Messerangriff vor Starbucks: Das erwartet den Täter bei der kleinen Verwahrung
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Messerangriff vor StarbucksDas erwartet den Täter bei der kleinen Verwahrung

Dem Mann, der im Wahn unvermittelt mit einem Messer auf Kishi B.* eingestochen hatte, wurde die kleine Verwahrung auferlegt. Doch was bedeutet das eigentlich?

von
J. Büchel
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Die Tat geschah am 4. August 2017 in der St. Galler Innenstadt. Die Polizei sperrte darauf Teile der Marktgasse ab.

Die Tat geschah am 4. August 2017 in der St. Galler Innenstadt. Die Polizei sperrte darauf Teile der Marktgasse ab.

Leser-Reporter/Juri Schmid
Im Gartenbereich des Starbucks wurde der 22-jährige Kishi* mit einem Messer tödlich verletzt.

Im Gartenbereich des Starbucks wurde der 22-jährige Kishi* mit einem Messer tödlich verletzt.

Leser-Reporter/Jusch
Ein heute 44-jähriger Mann hatte den jungen Mann mit einem Sackmesser attackiert.

Ein heute 44-jähriger Mann hatte den jungen Mann mit einem Sackmesser attackiert.

Leser-Reporter/Jusch

Im August 2017 wurde Kishi B.* (†22) vor dem Starbucks in St. Gallen von einem 44-jährigen Mann mit einem Sackmesser in den Hals und den Oberkörper gestochen. Wenige Tage später verstarb B. im Spital. Am Donnerstag beschloss das Kreisgericht die Verhängung einer stationären therapeutischen Massnahme gemäss Artikel 59 des Strafgestzbuches (StGB), der so genannten «kleinen Verwahrung».

Das bedeutet, dass der Mann entweder in ein Massnahmenzentrum oder in eine geeignete psychiatrische Einrichtung eingewiesen werden muss. Das hängt jeweils vom psychiatrischen Störungsbild ab. Beim Messerangreifer entschied man sich für ein Massnahmenzentrum. In einem solchen befindet er sich bereits seit der Entlassung aus der Untersuchungshaft in Behandlung.

Gegen Flucht gesichert

Für den 44-Jährigen heisst das, dass er nicht ins Gefängnis muss, sondern eben in ein Massnahmenzentrum. Das bedeutet aber keineswegs, dass er sich frei bewegen kann. «Die bauliche Sicherheit in Massnahmenzentren ist in etwa gleich wie bei Gefängnissen», sagt Barbara Looser, Leiterin des Amts für Justizvollzug im Kanton St. Gallen. Der Unterschied liege im Fokus der Begleitung der Insassen. «Im Gefängnis sitzen Leute, die aus freiem Willen eine Straftat begangen haben. Mit den Insassen wird ihr Verhalten reflektiert und darauf hingearbeitet, dass sie nach der Entlassung ein Leben führen können, ohne kriminell zu werden», sagt Looser.

Anders in den Massnahmenzentren: Dort befinden sich Personen, die ein psychiatrisches Manko haben. «Diese Menschen haben zwar eine Straftat begangen, jedoch nicht aus freiem Willen», sagt Looser. Zur Sicherheit der Bevölkerung befinden sie sich in einem Massnahmenzentrum, wo sie therapiert werden.

«Wie in Strafanstalten gibt es auch in Massnahmeneinrichtungen offene und geschlossene Einrichtungen oder Einrichtungen mit geschlossen und offenen Abteilungen», führt Looser aus. Die geschlossenen Abteilungen seien dabei, ähnlich wie Gefängnisse und geschlossene Strafanstalten, baulich gegen Fluchten gesichert.

Ziel Wiedereingliederung

Sowohl bei Gefängnisinsassen als auch bei Personen im Massnahmenvollzug ist das Ziel, die Menschen wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Bei Gefängnisinsassen ist der Zeitpunkt mit dem Ende der Strafe definiert, bei verwahrten Personen hingegen nicht.

Bei der kleinen Verwahrung überprüft die Vollzugsbehörde mindestens einmal pro Jahr, ob die angeordnete Massnahme noch nötig ist oder Anpassungen möglich sind, etwa die Verlegung in eine offene Abteilung innerhalb der Massnahmeneinrichtung oder die Gewährung von Ausgang oder Urlaub. «Voraussetzung für Lockerungen sind Erfolge in der Therapie», sagt Looser. Auch das Risiko, das von der Person ausgeht, fliesse selbstverständlich in den Entscheid ein. Der Schutz der Bevölkerung habe hohe Priorität.

Auch eine Aufhebung der Massnahme könne beschlossen werden. Meist dauert der Massnahmevollzug laut Looser mehrere Jahre, da es längere Zeit daure, bis Therapien zu dauerhaften Änderungen führen würden. Kommt das Amt für Justizvollzug wiederholt zum Schluss, dass die stationäre Massnahme weitergeführt werden soll, muss nach fünf Jahren das Gericht nochmals über die Anordnung entscheiden.

Von kleiner zu ordentlicher Verwahrung

Das Gericht überprüft in solch einem Fall, ob die kleine Verwahrung verlängert wird oder gar eine ordentliche Verwahrung nach Artikel 64 StGB verhängt wird. Diese kommt jedoch nur zum Zug, wenn davon ausgegangen wird, dass ein Täter nicht therapierbar ist. Auch diese Massnahme wird regelmässig überprüft. Bleibt es bei der kleinen Verwahrung nach StGB 59, geht das Gericht davon aus, dass der Täter behandelbar ist und wieder in die Gesellschaft integriert werden kann, aber halt zu einem späteren Zeitpunkt, da Therapieerfolge oft viel Zeit brauchen.

Möglich wäre auch eine Entlassung unter Auflagen. Bei einer Person mit der Diagnose Schizophrenie, wie im Fall Kishi B., wäre dies theoretisch möglich – allerdings unter der Auflage, dass die Bewährungshilfe die Einnahme der Medikamente überwacht. Da diese mittels Depotspritzen abgegeben werden können, sei eine zuverlässige Überprüfung möglich, da der Patient das Medikament nicht von sich aus absetzen kann.

Zu Entlassungen komme es meist erst nach mehreren Jahren Therapie, da viele psychiatrische Störungen eine lange Behandlungszeit brauchen. «Erst wenn erwartet werden kann, dass eine Person keine Straftaten mehr begeht, kann eine Entlassung aus der Massnahme erfolgen», sagt Looser. «Häufig bleiben Täter lange im Massnahmenvollzug.»

* Name der Redaktion bekannt

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