Vor 50 Jahren: Das Ende des Prager Frühlings
Publiziert

Vor 50 JahrenDas Ende des Prager Frühlings

Am 21. August 1968 marschierten Truppen des Warschauer Paktes in Prag ein. Das war das Ende des Traums vom demokratischen Sozialismus.

von
Rolf Maag
1 / 3
Am 21. August 1968 marschierten rund 500'000 Soldaten des Warschauer Paktes in der Tschechoslowakei ein und beendeten damit den Prager Frühling.

Am 21. August 1968 marschierten rund 500'000 Soldaten des Warschauer Paktes in der Tschechoslowakei ein und beendeten damit den Prager Frühling.

AP/str
Alexander Dubcek (links), Generalsekretär der KPC, und Staatspräsident Ludvik Svoboda (rechts) waren die prägenden Figuren des Prager Frühlings.

Alexander Dubcek (links), Generalsekretär der KPC, und Staatspräsident Ludvik Svoboda (rechts) waren die prägenden Figuren des Prager Frühlings.

AP/Broglio
Leonid Breschnew (Zweiter von links) war von 1964 bis 1982 Generalsekretär der sowjetischen kommunistischen Partei. 1968 gab er den Befehl zum Einmarsch. Im Vordergrund rechts ist Alexander Dubcek zu sehen. Die Aufnahme stammt von der Konferenz der Staaten des Warschauer Paktes am 3. August 1968 in Bratislava.

Leonid Breschnew (Zweiter von links) war von 1964 bis 1982 Generalsekretär der sowjetischen kommunistischen Partei. 1968 gab er den Befehl zum Einmarsch. Im Vordergrund rechts ist Alexander Dubcek zu sehen. Die Aufnahme stammt von der Konferenz der Staaten des Warschauer Paktes am 3. August 1968 in Bratislava.

Keystone/str

Im Jahr 1968 demonstrierten zahlreiche Studenten in den Strassen der Städte Westeuropas und der USA immer wieder, vor allem gegen den US-amerikanischen Krieg in Vietnam. Dabei liessen sie oft den nordvietnamesischen Anführer Ho Chi Minh hochleben. Doch gelegentlich war auch der Ruf «Dubcek, Svoboda!» zu vernehmen.

Damit gemeint waren Alexander Dubcek, Generalsekretär der tschechoslowakischen kommunistischen Partei (KPC) seit dem 5. Januar 1968, und Ludvik Svoboda, Präsident der Tschechoslowakei (CSSR) seit dem 30. März desselben Jahres. Diese beiden Männer verkörperten die Hoffnung auf einen demokratischen Umbau der kommunistischen Staaten Osteuropas.

Aktionsprogramm

Auf Dubceks Initiative hin verkündete das Zentralkomitee der KPC im April 1968 ein Aktionsprogramm. Es sah Gleichberechtigung und Autonomie für Dubceks slowakische Heimat sowie die Demokratisierung des politischen und wirtschaftlichen Systems vor. In spätestens zehn Jahren sollten freie Wahlen stattfinden.

Im Juni wurde sogar die Zensur der Medien vollständig aufgehoben. Die Zeitungen der CSSR veröffentlichten nun auch Äusserungen sowjetischer und anderer Dissidenten. Aus anderen Staaten des Ostblocks strömten zahlreiche Menschen nach Prag, um die freiheitliche Atmosphäre des «Prager Frühlings» zu geniessen. Sein Ziel wurde als «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» beschrieben.

Misstrauen bei den anderen

Wenig überraschend erregten diese Entwicklungen den Argwohn der Führer der übrigen Staaten des Warschauer Paktes. Sie befürchteten, dass sich ihre Bürger von diesen freiheitlichen Ideen anstecken lassen könnten.

Im Mai wurde Dubcek nach Moskau zitiert. Den dort versammelten Staatschefs versicherte er, die CSSR werde ihre Verpflichtungen gegenüber den Bruderstaaten niemals verletzen. Ausserdem bleibe das Machtmonopol der KPC unangetastet. Doch seine Kollegen glaubten ihm nicht.

Breschnew-Doktrin

Am 3. August trafen sich die starken Männer des Warschauer Paktes erneut, diesmal in Bratislava. Dort verkündete der sowjetische Staatschef Leonid Breschnew die Doktrin, die seither mit seinem Namen verknüpft ist: «Jeder kommunistischen Partei steht es frei, die Grundsätze des Marxismus-Leninismus und Sozialismus in ihrem eigenen Land anzuwenden, aber es steht ihr nicht frei, von diesen Grundsätzen abzuweichen, wenn sie eine kommunistische Partei bleiben will ... Die Schwächung eines Gliedes im Weltsystem des Sozialismus betrifft alle sozialistischen Länder, daher kann ihnen das nicht gleichgültig sein.»

