Aktualisiert 20.10.2011 15:43

Tilgner über Gaddafi«Das Feindbild ist weg»

Das Ende Muammar Gaddafis ist ein grosser Erfolg für die libyschen Rebellen, sagt Nahost-Experte Ulrich Tilgner. Gleichzeitig endet damit die Schonzeit für die Opposition.

von
Kian Ramezani

Muammar Gaddafi ist tot. Was bedeutet das für Libyen?

Ulrich Tilgner: Zunächst einmal ist es ein grosser Erfolg für die Rebellen. Gleichzeitig werden Meinungsverschiedenheiten in der Opposition jetzt offen zu Tage treten. Das Feindbild Gaddafi als verbindendes Element gibt es nicht mehr.

Ist Gaddafi wirklich im Kampf gefallen?

Wer weiss das schon. Vielleicht wollte er sich auch ergeben und wurde dennoch erschossen. Ohne verlässliche Augenzeugenberichte kann darüber nur spekuliert werden.

Was wird die Opposition jetzt tun?

Sie hat bereits früher angekündigt, eine neue Verfassung auszuarbeiten und Wahlen durchzuführen. Doch alle wichtigen Entscheidungen wurden bisher mit der Begründung aufgeschoben, zuerst müsse das ganze Land befriedet und der Diktator gefasst werden. Beides ist mit der Einnahme Sirtes und dem Tod Gaddafis eingetreten. Der Übergangsrat muss jetzt handeln.

Wie beurteilen Sie die Chancen, dass in Libyen demokratische Strukturen entstehen?

Libyen hat durch seinen Erdölreichtum gute Voraussetzungen und kann in Infrastruktur, Bildung und Gesundheitswesen investieren. Die Bevölkerung hat auch zum Ausdruck gebracht, dass sie das will.

Werden auch in Libyen die Islamisten die Wahlen gewinnen, wie es sich in Tunesien und Ägypten abzeichnet?

Ja, zweifellos. Die Frage ist allerdings, welche Kräfte. Die gemässigten Islamisten sind weitaus schlechter organisiert als in Tunesien und Ägypten. Die radikalen spielten eine tragende Rolle in den Reihen der Rebellen. Radikalismus ist gut für eine Revolution aber schlecht für den Neuaufbau. Die Bevölkerung bevorzugt zweifellos gemässigte Kräfte.

Zum ersten Mal ist ein arabischer Diktator sozusagen im Kampf gefallen. Könnte sich dieser Umstand auf den Aufstand in Syrien auswirken?

Das glaube ich nicht, dafür sind die Voraussetzungen in Syrien zu verschieden. Grosse Teile der Oberschicht und vor allem die Armee halten nach wie vor zum Assad-Regime.

Ulrich Tilgner (63) ist Korrespondent des Schweizer Fernsehens und berichtet seit den 1980er Jahren aus dem Orient. Er beschäftigt sich vor allem mit den politischen Konflikten der Region und ihren wirtschaftlichen und kulturellen Hintergründen.

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