09.08.2020 18:58

Verbrennungen und SchlägeDas erleben Opfer von Menschenhandel in der Schweiz

Der Bund möchte mit einer Kampagne Arbeitsinspektoren besser auf Fälle von Menschenhandel aufmerksam machen. 20 Minuten zeigt zwei reale Fälle.

von
Claudius Seemann
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2019 wurden gemäss polizeilicher Kriminalstatistik insgesamt 99 Verstösse in diesem Bereich registriert. Der Bund will dem Menschenhandel in der Schweiz mit einer Sensibilisierungskampagne begegnen. (Symbolbild)

2019 wurden gemäss polizeilicher Kriminalstatistik insgesamt 99 Verstösse in diesem Bereich registriert. Der Bund will dem Menschenhandel in der Schweiz mit einer Sensibilisierungskampagne begegnen. (Symbolbild)

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Viele Fälle spielen sich im Verborgenen ab, weshalb die tatsächliche Zahl der Opfer in der Schweiz nicht bekannt ist. Viele Opfer werden von ihren Peinigern psychisch und seelisch schwer misshandelt. (Symbolbild)

Viele Fälle spielen sich im Verborgenen ab, weshalb die tatsächliche Zahl der Opfer in der Schweiz nicht bekannt ist. Viele Opfer werden von ihren Peinigern psychisch und seelisch schwer misshandelt. (Symbolbild)

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So zum Beispiel der Fall von Fatima*, die bei einer Familie in Genf als Kindermädchen, Putzfrau und Bedienstete angestellt wurde. (Symbolbild)

So zum Beispiel der Fall von Fatima*, die bei einer Familie in Genf als Kindermädchen, Putzfrau und Bedienstete angestellt wurde. (Symbolbild)

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Darum gehts

  • Der Bund will mit einer Kampagne Arbeitsinspektoren besser auf Menschenhandel zwecks Arbeitsausbeutung sensibilisieren.
  • Laut einem Experten fallen Opfer von Menschenhandel auf Täuschungen herein.
  • 20 Minuten erzählt zwei Fälle aus Sicht der Opfer.

In der Schweiz wurden 2019 der Polizei insgesamt 99 Fälle gemeldet, in denen der Verdacht auf Menschenhandel bestand. Der Bund will dem Menschenhandel in der Schweiz nun mit einer Sensibilisierungskampagne begegnen (siehe Box unten). Laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft spielen sich viele Fälle im Verborgenen ab, weshalb die tatsächliche Zahl der Opfer in der Schweiz nicht bekannt ist. Viele Opfer werden von ihren Peinigern psychisch und seelisch schwer misshandelt. Das zeigen die Fälle von Fatima* und Sumalee*.

Fatima, wie eine Sklavin behandelt

So zum Beispiel die Geschichte von Fatima: Die Äthiopierin ist vor sechs Jahren Opfer von Menschenhändlern geworden. Von ihrem Fall erfuhr 20 Minuten vom Verein Trafficking Victim Unit, welcher ein Schutzhaus für Opfer von Menschenhandel betreibt und diese eng begleitet. Die damals 20-Jährige hat ihre Peiniger angezeigt und gegenüber den Behörden ihre Geschichte erzählt. Fatima soll über ein Inserat einem reichen Geschäftsmann aus Abu Dhabi vermittelt worden sein, der in Genf im diplomatischen Dienst tätig war. Bei ihm wurde sie als Kindermädchen, Putzfrau und Bedienstete angestellt. In Begleitung seiner Ehefrau reiste sie mit gefälschten Papieren, die sie als Familienmitglied auswiesen, in die Schweiz ein.

