Aktualisiert 08.12.2011 12:24

SCB oder NHL

Das Feuern von Trainern ist überall gleich

Wenn es um Krisenbewältigung und die Entlassung von Trainern geht, gibt es zwischen der NHL und unserer NLA kaum Unterschiede. Jonas Hiller und Luca Sbisa erleben es in diesen Tagen in Anaheim.

von
Klaus Zaugg, Anaheim

Die Anaheim Ducks sind sportlich in gewisser Weise die NHL-Antwort auf den HC Lugano: Grosse Erfolge in der Vergangenheit (Stanley Cup-Sieg 2007, Final 2003), grosse Probleme in der Gegenwart: 2010 sind die Playoffs verpasst worden und zurzeit ist die Playoff-Qualifikation höchst ungewiss. Wie Lugano (Kimmo Rintanen, Petteri Nummelin) hat auch Anaheim alte Finnen: Saku Koivu (37) und Teemu Selänne (41) und wie Lugano immer noch genug Talent um eine Meisterschaft zu gewinnen. Aber nicht mehr die Leistungskultur. Die ist halt unter Palmen schwer zu hegen und zu pflegen.

Wenn Verteidiger Luca Sbisa (21) und Torhüter Jonas Hiller (29) über den Trainerwechsel erzählen, so fühle ich mich sozusagen wie daheim im Bernbiet. Wie beim SCB. Dort hat ja General Manager Marc Lüthi bekanntlich «aus dem Stand heraus» Trainer Larry Huras nach einem 1:2 n.V. gegen die ZSC Lions gefeuert. Und es hat allenthalben geheissen, so etwas gehöre sich nicht. So respektlos könne man doch mit einem verdienten Meistertrainer (Huras holte 2010 mit dem SCB den Titel) nicht umgehen. Das sei nicht professionell.

Nun, die NHL setzt über drei Milliarden Dollar um und gilt als der Inbegriff der Professionalität schlechthin. Das Beispiel Anaheim zeigt allerdings: Die NHL-Unternehmen gehen mit ihrem Personal so respektlos um wie unsere Klubgeneräle.

Eine überraschende Trainerentlassung

Jonas Hiller und Luca Sbisa hatten sich letzte Woche schon auf den freien Donnerstag unter Palmen und am Meer gefreut. Erst recht nach dem 4:1 am Mittwochabend gegen die Montreal Canadiens. Der erste Sieg nach sieben Niederlagen in Serie. Zu früh gefreut: Sbisa sass mit Bobby Ryan schon beim Abendessen, als ihm Hosentelefon ein Knurren die Ankunft eines SMS verriet: «Wir wurden per SMS zum Teammeeting für den nächsten Morgen aufgeboten. Kein freier Tag also. Obwohl der Grund für die Sitzung nicht mitgeteilt wurde, war mir klar, dass es nur um die Vorstellung des neuen Trainers gehen konnte. Bobby hatte mir gerade verraten, dass unser Trainer soeben entlassen worden war. Der General Manager hatte es den wichtigsten Spielern persönlich mitgeteilt.»

Jonas Hiller hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal Feierabend gemacht. «Ich war in der Kabine noch mit der Reparatur meiner Maske beschäftigt, als mir einer unserer Betreuer sagte, der Trainer sei soeben entlassen worden.» Noch am gleichen Abend ging auch eine entsprechende offizielle Medienmitteilung raus.

Rauswurf nach einem Sieg

Larry Huras musste wenigstens nach einer Niederlage gehen. Randy Carlyle (55), seit 2007 im Amt, hat seinen Job bei den Ducks hingegen nach einem Sieg (4:1 gegen Montreal) verloren. Bereits am nächsten Tag (am Donnerstag) leitete schon sein Nachfolger Bruce Boudreau (56) das Training. Er war am Montag der gleichen Woche bei Washington gefeuert worden. Damit ist auch klar: General Manager Bob Murray hatte hinter dem Rücken seines verdienstvollen, langjährigen Cheftrainers bereits den Nachfolger verpflichtet. Und liess Carlyle trotzdem noch das Spiel gegen Montreal coachen. Nicht gerade die feine Art der Personalführung.

Hätte Marc Lüthi hinter dem Rücken von Larry Huras einen neuen Trainer engagiert, den Kanadier nach einem Sieg gefeuert und am nächsten Tag bereits den längst verpflichteten Nachfolger präsentiert: Potz Heilanddonner! Da wäre ein Aufschrei durch unsere beschauliche Hockeywelt gegangen: Wie kann man nur so unprofessionell sein! So respektlos mit einem verdienten Trainer umgehen! Und hätte Lüthi gar noch den Vertrag mit Huras im letzten Sommer bis 2014 verlängert – dann wäre die Kritik noch harscher ausgefallen. Wir sehen also: Ein Trainer wird in der NHL nicht professioneller oder stilvoller gefeuert als bei uns.

