Mann vom DAX: Das Gesicht der Krise
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Mann vom DAXDas Gesicht der Krise

Seine in Falten gelegte Stirn ziert dieser Tage die internationale Presse. Sanjin Topuzovic ist zum Symbol der Börsenturbulenzen geworden. 20 Minuten Online hat mit dem Aktienhändler gesprochen.

von
Sandro Spaeth

Herr Tupuzovic, Ihr verzweifelter Ausdruck und die in Falten gelegte Stirn hat der Krise ein Gesicht gegeben. Wie ist Ihnen dabei zu Mute?

Sanjin Topuzovic: Das Antlitz des Crashs möchte ich lieber nicht sein. Meine zuletzt oft besorgte Mine spiegelt einfach die Emotionen des aktuellen Börsengeschehens wider. Ich möchte aber betonen: Es gibt auch Bilder von mir, auf denen ich lachend zu sehen bin und mich freue.

Ihr Bild schaffte es diese Woche in die International Herald Tribune, auf la Repubblica und auf Focus. Sind sie stolz?

Dass ich es in die internationale Presse schaffe, bekomme ich gar nicht so mit. Ich bin für den deutschen Aktienmarkt zuständig und lese darum mehrheitlich deutsche Zeitungen. Stolz auf meine Medienpräsenz bin ich nicht wirklich, die Aufmerksamkeit ist mir aber nicht unangenehm. Bei einem Job auf dem Frankfurter Börsenparkett gehört es dazu, dass Filmteams und Fotografen in der Nähe sind.

Werden Sie nun auf der Strasse erkannt?

Ja, es kommt vor, dass die Leute auf der Strasse relativ lange gucken oder mich im Kaffee zusammen tuscheln. So in der Art «den kenn ich doch – das ist der Mann vom DAX». Angesprochen wurde ich bisher aber noch nicht.

Wie reagiert Ihr Umfeld auf Ihre Medienpräsenz?

Bekannte, die mein besorgtes Gesicht in der Zeitung gesehen haben, rufen an und fragen, wie es mir gehe. Neulich sagte mir ein Freund, ich soll mal zum Grillieren vorbeikommen, dann würde es mir wieder besser gehen. Andere Börsenhändler sagen nicht viel. Sie sind zu beschäftigt.

Warum machen die Fotografen so viele Bilder von Ihnen? Sind Sie der einzig emotionale Händler in Frankfurt?

Es gibt viele Broker, die Emotionen zeigen. Dass ich ständig fotografiert werde, hängt auch mit meinem Arbeitsplatz zusammen. Ich sitze genau in der Mitte des Parketts. Hinter mir ist die Tafel mit dem Kursverlauf des DAX. Oft passt meine Reaktion zu dem, was auf dem Chart passiert. Das gefällt den Fotografen.

Es gib ein Bild, auf dem Sie schockiert die Hände vor den Kopf halten. Was ist da genau passiert?

An den genauen Moment kann ich mich nicht mehr erinnern. Es ist einfach so, dass die Turbulenzen seit mehr als zehn Tagen enorm sind. Die Volatilität ist riesig. Ich komme mir vor wie in einem Boxkampf. Man wird angezählt und muss immer wieder aufstehen, obwohl ich mich manchmal gerne unter dem Tisch verkriechen würde. Ich lebe und leide mit dem Verlauf des DAX mit. Der Kapitalmarkt ist meine Leidenschaft.

Macht Ihr Job als Börsenhändler in diesen Tagen überhaupt noch Spass?

Dass es abwärts geht, gehört dazu. Wenn der Dax aber den zehnten Tag in Folge fällt, macht mir der Job nicht mehr wirklich Freude, aber da müssen wir Broker durch. Ich sage mir gelegentlich: Es muss auch runtergehen, damit die Börse wieder steigen kann. Übers Ganze gesehen, macht mir der Job aber Spass, Broker ist mein Wunschberuf.

Erzählen Sie, wie haben Sie den «schwarzen Montag» nach der Zurückstufung der US-Kreditwürdigkeit erlebt?

Ich hatte schon länger mit einer solchen Entscheidung von Standard & Poor's gerechnet. Dass der Markt aber dermassen übertreiben reagieren würde, hatte ich nicht erwartet. Die Reaktion erwischte mich auf dem falschen Fuss, ich war geschockt. Seither geschehen am Markt irrationale Dinge, oft herrscht Panik. Da fragt man sich gelegentlich schon und sagt: Hey, kommt doch wieder mal zur Besinnung!

Haben Sie in Ihrer Zeit als Händler schon mal derartige Turbulenzen erlebt?

Ich erlebte an der Börse 9/11, die US-Immobilienkrise und auch den Crash der Bank Lehman Brothers mit. Das war jeweils sehr heftig, aber immerhin war klar, was geschehen war. Derzeit ist aber unsicher, wohin die Schuldenkrisen noch führen werden. Es ist schwierig vorauszusagen, ob die Politik das Problem in den Griff bekommt. Das macht den Markt nervös und zerrt an meinen Nerven. Ich stehe unter einer enormen Spannung und verfolge die Börsen bis spätnachts. Als Händler will man auch nichts verpassen.

Das Gesicht der Finanzkrise war der Händler Dirk Müller. Er wurde zum «Mister DAX». Kennen Sie ihn?

Ja, wir kennen uns. Seit Arbeitsplatz lag wie meiner lange Zeit unter dem DAX-Chart. Müller ist Händler für eine andere Bank, arbeitet aber nicht mehr auf dem Parkett. Gelegentlich schaut er aber bei uns vorbei. Dirk sagte von sich, er sei ein Medienmensch. Ich würde das von mir aber nicht behaupten.

Radfahren zum Ausgleich

Sanjin Topuzovic (38) ist diplomierter Bankbetriebswirt und seit zehn Jahren Wertpapierhändler an der Frankfurter Börse. Für die Neue Baader Bank deckt Topuzovic den Handel mit Papieren von Unternehmen des deutschen Leitindex DAX ab. Er habe aber ein gesundes Verhältnis zu Geld und erachte es einfach als Zahlungsmittel. In der Freizeit ist Topuzovic wichtiger, Freundschaften zu pflegen, als Statussymbole zu erwerben. Um sich nach guten Handelstagen zu belohnen, gönnt sich der Broker lieber Auszeiten und setzt sich zum Abschalten gerne aufs Rennrad.

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