Gefährlicher «Sport»: Das Geheimnis der Springer vom Rheinfall
Aktualisiert

Gefährlicher «Sport»Das Geheimnis der Springer vom Rheinfall

Vor den Augen von Touristen springen Einheimische in die reissenden Fluten des Rheinfalls. Wie unüberlegt und gefährlich dies ist, erklärt einer, der heute nicht mehr springt.

von
Felix Burch
Benni Wüest bei einem Sprung am Rheinfall.

Benni Wüest bei einem Sprung am Rheinfall.

Rund 700 Kubikmeter pro Sekunde stürzen im Sommer beim Rheinfall über die Felsen. Der Fall ist 23 Meter hoch und 150 Meter breit und gilt als grösster Wasserfall Europas. Deshalb zieht er jedes Jahr tausende von Touristen an. Vor den Augen solcher springen beim Aussichtspunkt «Känzeli» immer wieder Einheimische in das tosende Wasser.

Dass dies extrem gefährlich ist, versteht sich von selbst. Was alles passieren kann bei diesem fragwürdigen «Freizeitsport», dürfte dennoch nicht allen klar sein, die sich vom Geländer stürzen. Prisca Wolfensberger, Mediensprecherin der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG), sagt: «Man muss genau wissen, wohin man springt.» Nicht nur der Sprung selber sei gefährlich, auch das anschliessende Schwimmen im schäumenden Wasser sei sehr schwierig. «Das Gefährlichste aber ist, dass solche Sprünge Nachahmer auf den Plan rufen, die keine Ahnung haben, worauf sie achten müssen», so Wolfensberger. Die vielen Touristen zum Beispiel könnten auf die Idee kommen, dies nachzumachen, was fatal enden könnte. Wolfensberger appelliert deshalb an die Springer, sie sollten sich bewusst sein, dass sie gegenüber ahnungslosen Dritten auch eine gewisse Verantwortung tragen.

Die Springer stören die Schifffahrt

Am Rheinfall selber sind die Springer vielen ein Dorn im Auge. Bei der Firma «Schifffahrt am Rheinfall» heisst es, die Springer würden den Linienverkehr stören. «Sie erschweren unseren Kapitänen die Arbeit», sagt ein Angestellter, der nicht erwähnt werden möchte. Die Schiffsführer hätten schon genug anderes, worauf sie sich konzentrieren müssten, die Springer in den tosenden Massen seien schlecht sichtbar, und bei einem Unfall sei ein Kapitän verpflichtet zu helfen. Es kam schon mehr als einmal vor, dass Rheinfall-Springer in ein Schiff gerettet werden mussten. Der Polizei ist die Szene ebenfalls bekannt. Etwas gegen die Springer tun, ist aber schwierig, da es kein Gesetz gibt, das das Springen ins Wasser verbietet. Die Polizei rät allerdings davon ab und bestätigt, dass es schon zu Unfällen gekommen ist.

Einer, der heil davongekommen ist, heisst Benni Wüest. Wüest ist heute 35 Jahre alt. Von seinen Eltern bekam er die ersten Geschichten über Menschen zu hören, die in den Rheinfall springen. Später arbeitete er für die Rundfahrtschiffe, die zum Felsen im Rheinfall fahren. Er verkaufte Tickets, fuhr aber auch oft mit und lernte den Fall so besser kennen. Im Winter begutachtete er die Stelle, wo er später reinspringen sollte, genauestens. «Weil der Wasserstand während der Wintermonate tiefer und das Wasser glatter und klarer ist, sieht man viel mehr, kann allfällige Untiefen ausmachen», sagt Wüest. Zudem gebe es eine Möglichkeit, nahe an die Eintauchstelle zu gelangen, um diese noch besser zu inspizieren, sich näher heranzutasten.

«In der Oberstufe lauschte ich den Geschichten der Grösseren, die schon gesprungen waren, und irgendwann wurde ich gefragt, ob ich mitkommen wolle.» Wüest war damals 15 oder 16 Jahre alt. Gesprungen wird immer mindestens zu dritt. Und zu dritt gingen sie auch aufs «Känzeli» an diesem Sommertag. «Auf der einen Seite ist da der Gruppendruck, ich war in der Mitte, auf der anderen Seite hat man wahnsinnigen Respekt.» Dann sei alles sehr schnell gegangen. «Du steigst aufs Geländer, wartest kurz auf das Zeitfenster, das du einhalten musst, wegen der Rundkursschiffe und dann springst du einfach», so Wüest.

«Für ein paar Sekunden bist du dem Rhein völlig ausgeliefert»

Gleich nach dem Eintauchen kommt eine heikle Phase. Zwar springen die Jugendlichen in einen Korridor, in welchem es keine Walzen oder Strudel gibt, dennoch ist das Wasser sehr unruhig. «Das Wichtigste ist jetzt, dass du einfach die Luft anhältst, keine Panik bekommst und wartest, bis dich die Strömung erfasst und vom Fall wegdrückt.» Für ein paar Sekunden sei man dem Fluss total ausgeliefert, sei orientierungslos. Es ist dunkel dort unten und sehr laut. Dazu kommt, dass das schäumende weisse Wasser nicht trägt (beim Eintauchen fühlt es sich jedoch weicher an). Deshalb tauchen die Springer erst nach endlosen Sekunden viel weiter unten im ruhigeren Wasser auf. Auf dem «Känzeli» beobachtet dies ein Kollege, um im Notfall sofort Alarm schlagen zu können.

Das Geheimnis wird von Generation zu Generation überliefert

Jetzt lauert laut Wüest die grösste Gefahr, die Rundfahrtschiffe. Ist der Sprung nicht richtig getimt, komme man den Schiffen mit ihren starken Motoren in die Quere, und das könnte verheerend enden.

Wüest sprang danach immer wieder. Es habe zum Ferienalltag in der Oberstufe gehört. Unabhängig voneinander bestätigen mehrere Personen, sie seien früher gesprungen, das habe dazu gehört bei den Jugendlichen, die am Rheinfall wohnten - offenbar hauptsächlich auf der Zürcher Seite. Das Wissen, das Geheimnis, sei von einer Generation zur nächsten weitergegeben worden. Seit diesem Jahr ist der Weg, der zum «Känzeli» führt, gebührenpflichtig. Das führte zu einer merklichen Abnahme der Sprunghäufigkeit. Wüest springt schon seit fünf Jahren nicht mehr, sein Video auf YouTube ist noch älter. Heute sagt er: «Erst jetzt ist mir bewusst, wie viele Risiken das Springen beim Rheinfall birgt. Es ist viel gefährlicher, als ihr denkt.»

Nicht nachahmen!

20 Minuten Online weist explizit darauf hin, dass das Springen beim Rheinfall extrem gefährlich ist und auf keinen Fall nachgemacht werden soll. 20 Minuten Online wird, auch wenn solche eingeschickt werden sollten, keine weiteren Bilder oder Videos von Sprüngen beim Rheinfall veröffentlichen.

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