Kischis EinwurfDas falsche Souvenir
Brasilien hat aus meinem Walliser Fussballgott einen Sterblichen gemacht. Schuld daran ist ein Getränkebecher.
- von
- M.Kistler
- Rio de Janeiro
Wir lachten hier in Rio noch über die Bilder der Menschenschlangen vor dem Stadion in Brasilia, wo die Schweizer Nati mit Swiss Timing 2:1 gegen Ecuador gewann. Denn unser erster Ausflug ins Maracanã verlief wie am Schnürchen. Es gab nichts auszusetzen - alles war perfekt organisiert. Die Handschrift der Fifa, sagte ich zu meiner Frau.
Am Mittwoch vor Spiel zwei die grosse Ernüchterung. Schon in der Metrostation gings los. Die leeren Züge fuhren an uns wartenden Fans vorbei, die anderen waren so voll, dass nicht mal mehr ein Eintrittsticket fürs Maracanã Platz gehabt hätte.
Trotzdem wurden weiter Menschen in die Tiefe gelassen. Es war nicht mehr nur nicht mehr lustig, es war gefährlich! Und je mehr Menschen sich auf dem Perron tummelten, desto weniger Sicherheitskräfte waren da - bis ich plötzlich überhaupt keine mehr sah. Es war nur Glück, dass nichts passiert ist.
25 Minuten lang in der Schlange für ein Getränk
Die nächste Überraschung vor dem Maracanã: Riesige Schlangen vor den Sicherheitsschleusen, die du passieren musst, wenn du ins Stadion (ich erinnerte mich an die Bilder aus Brasilia).
Kaum im Stadion drin, schon wieder eine Fila: Um ein Getränk zu ergattern - Esswaren und Getränke mitzunehmen, ist strikt untersagt - stand ich 25 Minuten an. Ich glaube nicht, dass Sepp Blatter irgendwo so lange anstehen würde.
Doch der eigentliche Schock kam, als ich auf meinem Sitz Platz genommen hatte. Was als Souvenir und zur Rechtfertigung der Preise gedacht ist - Becher, bedruckt mit der Partie, dem Spielort und Datum - erwies sich als «Fälschung». Ein gleichaussehender Becher, aber ohnee Partie, Spielort und Datum. Dass es mir wie Tausenden erging, war kein Trost.
Die Brasilianer haben in einer Woche das geschafft, was in 16 Jahren Regentschaft niemand anderem gelang: Mein Vertrauen in den Walliser Fussballgott ist erschüttert (ich weiss nicht, ob mir der Nachfolger des Brasilianers João Havelange doch noch einen Original-Becher zukommen lässt), das Image der Fifa angekratzt, ihr omnipräsentes und perfektes Marketing ad absurdum geführt.
Dass ich um meinen Becher betrogen wurde, ist zweitrangig: Lieber hätte ich, dass sich die Fifa die Verhältnisse an der Cardeal Arcoverde Metro Station anschauen würde. Denn ich will ja noch dreimal ins Maracanã - und ich möchte mein Glück nicht allzu sehr strapazieren.
Markus «Kischi» Kistler, Leiter Produktion Print bei 20 Minuten, weilt während der WM in Rio de Janeiro und bleibt in seiner zweiten Heimat mit seinen Einwürfen auch abseits des Spielgeschehens immer auf Ballhöhe.