«London Calling»: Das Fine-Tuning der Maschine Mensch
Aktualisiert

«London Calling»Das Fine-Tuning der Maschine Mensch

Mit einem «Sklaven» aus Afrika und 8200 Trainingskilometer hat sich Marathon-Europameister Viktor Röthlin auf den Wettkampf seines Lebens vorbereitet.

von
Klaus Zaugg
London

Der Mensch ist eine Maschine und es geht um Leben und Tod. Aber wir haben alles im Griff. Das ist, in einem Satz zusammengefasst, der faszinierende Eindruck, den Viktor Röthlin (37) bei seiner Medienkonferenz im «House of Switzerland» hinterlässt.

Er sagt, der Marathonlauf sei der Versuch, Grenzen zu überschreiten. Das sei gefährlich. «Der erste Marathonläufer ist gestorben.» Wohl wahr: Die alten Griechen erzählen, ein Läufer sei nach dem Sieg der Athener über die Perser in der Schlacht von Marathon (490 v.Ch.) die 40 Kilometer nach Athen gelaufen. Dort habe er ausgerufen «Wir haben gesiegt!» und sei tot zusammengebrochen. Deshalb wird heute der Marathonlauf über 40 Kilometer gelaufen.

Die Leiden des Dorando Pietri

Seit den Olympischen Spielen von 1908 in London beträgt die Distanz exakt 40 Kilometer und 195 Meter. Und auch diese Premiere endete mit einem Drama. Mit grossem Vorsprung lief Dorando Pietri ins vollbesetzte White City Stadium. 75 000 Zuschauer hielten den Atem an. Nur noch eine halbe Stadionrunde trennte den Italiener vom Olympiasieg. Aber er war völlig erschöpft und benommen und wäre beinahe in die falsche Richtung gelaufen. Als die Kampfrichter ihm den Weg zum Ziel wiesen, brach er entkräftet zusammen. Er konnte sich wieder aufrappeln, brach jedoch auf den letzten 350 Metern des Rennens immer wieder zusammen, insgesamt fünf Mal. Schliesslich halfen ihm einige anwesende Ärzte und Kampfrichter über die Ziellinie. Aufs Siegerpodest schaffte er es nicht mehr. Der Held wurde mit der Bahre aus der Arena getragen und im Spital erfuhr er, dass ihm wegen Hilfeleistung der Sieg aberkannt und der Amerikaner John Haynes zum Olympiasieger erklärt worden war. Immerhin erhielt Pietri von der britischen Königin einen goldenen Pokal als besondere Auszeichnung für seine kämpferische Leistung. Auch wenn Viktor Röthlin sagt, der Marathon am Sonntag werde «einige Geschichten schreiben» – so dramatisch wie 1908 wird es wohl doch nicht.

Jene, die Viktor Röthlin schon seit Jahren kennen, sagen, so gelassen und selbstsicher sei er vor einem grossen Wettkampf noch nie gewesen. Und tatsächlich: Er strahlt jene Ruhe aus, die nur ganz grossen Champions haben. Jene, die ganz genau wissen, dass sie alles richtig gemacht haben und nun den Wettkampf auf sich zukommen lassen.

Am Sonntag startet Viktor Röthlin zu seinem vierten und letzten Olympischen Marathon (12 Uhr MESZ). 2000 in Sidney war er ein überforderter Neuling (36.) und 2004 in Athen ein Pechvogel (Aufgabe wegen Verletzung). Vor vier Jahren 2008 reifte er zum Champion: Rang 6. Bester Nichtafrikaner. Er trägt längst den Ehrentitel «der weisse Afrikaner». Sein Ziel hier in London ist es erneut, bester «nicht in Afrika geborener Läufer» zu sein.

Röthlins Wege gegen die Hitze

2500 Jahre nach dem ersten und tödlichen Marathon-Drama wissen wir mehr über das Fine-Tuning der Maschine Mensch. Wir haben zwar keine genauen Berichte darüber, warum der Siegesbote von Marathon sein Leben lassen musste. Aber vermutlich ist er an einem Hitzekollaps gestorben.

