«London Calling»: Das erste olympische Drama

Aktualisiert

«London Calling»Das erste olympische Drama

Nun also Fabian Cancellara. Er hat der Stadt des Dramatikers Shakespeare das zweite Olympische Drama nach 1908 beschert.

von
Klaus Zaugg
London

Der olympische Marathonlauf bei den Spielen von 1908 stellt an Dramatik sogar das Olympische Schicksal von Fabian Cancellara in den Schatten. 40 000 Zuschauer klatschen Beifall, als der Italiener Dorando Pietri das Stadion von Shepherd's Bush erreicht. Und bald feuern sie den 22jährigen Italiener verzweifelt an.

Pietri torkelt nämlich in Schlangenlinien über die letzten Meter. Noch nie ist das Rennen über eine so lange Distanz gegangen. Seit der Premiere 1896 vom Marathon nach Athen hatten die Läufer immer 40 km zurückzulegen, diesmal sind es von Windsor Castle bis ins Ziel 26 Meilen und 385 Yards - jene 42.195 Meter, die heute Standard sind. Für Pietri sind es rund 385 Yards zuviel. Als er 50 Meter vor dem Zielband zu Boden sinkt, taucht der Amerikaner John Hayes als erster Verfolger in der Arena auf.

Nun trifft es Fabian Cancellara

Da hält es einige britische Kampfrichter nicht mehr länger zurück - sie schleppen Pietri über die Linie und erklären ihn zum Sieger. Bis aufs Podest schafft er es anschliessend nicht. Er wird auf einer Bahre aus dem Stadion getragen und muss, wie 104 Jahre später Fabian Cancellara, zur Untersuchung ins Spital.

Am nächsten Morgen erfährt er im Krankenhaus, dass man ihn wegen unerlaubter Hilfe disqualifiziert hat. Das Bild des verhinderten Olympiasiegers findet seinen Weg auf die Titelseiten der grossen Zeitungen und wird weltberühmt. Es zeigte Dorando Pietri auf seinen letzten Metern zum scheinbaren Ruhm, zwischen zwei hilfreichen Herren hängend.

Endlich hat Olympia sein Heldenepos. Bis dahin waren die Spiele kaum beachtet worden. Gerade mal 98 Journalistinnen und Journalisten hatten sich für London 1908 akkreditiert. 2012 sind es über 20 000.

Tragischer Sturz-Held

Gewiss, der «Fall Petri» ist noch dramatischer als der «Fall Cancellara». Aber der Berner hat aus Schweizer Sicht eines der grossen olympischen Sturz-Dramen geschrieben. Bisher war Pierre Délèze unser tragischer olympischer Sturzheld. Er zählt 1984 in Los Angeles über 1500 Meter zu den Favoriten auf eine Medaille. Im Vorlauf ist er auf bestem Weg, sich problemlos fürs Finale zu qualifizieren, als sein Fuss kaum zehn Meter vor der Ziellinie jenen von Steve Ovett touchierte und er zu Fall kommt. Statt Ruhm erntete er bissigen Spott; der «Blick» verpasste ihm gar den Übernamen «Stolper-Délèze». Er hat eine sichere Medaille verloren: Dem Spanier, der Bronze gewinnt, nimmt er bald darauf in einem Rennen mehrere Sekunden ab.

Heisses Gerücht um gekauften Sieg

Und nun also Fabian Cancellara. Mit 90-prozentiger Sicherheit hätte er Gold gewonnen, wenn er im Sattel geblieben wäre. Und zu diesem Drama kommt nun noch ein eine böse Spekulation: Hat Alexander Winokourow dem Kolumbianer Rigoberto Uran das olympische Gold abgekauft? Dieses heiss diskutierte Gerücht ist gar nicht so abwegig. Im Radsport kommt es vor, dass ein Fahrer während des Rennens einem Gegner für den Fall eines Spurtes Geld offeriert. Es gibt einen Fall, der in den Medien bereits ausgebreitet worden ist. Der Sünder…Alexander Winokourow. Er soll sich den Sieg beim Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich gekauft haben – durch Bestechung des Russen Alexandr Kolobnev. Es zirkulieren sogar Faxkopien einer entsprechenden Banküberweisung von über 100 000 Euro.

Dies Spekulationen um das gekaufte Olympiagold stützen sich nicht nur auf Winokurows Sündenregister. Sondern auch auf ein auffälliges Verhalten des 39-jährigen Kasachen. Er habe in der Schlussphase nur einen Schluck aus seiner Trinkflasche genommen, weil er sich des Spurtsiegers über seinen kolumbianischen Rivalen bereits sicher gewesen sei. Zu einem so späten Zeitpunkt eines so wichtigen Rennens nehme nämlich ein Fahrer niemals mehr Flüssigkeit zu sich – da sei er viel zu sehr auf das Rennen fixiert.

Gekauftes Gold? Wenn es nicht wahr ist, dann wenigstens gut erfunden: Si non e vero e buon trovato. Sicher wissen wir nur eines: Fabian Cancellara hätte Alexander Winokourow das Olympsiche Gold nicht abkaufen können.

Deine Meinung