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ElfenbeinküsteDas gescheiterte Musterland

Einst war die Elfenbeinküste auf dem Weg zum Schwellenland. Heute ist sie ein verarmter, zerrissener Staat. Die Geschichte eines Niedergangs.

von
Peter Blunschi
Glanz und Elend der Elfenbeinküste: Mit Kakao wurde das Land wohlhabend (l.), dann versank es in Misswirtschaft und Rassismus. Rechts ein Soldat der Rebellenarmee aus dem muslimischen Norden.

Glanz und Elend der Elfenbeinküste: Mit Kakao wurde das Land wohlhabend (l.), dann versank es in Misswirtschaft und Rassismus. Rechts ein Soldat der Rebellenarmee aus dem muslimischen Norden.

Die Geschichte der Elfenbeinküste ist untrennbar verbunden mit Félix Houphouët-Boigny. Als Frankreich die Kolonie Cote d'Ivoire 1960 in die Unabhängigkeit entliess, wurde der ausgebildete Arzt Staatspräsident und blieb es bis zu seinem Tod im Jahr 1993. Politisch ein Autokrat, verfolgte er einen prowestlichen, wirtschaftsfreundlichen Kurs. Die Elfenbeinküste wurde zum weltgrössten Kakaoproduzenten und einem der grössten Kaffeeexporteure.

Der vergleichsweise hohe Lebensstandard machte die Elfenbeinküste zum Musterland des ganzen Kontinents, zur «Perle Westafrikas». Die Infrastruktur war vorbildlich, die Millionenstadt Abidjan eine der modernsten Metropolen Afrikas. Hunderttausende Einwanderer aus den armen Nachbarstaaten wie Obervolta (dem heutigen Burkina Faso) und Mali strömten ins Land und fanden Arbeit auf den Kakao- und Kaffeeplantagen.

Korruption und Rassismus

Mit dem Zerfall der Kakaopreise ab 1980 begann der Niedergang. Misswirtschaft und Korruption hielten Einzug, zumal Félix Houphouët-Boigny zunehmend in Grössenwahn verfiel. 1983 liess er die Hauptstadt von Abidjan in seinen Geburtsort Yamoussoukro ins Landesinnere verlegen. Dort wurde auf seine Initiative die Basilika Notre-Dame de la Paix erbaut, nach dem Vorbild des Petersdoms in Rom, nur noch ein wenig grösser. Die immensen Baukosten bezahlte der Präsident angeblich aus der eigenen Tasche.

Nach Houphouët-Boignys Tod mit 88 Jahren begann die ethnische und religiöse Spaltung des Vielvölkerstaats. Unter Nachfolger Henri Konan-Bédié wurde das rassistische Konzept der «Ivoirité» entwickelt. Demnach waren nur die Bewohner des christlichen Südens «echte» Ivorer, nicht aber die mehrheitlich muslimischen Menschen aus dem Norden und schon gar nicht die Zuwanderer. Prominentestes «Opfer» war der aus dem Norden stammende Alassane Ouattara, der letzte Regierungschef von Félix Houphouët-Boigny.

Pogrome gegen Muslime und Ausländer

Der populäre Politiker war in Burkina Faso geboren worden und wurde bei den Präsidentschaftswahlen 1995 und 2000 als «Ausländer» ausgeschlossen. Letztere gewann sein «ewiger Rivale» Laurent Gbagbo. Er hatte einst gegen das autokratische Regime von Houphouët-Boigny und für Demokratie und Menschenrechte gekämpft, nun führte er das Konzept der «Ivoirité» nahtlos weiter. Militante Anhänger Gbagbos verübten Pogrome gegen Muslime und Einwanderer, auch die Armee wurde «gesäubert».

Im September 2002 rebellierten Soldaten aus dem Norden, es kam zum Bürgerkrieg. 2007 wurde ein von Südafrika ausgehandeltes Friedensabkommen unterzeichnet, doch seither ist die Elfenbeinküste faktisch gespalten. Im Süden herrscht das korrupte Regime von Laurent Gbagbo, im Norden haben die Rebellen die Macht. Das Chaos blieb nicht ohne Folge für den Wohlstand: Die Anteil der ivorischen Bevölkerung, der in Armut lebt, ist nach UNO-Angaben seit 1998 von 18 auf 48 Prozent gestiegen.

Teilung als einziger Ausweg?

Dabei ist die Elfenbeinküste immer noch der grösste Kakaoproduzent der Welt, und zuletzt haben die Preise wieder Höchststände erreicht. Die Kontrolle über die Exporteinnahmen gilt als wesentlicher Grund für die Turbulenzen nach der Präsidentschaftswahl 2010. Der mutmassliche Verlierer Laurent Gbagbo klammert sich an die Macht, obwohl der Westen und selbst die afrikanischen Nachbarn Alassane Ouattara als Sieger anerkennen.

Ein Ausweg aus der Misere scheint nicht in Sicht. Womöglich bleibt am Ende nur die Teilung des Landes, doch auf dem Kontinent fürchtet man einen Dominoeffekt. Einst war die Elfenbeinküste auf dem besten Weg, den Status eines Entwicklungslandes hinter sich zu lassen. Heute ist das ehemalige Musterland ein Symbol für alles, was in Afrika schiefläuft.

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