Neuer Trainer bringt Selbstvertrauen

Beim SCB hat der Trainerwechsel zu spektakulärerem Hockey geführt. Bei Anaheim kehrt nach und nach das Selbstvertrauen zurück: Nach zwei Niederlagen (3:4 n.V. Philadelphia, 3:5 Minnesota) gelang am Dienstag immerhin ein 3:2 gegen die klar favorisierten Los Angeles Kings.

Hiller wie Sbisa sagen, der Trainerwechsel habe sie überrascht. Aber den Entscheid des Managements kommentieren sie nicht. So läuft das in der NHL. Im hierarchiebewussten Amerika herrscht in dieser Beziehung Ordnung und es gehört sich für Untergebenen grundsätzlich nicht, das Treiben der Vorgesetzten öffentlich zu kritisieren. Allenfalls wird gelobt. Aber sicher niemals kritisiert. Deshalb kommt der «Whistleblower» aus Amerika: So werden mutige Menschen genannt, die ungutes Treiben der Obrigkeit nach aussen tragen. Hart arbeiten, immer ein Maximum geben, schweigen – und dafür gut verdienen. So ist das hier. Immerhin bezieht Hiller einen Jahreslohn von 4,5 Millionen und Sbisa einen solchen von 1,2 Millionen. Beide natürlich in Dollar.

Tauwetter für Sbisa

Luca Sbisa spricht im Zusammenhang mit dem Trainerwechsel immerhin von führungstechnischem Tauwetter. Er sei angenehm überrascht, dass Boudreau mit den Spielern kommuniziert. «Er fragt uns nach dem Befinden. Er will wissen, wie es uns geht.» Es könne ja sein, dass einer von uns wegen Sorgen, die nichts mit dem Hockey zu tun haben, schlecht geschlafen und deshalb nicht gut trainiert oder gespielt habe. «Das ist neu, so einen Trainer hatte ich noch nie.» Immerhin steht Sbisa bereits in seiner 4. NHL-Saison und Anaheim ist nach Philadelphia bereits sein zweites Team. Auch das gehört zur amerikanischen Sportkultur: Ein Cheftrainer spricht mit Hunden, Katzen und Pferden. Aber in der Regel nicht oder nur ausnahmsweise unter vier Augen mit seinen Spielern.

Jonas Hiller sagt, eine Krise wie in Anaheim habe er in seiner Karriere noch nie erlebt. Höchstens die Saison 2003/04 in Lausanne habe ihm eine ähnliche Krisensituation beschert. «Aber mit einer Mannschaft, die damals einfach nicht besser war. Hier in Anaheim sind wir mit einem Team in die Krise geraten, das sehr viel Talent hat.»

Aufsehen um Hillers Kritik an seinem Team

Nach den zwei Niederlagen unter dem neuen Coach (Philadelphia, Minnesota) hatte Hiller öffentlich – im Lokalblatt «Orange County Register» – seine Mitspieler kritisiert. Er sagte, man sei körperlich zwar da, aber gedanklich nicht ganz. Das zeige sich darin, dass manchmal zwei Verteidiger einen Gegenspieler verfolgen und dafür auf einmal ein Gegner aus dem nichts heraus alleine vor dem Tor stehe. Und unterstrich seine Aussage: «Wir spielen hier in der NHL und ich denke, das sollte nicht passieren.»

Namen hatte Hiller keine genannt, doch seine Kritik sorgte für Aufsehen: Spieler üben in der NHL höchstens Selbstkritik. Die Aufregung hat sich jedoch schnell gelegt. Was in Montreal die Stadt erschüttern und die wichtigste Neuigkeit des Tages wäre, nimmt in Anaheim kaum jemand zur Kenntnis, die Aufregung war auswärts grösser als in Anaheim selbst. Eishockey kommt hier im Sport nach Football, Basketball, Baseball und Universitäts-Football höchstens an fünfter Stelle. Triumphe und Krisen strahlen kaum über die Parkplätze des Stadions hinaus. Hiller steht nach wie vor zu seiner Kritik und sagt gegenüber 20 Minuten Online: «Ich hatte ja recht mit dem was ich sagte. Die gleichen Worte sind auch in der Kabine von erfahrenen Spieler gefallen.»

P.S. Beim 3:2 gegen die Los Angeles Kings war Jonas Hiller der beste Einzelspieler und auch Luca Sbisa gehörte zu den Top-Akteuren.

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