Allein im Bunker: Das Experiment, das so heute nicht mehr stattfinden dürfte
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Allein im BunkerDas Experiment, das so heute nicht mehr stattfinden dürfte

Kein Tageslicht, keine Uhren, kein Radio und kein Kontakt zu anderen Menschen: Obwohl die Aussichten wenig rosig waren, liessen sich in den 1960er-Jahren Hunderte Menschen wochenlang wegsperren. Am Ende wollte kaum einer gehen.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Ab dem Jahr 1965 hiess es im bayrischen Andechs rund 400-mal: Hereinspaziert in den Forschungsbunker. 

Ab dem Jahr 1965 hiess es im bayrischen Andechs rund 400-mal: Hereinspaziert in den Forschungsbunker.

Archiv der Max-Planck-Gesellschaft, Berlin-Dahlem
In dem Jahr begann Jürgen Aschoff vom Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie darin mit seinen Experimenten. 

In dem Jahr begann Jürgen Aschoff vom Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie darin mit seinen Experimenten.

Archiv der Max-Planck-Gesellschaft, Berlin-Dahlem
Er und sein Team wollten herausfinden, was passiert, wenn Menschen sich nur nach ihrer inneren Uhr und nicht nach äusseren Taktgebern richten.

Er und sein Team wollten herausfinden, was passiert, wenn Menschen sich nur nach ihrer inneren Uhr und nicht nach äusseren Taktgebern richten.

Archiv der Max-Planck-Gesellschaft, Berlin-Dahlem

Darum gehts

  • Ab den 1960er-Jahren zogen immer wieder Freiwillige für einige Wochen in einen Bunker.
  • Dies völlig abgeschottet von der Aussenwelt, selbst Tageslicht kam keines herein.
  • Verantwortlich für die konsequente Isolation: deutsche Forscher, die wissen wollten, wie der Mensch tickt, wenn er ganz auf sich allein gestellt ist.

Mehrere Wochen ganz alleine in einem alten Wehrmachtsbunker zu verbringen, dazu noch völlig abgeschottet von der Aussenwelt, tönt wenig einladend. Doch als Forschende um Jürgen Aschoff, damals Leiter des Max-Planck-Instituts für Verhaltensphysiologie, genau das in Aussicht stellten, meldeten sich Hunderte Personen freiwillig. Fast 400 Menschen begaben sich in den Jahren 1965 bis 1989 in die Isolation im bayrischen Andechs.

Die Motivation der Teilnehmer ist weitgehend unbekannt. Bloss von den Jüngeren weiss man, dass sie die Zeit zum Lernen nutzen wollten. Bei den Wissenschaftlern dagegen ist die Absicht klar: Die Forschenden wollten herausfinden, was passiert, wenn Menschen sich nur nach ihrer inneren Uhr und nicht nach äusseren Taktgebern richten. Die Experimente gelten als Geburtsstunde der sogenannten Chronobiologie. Heute hätten sie wohl vor keiner Ethikkommission mehr Bestand.

Oben Lebensmittel, unten Urin

Glich der Bunker anfangs noch einem Provisorium, richtete man darin später eine kleine Wohnung ein. In dieser hausten die Probanden meist sechs Wochen, einige sogar monatelang – ohne Tageslicht, Uhren und Radio. Bei allem, was sie taten, schauten die Forschenden von aussen zu.

Kontakt fand nicht statt, schliesslich sollten die Teilnehmer völlig unbeeinflusst bleiben. Die einzige Verbindung zur Aussenwelt stellte ein jeweils nur von innen oder aussen zugänglicher Kühlschrank dar, der in den oberen Fächern Platz für Lebensmittel bot. Unten konnten die Probanden ihre Urinproben platzieren, die dann von den Forschenden analysiert wurden. Kommuniziert wurde über Zettelbotschaften. Einige Daten wurden über Druckmesser am Boden und im Bett erfasst.

Erster Beleg für innere Uhr

Durch die Experimente konnten die Wissenschaftler erstmals nachweisen: «Alle unter natürlichen Bedingungen beobachtbaren tagesperiodischen Prozesse bleiben erhalten», wie Aschoff im Jahr 1981 notierte. Das heisst: Die Teilnehmer blieben auch im Bunker rund zwei Drittel des Tages wach, ein Drittel schliefen sie.

Allerdings gab es auch Veränderungen: So entsprach die Wach- und Schlafzeit der Bunker-Bewohner nicht dem vorgegebenen 24-Stunden-Rhythmus der Umwelt. Losgelöst von allen äusseren Taktgebern dauerte ihr Tag rund 25 Stunden – der Beweis, dass der Mensch über eine Art «innere Uhr» verfügt.

Die grösste Herausforderung

Anders als erwartet, haderte keiner der Probanden mit der Isolation. Dabei dürfte eine grosse Rolle gespielt haben, dass die Tür des Bunkers zur Aussenwelt zwar immer ge- aber nie abgeschlossen war. Die Teilnehmer wussten also, dass sie, wenn sie gehen wollten, einfach nur die Türfalle drücken müssten. Insgesamt brachen nur vier Prozent der Teilnehmer das Experiment vorzeitig ab. Dies allerdings aus anderen Gründen als einem Bunkerkoller.

Deutlich schwieriger taten sich die Probanden dagegen mit ihrer Rückkehr in die normale Welt. Denn ihr Rhythmus musste sich draussen erst mal umgewöhnen. Statt selbst den Takt vorzugeben, mussten sie sich auf einmal wieder nach anderen Zeitgebern wie dem Sonnenlicht richten.

Viele Teilnehmer hätten gar nicht mehr rausgewollt und um Verlängerung gebeten, sagt Jürgen Zulley zu Utopia.de. Der renommierte Schlafforscher hat damals nicht nur selbst am Experiment teilgenommen, sondern es später auch wissenschaftlich betreut. Manche Probanden hätten sich beim Verlassen des Bunkers gewünscht, zur nahe gelegenen Klosterbrauerei auf ein Bier zu gehen, was man natürlich gemacht habe. Oft hätte man aber gleich wieder umdrehen müssen: Für die ehemaligen Probanden sei das normale Leben einfach zu viel gewesen: «Zu viele Menschen, alles zu laut, zu hektisch.»

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Deine Meinung

152 Kommentare
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Alois Hintertreter

12.10.2020, 13:53

Das muss ich unbedingt dem Donald erzählen. Der nimmt die nächste 4 Jahre locker gleich am Stück.

Chäshörnli

12.10.2020, 11:29

Ich meide schon seit Jahren - sofern möglich - Menschenansammlungen, da brauche ich nicht erst den Bunkertest zu machen. Meine Wohnung ist meine Oase, mein Rückzugsort, wo ich mich wohl fühle und nicht den Erwartungen anderer entsprechen muss.

drba

12.10.2020, 10:04

1962 hat Michel Siffre die erste Experimenten über die interne Uhr begonnen, in einer Höhle.