Von da an soll die Äthiopierin wie eine Sklavin gelebt haben: Essensreste und eine Matte zum Schlafen sollen ihr Lohn gewesen sein. Die Frau ihres Arbeitgebers habe Fatima immer wieder bestraft, wenn sie nicht spurte: Sie wurde nach eigenen Angaben mit dem heissen Bügeleisen verbrannt und mit einem Kabel geschlagen. Den Hausherrn musste sie immer wieder massieren – auch sexuell sei sie von ihm missbraucht worden, erzählte Fatima. Nach Monaten der Misshandlung und Ausbeutung sprach sie schliesslich jemanden an, der sie zu einer Hilfsorganisation brachte. Eine Anzeige gegen die Familie brachte jedoch nichts, da diese die Schweiz verlassen hatte.

Sumalee, sexuell ausgebeutet

Die damals 26-jährige Sumalee wurde in Bangkok von einer Frau angesprochen, die ihr eine Reise in die Schweiz inklusive Arbeitsbewilligung organisieren könne. Sumalee könne dort unter besseren Arbeitsbedingungen in einem «Etablissement» arbeiten, hiess es. In der Schweiz wird die junge Frau laut dem Bundesamt für Polizei jedoch rund um die Uhr überwacht, sexuell versklavt und zudem gezwungen, eine Schuld von 30’000 Franken abzuarbeiten.

Sumalee war eine von 80 Frauen, die an verschiedene Nachtclubs in der Schweiz vermittelt wurden. Kantonspolizei und Fedpol ermittelten gegen das kriminelle Netzwerk – mit Erfolg: Das Netzwerk flog auf, und dank Aussagen der Opfer konnte die Drahtzieherin aus Bangkok 2014 am Flughafen Zürich festgenommen und später zu über 10 Jahren Haft verurteilt werden.

«Opfer unterliegen Täuschung»

«Für die Opfer ist es wichtig, der Misere im Heimatland zu entkommen», sagt Thomas Roth, Co-Leiter des Vereins Trafficking Victim Unit. «Sie haben die Vorstellung von der reichen Schweiz und unterliegen somit der Täuschung ihrer Vermittler.» Sind sie dann hier angekommen, bekämen sie wenig bis gar kein Geld, weil sie Reise- und Vermittlungsschulden abbezahlen müssten und so in Schuldknechtschaft lebten. Mit der psychischen und körperlichen Misshandlung trügen die Opfer auch massive Folgeschäden davon. «Diejenigen, die Schutz bei uns suchen, sind teilweise traumatisiert und zeigen Anzeichen von verschiedenen psychischen Folgen bis hin zu einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung.»

Laut Roth trauen sich die Opfer zudem nicht, ihren Angehörigen zu Hause von den Misshandlungen und Schikanen zu erzählen. «Sie schämen sich, weil sie so zeigen würden, dass ihr ganzer Aufwand in der Schweiz für nichts war», so Roth. Juristische Schritte gegen Menschenhändler gestalten sich allerdings sehr schwierig: «Netzwerke von Menschenhändlern sind komplex aufgebaut und weltweit aktiv. Für Ankläger ist es auch schwierig, die Drohungen und den Druck zu beweisen, der auf die Opfer ausgeübt wurde», so Roth.

* Name geändert

Bund lanciert Sensibilisierungskampagne

Das Staatssekretariat für Wirtschaft will mit einer Kampagne Arbeitsinspektoren besser auf Menschenhandel aufmerksam machen. «Wir haben beobachtet, dass Menschenhandel zwecks Arbeitsausbeutung immer mehr thematisiert wird und dass es einen Bedarf an Informationen für Arbeits- und Arbeitsmarktinspektoren gibt», so SECO-Sprecherin Nadine Mathys. Diese würden beim Erkennen möglicher Opfer und bei der Bekämpfung des Menschenhandels zwecks Arbeitsausbeutung eine wichtige Rolle spielen. Sollten Bürger einen Verdacht haben, sollten sie sich bei der Polizei melden. «Falls Bürger einen direkten Kontakt zu einem potenziellen Opfer haben, können sie diesem anraten, sich an spezialisierte Meldestellen zu wenden.»

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