Ruf nach Intervention

Was Dubcek nicht wusste: Noch vor Breschnews Rede hatten fünf seiner Genossen aus dem Präsidium der KPC den Sowjets einen Brief zugespielt, in dem sie eine Intervention verlangten, weil die kommunistische Ordnung in der CSSR unmittelbar bedroht sei. Damit hatte die Führungsmacht des Ostblocks den Vorwand für ein militärisches Eingreifen, nach dem sie schon lange gesucht hatte.

Der Einmarsch

Am 21. August 1968 marschierten an die 500'000 Soldaten aus der Sowjetunion, Polen, Ungarn und Bulgarien in der CSSR ein. DDR-Truppen waren ebenfalls beteiligt, beschränkten sich aber auf die Sicherung des Nachschubs und des Hinterlands, weil sonst wohl manche Parallelen zum Einmarsch der Wehrmacht in Prag im März 1939 erkannt hätten.

Die Invasion traf zwar auf massive Strassenproteste, aber auf keinen bewaffneten Widerstand. Dubcek wurde verhaftet und nach Moskau gebracht, aber nach einer Loyalitätserklärung

zunächst im Amt belassen. Seine Absetzung erfolgte erst im April 1969. Svoboda blieb noch bis 1975 Staatspräsident, dann wurde auch er aus gesundheitlichen Gründen aus dem Amt entfernt.

Die Folgen

Unter Dubceks Nachfolger Gustav Husak begann eine bleierne Zeit. Das Aktionsprogramm wurde eingestellt, die Zensur wieder eingeführt. Intellektuelle, die sich während der Reformzeit zu weit aus dem Fenster gelehnt hatten, mussten nun Fenster putzen oder Ziegel stapeln, aufmüpfige Studenten wurden der Universität verwiesen.

Wie verzweifelt manche über den Umsturz der Verhältnisse waren, zeigte sich am 16. Januar 1969. An diesem Tag setzte sich der 20-jährige Student Jan Palach auf der Treppe des Nationalmuseums am Prager Wenzelsplatz in Brand. Drei Tage später erlag er seinen Verletzungen.

Bilanz

Dubcek und seine Weggefährten gaben sich 1968 zwei verhängnisvollen Illusionen hin. Einerseits meinten sie, die autoritären Strukturen des real existierenden Sozialismus liessen sich aufbrechen, ohne dass die kommunistische Partei ihren Machtanspruch aufgeben müsste.

Andererseits waren sie überzeugt, die Sowjetunion würde nichts unternehmen, solange sich die CSSR nicht vom Warschauer Pakt lossagen und ihre Neutralität verkünden würde, wie das Ungarn 1956 getan hatte. Doch Breschnew und seinen Kollegen war klar, dass die Entwicklungen in der CSSR für sie selbst gefährlich waren. Aus ihrer Sicht mussten sie handeln.

Der Historiker Tony Judt zieht ein bitteres Fazit dieser Ereignisse: «Alexander Dubcek und sein Aktionsprogramm waren kein Anfang, sondern ein Ende. Nie wieder überliessen es Radikale oder Reformer der herrschenden Partei, sich ihrer Bestrebungen oder Projekte anzunehmen. Der Kommunismus in Osteuropa stolperte weiter, gestützt durch eine befremdliche Allianz aus Auslandskrediten und russischen Bajonetten, bis der faulende Kadaver 1989 schliesslich fortgeschleift wurde. Die Seele des Kommunismus aber war schon 20 Jahre früher gestorben: in Prag, im August 1968.»

Wissen-Push

Abonnieren Sie in der 20-Minuten-App die Benachrichtigungen des Wissen-Kanals. Sie werden über bahnbrechende Erkenntnisse und Entdeckungen aus der Forschung, Erklärungen zu aktuellen Ereignissen und kuriose Nachrichten aus der weiten Welt der Wissenschaft informiert. Auch erhalten Sie Antworten auf Alltagsfragen und Tipps für ein besseres Leben.

Und so gehts: Installieren Sie die neuste Version der 20-Minuten-App. Tippen Sie rechts oben auf das Menüsymbol, dann auf das Zahnrad. Wenn Sie dann nach oben wischen, können Sie die Benachrichtigungen für den Wissen-Kanal aktivieren.

Deine Meinung