Reiseland Südafrika: Das Geschäft mit dem Mythos Mandela
Aktualisiert

Reiseland SüdafrikaDas Geschäft mit dem Mythos Mandela

20 Jahre nach den ersten freien Wahlen ist Südafrika zum attraktiven Reiseland geworden. Dazu tragen Landschaft und Leute bei – aber auch die düstere Vergangenheit.

von
Simon Hehli

Die donnernde Stimme von Guide Soso hallt durch die Betonflure des ehemaligen Gefängnisses. Genau 20 Jahre ist es her, dass Südafrika die ersten freien Wahlen abhielt und damit – zumindest politisch – die Zeit der Apartheid hinter sich liess. Doch hier, auf der Insel Robben Island vor Kapstadt, wird die düstere Vergangenheit wieder lebendig. «Ich spüre keine Bitterkeit mehr», sagt Soso, den das Regime von 1979 bis 1984 auf die Insel verbannte, weil er einen Studentenaufstand gegen die weisse Vorherrschaft angeführt hatte.

Wie andere ehemalige Häftlinge berichtet er nun den Besuchern von seinen Erfahrungen – und zeigt die Zelle, in der Nelson Mandela 18 Jahre verbrachte. Er, der 1994 erster südafrikanischer Präsident wurde, ist der Hauptgrund dafür, dass Robben Island zu einem Symbol für den Kampf gegen die Apartheid geworden ist. Und zu einem Touristenmagneten: Carweise werden die Besucher durch die weitläufigen Gefängnisanlagen geschleust, im Souvenirshop gibts nachher T-Shirts mit Mandelas Gesicht oder seiner Häftlingsnummer 466/64 zu kaufen.

Die Strasse der zwei Nobelpreisträger

Auch Soweto will am Geschäft mit dem Mythos Mandela teilhaben. Das South Western Township bei Johannesburg ist die bekannteste der Siedlungen, die die Regierung einst ausschliesslich für Schwarze einrichtete. In den letzten Jahren wurde die Vilakazi Street aufgemöbelt, zahlreiche Souvenirverkäufer und schicke Restaurants warten auf Kunden. Die Strasse hat ein weltweit wohl einzigartiges Verkaufsargument: Gleich zwei Friedensnobelpreisträger wohnten früher dort – Nelson Mandela und Bischof Desmond Tutu.

Das winzige Haus, in das Mandela 1946 einzog, ist mittlerweile ein Museum – Einschusslöcher in der Fassade und Spuren von Molotowcocktails zeugen von Kämpfen mit der Polizei. Unweit des Hauses steht das Hector-Pieterson-Mahnmal. Es erinnert an den Aufstand von 1976 gegen das Apartheid-Regime. Tausende schwarze Schüler demonstrierten friedlich gegen die Einführung von Afrikaans als Unterrichtssprache, als die Sicherheitskräfte zu schiessen begannen. Zahlreiche Kinder und Jugendliche starben im Kugelhagel, so auch der 12-jährige Hector, der zu einer Symbolfigur des Kampfes gegen die Rassentrennung wurde.

Atemberaubende Natur

Mit tragischer Geschichte alleine lassen sich die jährlich gegen 10 Millionen Touristen jedoch nicht ins Land locken. Südafrika setzt deshalb voll auf sein Image als freundliche Regenbogen-Nation – perfekt zelebriert während der WM vor vier Jahren. Und auf die Schätze der Natur. Kaum ein Südafrikaner vergisst darauf hinzuweisen, dass die Kapregion die weltweit höchste Vielfalt an einheimischen Pflanzen aufweist. In den grossen Nationalparks lassen sich Löwen, Giraffen und Elefanten beobachten – und in Kapstadt immerhin noch Brillenpinguine und die putzigen Klippschliefer, die an Murmeltiere erinnern, aber nahe mit den Elefanten verwandt sind.

Ein Plus ist auch die Landschaft: Atemberaubend der Blick vom Tafelberg auf Kapstadt, das Meer und das Küstengebirge, während der Wind unten die Wolken vorbeitreibt. Spektakulär die Fahrt auf dem Chapmans Peak Drive entlang steilen Küsten in Richtung Kap der guten Hoffnung. Bezaubernd die Hügellandschaft des Kapstadter Vororts Constantia mit seinen Rebbergen, die exzellenten Wein hervorbringen.

Ein Land der Gegensätze

Ein Bummel durch die Waterfront, das restaurierte Hafenquartier von Kapstadt, zeigt die neue wirtschaftliche Potenz: Schicke Bars und Restaurants wechseln sich ab mit gehobenen Geschäften. Das ist das Südafrika, das zu den aufstrebenden Volkswirtschaften zählt. Doch es gibt auch das andere: ein Land mit hoher Armut – vor allem unter Schwarzen –, schlechter Bildung und viel Kriminalität. Es sind diese Probleme, die Präsident Jacob Zuma angehen muss, wenn er im Mai die Wiederwahl schafft – 20 Jahre nach den ersten freien Wahlen und fünf Monate nach dem Tod von Lichtgestalt Mandela.

Ob Museumsführer Soso Zuma wählen wird, der einst ebenso wie er auf Robben Island einsass? Wer weiss – der Präsident ist auch innerhalb seiner Partei ANC umstritten und gilt als korrupt. Doch dafür, dass die Südafrikaner nun die freie Wahl haben, hat Soso gekämpft. Dafür liess er sich vom Apartheidregime einkerkern. Nein, er hat keinen Grund, verbittert zu sein: Die Geschichte hat ihm Recht gegeben.

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