und Mailand zu vertreiben. Als neuen Herzog setzten sie den einheimischen Adligen Massimiliano Sforza ein.

Die Schlacht

Diese Schmach wollten die Franzosen nicht auf sich sitzen lassen. Ein erster Versuch, die Lombardei zurückzuerobern, scheiterte 1513. Doch schon zwei Jahre später rückte König Franz I., der die Nachfolge von Ludwig XII. angetreten hatte, erneut gegen Mailand vor. Zunächst versuchte er, den Eidgenossen den Verzicht auf ihre Eroberungen mit viel Geld zu versüssen. Die westlichen Orte Bern, Solothurn und Freiburg waren mit diesem Angebot einverstanden und zogen ihre Truppen ab. Doch die Innerschweizer, angestachelt von Kardinal Schiner, einem fanatischen Franzosenhasser, waren nicht bereit, ihren Schützling Massimiliano Sforza im Stich zu lassen. Sie erwarteten den Feind bei Marignano (heute Melegnano) südöstlich von Mailand.

Am 13. September 1515 begann die Schlacht mit einer wuchtigen Attacke des eidgenössischen Fussvolks gegen die französischen Truppen, die allerdings standhielten. Zudem fügten hinter den Befestigungen postierte Kanonen der Schweizer Phalanx schwere Verluste zu. Am nächsten Tag waren die Eidgenossen nicht mehr angriffsfähig; ihre Kräfte reichten gerade noch aus, einen geordneten Rückzug einzuleiten. Die jahrhundertelang bewährte Kampftaktik der Schweizer hatte sich gegen die moderne Kriegstechnologie der Franzosen als obsolet erwiesen.

Die Bedeutung von Marignano

«Auf die Schlacht von Marignano geht unsere Neutralität zurück, die ist viel älter als der Bundesstaat.» Diesen Satz äusserte Christoph Blocher 2010 und schloss sich damit einer in der älteren Geschichtsschreibung verbreiteten Sichtweise an. Heutige Historiker sehen das allerdings etwas anders.

«Die Eidgenossenschaft als ganze zog sich nun von der Bühne der grossen Politik zurück. Dahinter stand die Überzeugung, dass sie besser damit fuhr, fremden Mächten Söldner zu stellen, als selbst Kriege zu führen», schreibt Volker Reinhardt. Tatsächlich blieben Schweizer Soldaten bis ins 19. Jahrhundert auf Europas Schlachtfeldern präsent. Reinhardt fügt hinzu: «Neutral im Sinne von unparteiisch war diese Politik natürlich nicht: Wer Reisläufer bekam und wer nicht, war ein Politikum ersten Ranges; zur Beeinflussung der Entscheidungsträger flossen weiterhin Ströme von Pensionsgeldern in die Schweiz.»

Sein Kollege Thomas Maissen betont, dass die Reformation, der sich in den 1520er-Jahren Zürich, Bern, Basel und Schaffhausen anschlossen, die inneren Gegensätze der Eidgenossenschaft verschärft und ein gemeinsames Vorgehen nach aussen nahezu verunmöglicht habe. «Ein im Inneren so tief gespaltenes Gebilde wie die Eidgenossenschaft konnte keine Aussenpolitik betreiben oder gar Krieg führen.»

Die Neutralität der Schweiz wurde erst am 20. November 1815 im Frieden von Paris festgeschrieben, der die napoleonischen Kriege endgültig beendete. Sie war weniger selbstgewählt als von den Grossmächten erzwungen, weil sie einen neutralen Pufferstaat zwischen Frankreich und Österreich für nützlich hielten.

Literatur:

Volker Reinhardt: Die Geschichte der Schweiz. C. H. Beck, München 2011

Thomas Maissen: Geschichte der Schweiz. Hier und Jetzt, Baden 2010

Thomas Maissen: Schweizer Heldengeschichten. Hier und Jetzt, Baden 2015

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