Aktualisiert 28.10.2011 22:08

Tracker und NotrufuhrenDas Geschäft mit der Angst

Notrufgeräte mit Ortungsfunktion für Kinder und Senioren erfreuen sich grosser Nachfrage. Doch der Einsatz von «Trackern» und ähnlichen Geräten bringt Probleme mit sich.

von
Joel Bedetti
Können nicht das soziale Netzwerk ersetzen: Notruftgeräte des Roten Kreuzes.

Können nicht das soziale Netzwerk ersetzen: Notruftgeräte des Roten Kreuzes.

Angst ist ein schlechter Ratgeber - aber ein gutes Geschäft. Seit März vergangenen Jahres bietet das Zürcher Rote Kreuz für Betagte und Kranke mobile Notfallgeräte mit Ortungsmöglichkeit an; 80 Stück sind bereits ausgeteilt worden. Seit Juni vergangenen Jahres sind «Tracker» mit GPS-Ortung auf dem Markt; 1000 Stück sind schon an Privatpersonen verkauft. Und seit neuestem sind die «Limmex»-Uhren mit einer Notruffunktion und GSM-Lokalisierung auf dem Markt. Das Kundenpotential, sagte der CEO bei der Pressekonferenz, sei vor allem bei den Senioren kaum begrenzt: In der Schweiz gibt es eine Million Menschen über 70.

Die Geräte sind als Sicherheit für Senioren, Kinder oder auch Extremsportler gedacht. Bei einem Unfall oder bedrohlichen Situationen können sie schnell Hilfe anfordern und gegebenenfalls auch die eigene Position durchgeben. Die Geräte sollen verhindern, dass Betagte nach einem Sturz tagelang liegen bleiben, oder sollen Eltern Gewissheit über den Verbleib ihres Kindes geben. Sie vermitteln Eltern und Angehörigen ein Gefühl der Sicherheit. Damit scheinen sie einen Nerv der Zeit zu treffen;

die angefragten Vertreiber und Hersteller der oben genannten Geräte bestätigen, dass die Nachfrage gross ist.

Agenten-Uhr für Senioren

Kind auf dem I-Phone

Ganz unproblematisch sind die Geräte aber nicht, und das in mehrfacher Hinsicht. Mit der Lokalisierungsmöglichkeit stellt sich die Frage nach dem Datenschutz. Besonders kritisch ist diesbezüglich der «Tracker». Den Standort dieses Geräts kann man jederzeit von einem Computer oder sogar vom I-Phone auf einer Karte aus orten. Mit «Tracker» können Eltern ihre Kinder kontrollieren - oder eifersüchtige Liebhaber ihren Partner überwachen.

Der Sprecher von «Tracker», Vladi Barrosa, bestätigt, dass man immer wieder Anfragen von Leuten bekomme, die letzteres vorhaben. «Diese Personen informieren wir, dass dies gemäss Datenschutz nicht legal ist. Wer bei uns ein Produkt kauft, muss unterschreiben, dass er das Datenschutzgesetzt befolgt», so Barrosa. Er hebt die positiven Aspekt der Kontrolle hervor. Wenn eine Mutter im Getümmel des Europaparks ihr Kind aus den Augen verliere, könne sie über das I-Phone sehen, wo es geblieben sei.

Erziehung delegieren

Bei den «Limmex»-Uhren und den Geräten des Zürcher Roten Kreuzes ist die Frage weniger virulent. Diese geben den Angehörigen oder der Notrufzentrale erst die Position bekannt, wenn der Träger den Alarm auslöst. Gabriela Niggli vom Zürcher Roten Kreuz versichert gegenüber 20 Minuten, dass man lediglich bei Geräten, welche an Personen einer Tagesklinik für Demente ausgegeben habe, von der Notrufzentrale aus eine Ortung vornehmen könne, wenn das Pflegepersonal eine Person nicht mehr finde.

Der eidgenössische Datenschutz will zur generellen Gefahr dieser Geräte keine Stellung nehmen; Sprecher Kosmas Tsiraktsopoulos betont lediglich, dass es strafbar sei, jemanden elektronisch zu überwachen.

Bedenklich sind die Geräte wie auch der «Tracker» aber auch aus sozialer Hinsicht, wie Flavia Frei vom Schweizer Kinderschutz sagt: «Das Gerät kann als Ausrede dienen, sich weniger um das Kind zu kümmern; wenn man zum Beispiel den Tennismatch nicht absagt, um das Kind zu begleiten, weil es ja ein Gerät dabei hat.» Frei betont, dass man Erziehung nicht an ein elektronisches Gerät delegieren könne. «Eltern sollten einem Kind beibringen, dass es rechtzeitig daheim sein solle - und es nicht mit dem Tracker aufspüren.» Aus diesen Gründen steht der Kinderschutz gemäss Frei solchen Geräten skeptisch gegenüber.

Snowboard-Senioren

Nicht so die Pro Senectute, welche die Senioren, die Hauptzielgruppe dieser Produkte, vertritt. «Wir finden solche Geräte sehr gut, weil sie den Angehörigen eine Sicherheit geben», sagt Werner Schaerer von der Geschäftsleitung. Natürlich könnten sie aber nicht das soziale Netzwerk ersetzen. Bleibt die Frage, ob die Geräte nicht auch den Trägern selber zu viel Sicherheit vorgaukeln. «Bei der heutigen Seniorengeneration wohl nicht», meint Martin Mezger von der auf Altersfragen spezialisierten Hatt-Bucher-Stiftung, «aber wenn die Mountainbiker und Snowboarder einst so weit sind, ist dies natürlich möglich.»

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