Berikon AG - «Das Glockengeläut gehört doch zur Schweiz»
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Berikon AG«Das Glockengeläut gehört doch zur Schweiz»

Der Aargauer Bauer Walter Brechbühl muss seinen Kühen ab 22 Uhr die Glocken abziehen. Grund dafür ist ein Anwohner, der wegen des nächtlichen Gebimmels geklagt hat.

von
Daniel Krähenbühl
Video: 20min

Darum gehts

  • Ein Streit um Kuhglockengeläut beschäftigte die Behörden. Nun hat der Kanton entschieden, dass die Nachtruhe auch für Kuhglocken gilt.

  • Bauer Walter Brechbühl (61) ist enttäuscht – wird das Urteil aber akzeptieren.

Lärmstreit in der Aargauer Gemeinde Berikon: Bauer Walter Brechbühl (61) musste seinen Kühen, die in den Sommermonaten auf einer Weide vor dem Bauernhof grasen, die Kuhglocken abnehmen. Der Grund: eine Gruppe von Anwohnern, die sich vor allem am nächtlichen Gebimmel der Kuhglocken stört. Beim Kanton erwirkten sie eine Änderung des Polizeireglements, Ausnahmen von der Nachtruhe gibt es nun für Kuh- und Kirchenglocken keine mehr. Brechbühl ist enttäuscht: «Der Hof befindet sich seit 1934 in Familienbesitz, noch nie hat sich jemand über das Glockengeläut beschwert – im Gegenteil.» Schliesslich sei es eine lange Tradition und gehöre zur Schweiz.

Für Markus Hüsser und weitere Anwohner war das nächtliche Gebimmel aber unerträglicher Lärm. Hüsser, der in einem Einfamilienhaus an der Kuhweide wohnt, erzählt: «Wegen des Lärms konnte ich nicht schlafen.» Die ständige Lärmbelastung sei enorm gewesen. So «flüchtete» er regelmässig, um eine ruhige Minute zu erhaschen und sich entspannen zu können, sagt Hüsser. «Wenn wir Besuch hatten, schwärmten sie zunächst von der Landidylle, nach einer Viertelstunde sagten aber auch sie, dass der Geräuschpegel unerträglich hoch sei.»

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Walter Brechbühl und seine Kühe.

Walter Brechbühl und seine Kühe.

20min/Marco Zangger
Nachdem eine Beschwerde wegen des Gebimmels an den Kanton gelangt ist, entschied dieser: Zwischen 22 Uhr und 7 Uhr gilt eine allgemeine Nachtruhe.

Nachdem eine Beschwerde wegen des Gebimmels an den Kanton gelangt ist, entschied dieser: Zwischen 22 Uhr und 7 Uhr gilt eine allgemeine Nachtruhe.

20min/Marco Zangger
Brechbühl musste den Kühen die Glocken deshalb abnehmen.

Brechbühl musste den Kühen die Glocken deshalb abnehmen.

20min/Marco Zangger

Nachtruhe auch für Kuhglocken

Ihm sei es wichtig zu betonen, dass er in Berikon aufgewachsen und schon immer dort gelebt habe, sagt Hüsser. «Ich bin nicht von der Stadt aufs Land gezogen, ich bin hier aufgewachsen.» Früher habe ihn das Gebimmel auch weniger gestört. «Aber die Menge, Intensität und Dauer hat es unaushaltbar gemacht.» Zudem sei es aus seiner Sicht auch unfair, dass eine Gartenparty um 22 Uhr beendet sein muss, die Kuhglocken aber rund um die Uhr bimmeln dürfen.

Da laut dem Beriker Polizeireglement Kuh- und Kirchenglocken von der sonst geltenden Nachtruhe ausgenommen waren, wollte Hüsser eine Streichung der Ausnahmeregelung erreichen. Er und weitere Anwohner gelangten zunächst an die Gemeinde und danach an den Kanton. Dieser nahm die Beschwerde schliesslich an: Für Kuhglocken gilt in Berikon seither ebenfalls eine Nachtruhe von 22 Uhr bis 7 Uhr. Der Kanton beruft sich dabei auf Bundesrecht, wonach Nachtruhe für alle Menschen garantiert ist, berichtet der «Wohler Anzeiger».

Bauer akzeptiert Urteil

Den rechtskräftigen Entscheid will Brechbühl anerkennen, sagt er zu 20 Minuten: «Ich werde den Entscheid nicht weiterziehen, die Kühe lasse ich nun Tag und Nacht ohne Glocken draussen.» Er finde es jedoch schade, dass heutzutage solche Traditionen unterbunden werden. «Es ist doch das Gleiche, wie wenn ich neben eine Kirche ziehe und mich dann am Glockengeläut störe.» Er befürchte, dass solche Lärmbeschwerden nur der Anfang seien: «Zuerst sind die Glocken zu laut, dann die Melkmaschine und zuallerletzt das Muhen der Kühe.»

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