Aktualisiert 22.04.2011 21:49

IndonesienDas Gesicht des Terrors wandelt sich

Seit dem Terroranschlag auf zwei Nachtclubs in Bali gehen indonesische Sicherheitskräfte hart gegen Terrornetzwerke vor. Dies hat dazu geführt, dass immer mehr «Einzeldschihadisten» in Erscheinung treten.

von
Niniek Karmini, AP
Sprengte sich in einer mit Polizisten besetzten Moschee in die Luft: Ein Polizist zeigt das Bild von Muhammad Syarif.

Sprengte sich in einer mit Polizisten besetzten Moschee in die Luft: Ein Polizist zeigt das Bild von Muhammad Syarif.

Muhammad Syarif war allen Berichten zufolge ein Hitzkopf. Der militante Islamist aus Indonesien zertrümmerte Geschäfte, in denen Alkohol verkauft wurde, stritt über religiöse Themen, trat nach Menschen, die er als faul betrachtete. Vergangene Woche sprengte er sich in einer mit Polizisten besetzten Moschee in die Luft und verletzte dabei 30 Menschen.

Den Ermittlungen zufolge war der 31-Jährige vermutlich ein Einzeltäter, der kaum Verbindungen zu Al-Kaida oder deren südostasiatischen Ablegern hatte. Er steht damit beispielhaft für einen Wandel des Terrorismus in Indonesien. Die jüngsten Anschläge im weltweit bevölkerungsreichsten muslimischen Staat wurden von Einzelpersonen oder Kleingruppen verübt, mit weniger tödlichen Folgen als früher. Und sie zielten auf örtliche «Ungläubige», nicht auf Menschen aus dem Westen.

Nährboden für junge zornige Männer

Der Wandel spiegelt einen Erfolg der Behörden im Vorgehen gegen die grössten Terrornetzwerke im Land. Er zeigt aber auch, dass radikale Gruppen, die weiterhin offen agieren, noch immer einen Nährboden für zornige junge Männer bieten, die dann zu potenziellen Attentätern werden.

Syarif fühlte sich verbittert und allein gelassen, als sich seine Eltern vor zehn Jahren scheiden liessen, wie Familienmitglieder berichten. Viele empfanden den Umgang mit dem glühenden Anhänger des radikalen Geistlichen Abu Bakar Baschir zunehmend als schwierig. Sogar seine eigene Hochzeit verliess er kurzzeitig, um einer Predigt beizuwohnen.

«Ich habe ihn in den vergangenen Jahren kaum gesehen», sagt sein Vater Abdul Ghafur. Der 66-Jährige war entsetzt, als er nach dem Anschlag vom 15. April ein Bild des Attentäters im Fernsehen sah. «Wir haben über Religion gestritten. Er hat mich einen Ungläubigen genannt. Schliesslich habe ich aufgegeben.»

Hartes Vorgehen nach 2002 führte zu relativer Ruhe

International rückte der Kampf des 237-Millionen-Einwohner-Landes gegen den Terrorismus 2002 in die Schlagzeilen, als das Netzwerk Jemaah Islamiyah Anschläge auf zwei Nachtclubs in Bali verübte. Dabei wurden 202 Menschen getötet, überwiegend ausländische Touristen. Die Gruppierung mit Verbindungen zu Al-Kaida rückte zwar bald danach von einem solchen Vorgehen ab, Mitglieder einer noch radikaleren Splittergruppe setzten aber Selbstmordanschläge auf Luxushotels, Restaurants und eine Botschaft fort. Das letzte derartige Attentat geschah vor fast zwei Jahren. Experten führen die relative Ruhe seither auf das harte Vorgehen der Behörden zurück, das zu hunderten Festnahmen und Verurteilungen führte.

Das Vorgehen trug allerdings auch zum Auftreten von «Einzeldschihadisten» und kleinen Zellen aus früheren Häftlingen oder jungen Männern bei, die sich regelmässig zu Religionsstudien treffen und so ausserhalb der Wahrnehmung der Polizei agieren können. Der Wandel ist zum Teil auch ideologischer Natur, wie die in Brüssel ansässige Konfliktforschungsgruppe International Crisis Group (ICG) kürzlich in ihrem Bericht «Indonesischer Dschihadismus: Kleine Gruppen, Grosse Pläne» schrieb. Niedrigschwellige, gezielte Anschläge führten zu weniger unbeabsichtigten Opfern unter Muslimen. Extremisten im Nahen Osten setzen sich seit langem für eine solche Taktik ein.

Neue Herausforderung für die Behörden

Dies bedeutet allerdings nicht, dass Jemaah Islamiyah und andere Gruppen ihren Einfluss in Indonesien verloren hätten. Obwohl die Behörden der Ansicht sind, dass sie die militanten Strukturen der Organisation zerschlagen hätten, agieren die verbliebenen Mitglieder legal, halten Seminare für Religionsstudien ab, übersetzen arabische Texte und verteilen Pamphlete.

In den vergangenen sechs Monaten haben kleine Zellen mit keinerlei bekannten Verbindungen zu Jemaah Islamiyah oder anderen grossen islamistischen Organisationen Polizeiwachen überfallen und Sicherheitskräfte getötet. Briefbomben wurden an liberale Muslimaktivisten und einen ranghohen Antiterrorbeamten verschickt. Erstmals nahm ein Selbstmordattentäter auch eine Moschee ins Visier.

Ob ein vereitelter Bombenanschlag auf eine Kirche bei Jakarta, der offenbar am Karfreitag verübt werden sollte, ebenfalls in dieses Muster passt oder das Werk einer grösseren Organisation war, wurde von der Polizei noch geprüft. All dies stelle für die Behörden eine neue Herausforderung dar, sagt Ansyaad Mbai, Leiter der nationalen Antiterrorbehörde. Die jüngsten Anschläge mögen zwar weniger folgenschwer als frühere gewesen sein, «das macht sie aber nicht weniger schwerwiegend».

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