Die Maschine Mensch funktioniert eben ein wenig wie ein Explosionsmotor. Das Triebwerk darf nicht zu heiss werden. Inzwischen hat Viktor Röthlin Mittel und Wege gefunden, die Körpertemperatur vor dem Start um zwei Grad zu senken und während des Laufes mit Kühlflüssigkeit und gekühlten Schweissbändern zu verhindern, dass die Temperatur über 40 Grad steigt. Er sagt, das letzte Drittel der Strecke sei eine Grenzerfahrung. «Manche sagen, sie hätten schmerzende Füsse. Bei mir tut der ganze Körper weh.»

Die ideale «Betriebstemperatur» gehört zum Fine-Tuning der Maschine Mensch für die zwei Marathonläufe pro Jahr. Mehr liegt nicht drin. 14 Wochen dauert die Vorbereitung, drei Wochen die Erholung hinterher.

Tausende Trainingskilometer liegen hinter Röthlin

Victor Röthlin schildert seine Vorbereitung für London. In den letzten zwölf Monaten sei er 8250 Trainingskilometer gelaufen. Das entspricht einer Distanz von Zürich zum Nordkap und zurück. Das Kernstück: Höhentrainings. Unter anderem im Engadin. Aber mit den Hochbelastungstrainings unten auf lediglich 300 Meter bei Tirano am Fusse des Bernina. Früh aufstehen, mit dem Auto eine Stunde runter ins «Flachland» zum Training, dann sofort wieder rauf auf gut 1800 Meter ins Tibet der Schweiz.

Langstrecken-Nationaltrainer Fritz Schmocker erzählt mit Schalk in den Augen, der «Sklave» sei bei all den Trainings sehr wichtig gewesen. Ein «Sklave»? Viktor Röthlin hat einen mit einer Schweizerin verheirateten ehemaligen Asylbewerber aus Eritrea als Trainingskollegen angestellt. Tadesse Abraham. Der «Sklave» läuft einen Marathon in zwei Stunden und zehn Minuten und zurzeit ist sein Einbürgerungsverfahren hängig. Wird er rechtzeitig Schweizer, kann er vielleicht mit seinem Herrn 2014 bei der EM für die Schweiz den Marathon laufen. Viktor Röthlin lässt offen, ob nach London Schluss sein wird. Oder ob er als Titelverteidiger bei der EM 2014 in Zürich zum allerletzten Rennen antritt.

Tadesse als Antreiber

Aber warum ein «Sklave»? Langstrecken-Nationaltrainer Fritz Schmocker klärt auf: Das sei die scherzhafte Bezeichnung über die jeweils alle herzlich lachen können. Auch Tadesse Abraham. Der Afrikaner werde für seine Trainingseinsätze gut bezahlt. Viktor Röthlin brauche die Herausforderung durch einen so schnellen Trainingspartner und im ganzen Land findet er keinen anderen.

Der beste Schweizer Marathonläufer aller Zeiten war zur Eröffnungsfeier hier in London. Dann ist er heimgeflogen und jetzt erst wieder zurückgekehrt. «So habe ich zum ersten Mal die Olympischen Spiele richtig miterlebt und bin mehr im olympischen Fieber als zuletzt in Athen oder Peking, wo ich an meinem Trainingsort recht isoliert war.»

Um 4 Uhr beginnt der Renntag

Alles Menschenmöglich ist getan. Er ist mit seiner Familie nach London gekommen. Vom Hotel zum Start hat er kaum zehn Minuten zu Fuss. Am Sonntag wird er um 4 Uhr aufstehen und frühstücken. Dann wird er mit seinem Physiotherapeuten Dani Troxler intensiv Jazzy spielen und sich dann gegen 9 Uhr zum Startgelände begeben und nach und nach mit dem Auflockern beginnen.

Es ist vielleicht für 20 oder 30 Jahre der letzte olympische Marathon mit einem Schweizer in einer Hauptrolle. Nationaltrainer Fritz Schmocker sagt resigniert: «Wir finden einfach keine Talente mehr. Die Marathonläufer, die wir neben Victor Röthlin noch haben, sind kaum schnell genug um einen Frauenmarathon zu gewinnen.»

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