Aktualisiert 26.02.2010 15:22

«Vancouver direkt»Das Gespenst in Sean Simpsons Kabine

Sean Simpson sagt, er wolle sich von seinem Vorgänger Ralph Krueger emanzipieren. Eigene Wege gehen. Deshalb werde er sich auch nicht mit Ralph Krueger darüber unterhalten, was für die WM gut und richtig oder falsch sei.

von
Klaus Zaugg
Vancouver
Ralph Krueger. Wie lange verfolgt der Vorgänger seinen Nachfolger Sean Simpson in der Kabine? (Bild: Keystone)

Ralph Krueger. Wie lange verfolgt der Vorgänger seinen Nachfolger Sean Simpson in der Kabine? (Bild: Keystone)

Dass sich Sean Simpson nicht mit Ralph Krueger absprechen will, ist schön und gut. Aber kann sich Simpson überhaupt emanzipieren? Gewiss: Mit ihm beginnt ein neues Kapitel in unserer Hockeygeschichte. Die «Ära Simpson». Aber der neue Nati-Trainer wird, bis er den ersten grossen Erfolg erreicht, einen Geist in der Kabine neben sich haben. Ralph Krueger, das Kabinengespenst.

Trainer kommen und gehen

Nationaltrainer sind Gefangene ihrer Sportkultur. Ob im Fussball oder im Eishockey: Die Qualität der Spieler und nicht der Himmel ist die Limite.

Ein Fussball-Nationaltrainer in Brasilien oder Deutschland, ein Eishockey-Nnationaltrainer in Russland, Kanada, Schweden, in den USA oder in Finnland verändert am Leistungsvermögen seines Teams grundsätzlich wenig. Die Deutschen und Brasilianer sind im Fussball und die Russen und die Kanadier im Eishockey so gut, dass sie dank oder auch trotz des Nationaltrainers erfolgreich sein können.

Slawa Bykow ist zweimal Weltmeister geworden und jetzt im Viertelfinale gescheitert. Bengt-Ake Gustafsson war im gleichen Jahr Weltmeister und Olympiasieger (2006) und ist jetzt jämmerlich in den Viertelfinals ausgeschieden. Ob Bykow und Gustafsson bleiben, verändert in diesen Hockeynationen wenig bis nichts. Im Erfolg wird die Bedeutung des Nationaltrainers überzeichnet und im Misserfolg auch. Trainer kommen und gehen, Fussball- und Hockeyweltmächte bleiben bestehen. Kommt ein neuer Trainer, kann er sich problemlos von seinem Vorgänger emanzipieren.

Krueger ist eine Ausnahme

Doch selten, ganz selten gibt es Nationaltrainer, die dazu in der Lage sind, diese Fesseln ihrer nationalen Sportkultur zu sprengen. Sie bringen dann die Nationalmannschaft nicht nur auf ein viel höheres Niveau als es eigentlich das Talent der Spieler erlauben würde.

Mehr noch als Ottmar Hitzfeld war Ralph Krueger so ein Nationaltrainer. Sein Anteil am Erfolg ist höher als der bei jedem anderen Nati-Coach in unserem Mannschaftssport in den letzten 50 Jahren. Die 13 Jahre seiner Amtszeit sind die Jahre Kruegers. Als Kommunikator, Taktiker, Trainer, Visionär, Leitwolf und letztlich auch als Handelsreisender seiner eigenen Ideen hat er die Schweiz auf internationalem Parkett viel besser gemacht als sie eigentlich sein dürfte. Ganz typisch war der letzter Auftritt hier in Vancouver: Kein einziger Schweizer spielte konstant auf Weltklasseniveau. Aber als Team war die Schweiz Weltklasse. Die heroischen Spiele, die Dramen gegen Kanada (2:3 n.P.) und die USA (0:2) stehen als Beispiel dafür, wie Schweizer auf Augenhöhe mit den Besten der Welt spielen können. Wenn nur jeder einzelne daran glaubt.

Simpsons schweres Erbe

Eishockeytechnisch und taktisch kann der neue Nationaltrainer Sean Simpson in den Schuhen seines Vorgängers nicht nur stehen. Sondern sogar auf Bäume klettern. In Kanada, in den USA, in Schweden, Finnland oder Russland, bei einem der Titanen des internationalen Hockeys könnte Simpson problemlos Kruegers Nachfolger werden.

In der Schweiz aber muss er nicht nur eishockeytechnisch seinen Vorgänger ersetzen. Er muss nicht nur als Taktiker und Techniker, Trainer und Coach sondern auch und vor allem als Kommunikator, Visionär und eben als Handelsreisender seiner eigenen Ideen so erfolgreich sein wie Krueger.

Simpson wird nicht nur daran gemessen, welche Spieler er nominiert, welche Taktik er spielen lässt. Sondern ebenso sehr an seinem Wesen und Wirken in den «weichen», den emotionalen Bereichen. Deshalb wird vorerst einmal bei jeder Ansprache in der Kabine das Kabinengespenst Ralph Krueger neben ihm stehen.

P.S. Es mag für Sean Simpson ein kleiner Trost sein, dass es auch noch einen anderen Coach gibt, der nächste Saison ein Problem mit einem Kabinengespenst haben wird: Colin Muller, sein Nachfolger bei den ZSC Lions. Und wir müssen damit rechnen, dass dort beim Versuch des Exorzismus, der Geistaustreibung, nicht das Kabinengespenst vertrieben wird. Sonder Colin Muller und sein Assistent Bob Leslie.

Der Kolumnist

Klaus Zaugg begleitet die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft in Vancouver. Ausserdem berichtet er in seiner Kolumne «Vancouver direkt» in unregelmässigen Abständen vom bunten Treiben an den Olympischen Winterspielen.

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