«Time-out»: Das Glück klopft an – und niemand öffnet die Türe
Aktualisiert

«Time-out»Das Glück klopft an – und niemand öffnet die Türe

Der SC Bern hat den Löwen geschoren, aber noch nicht erlegt. Die ZSC Lions können noch einmal aufstehen.

von
Klaus Zaugg

Der SCB dominierte diese erste Finalpartie in einer schon fast beängstigenden Art und Weise. Es war das beste Saisonspiel der Berner. Gegen diese Mischung aus Härte und Tempo der «Big, bad Bears» gab es kein Gegenmittel.

Dabei haben die Zürcher in der Startphase eigentlich alles richtig gemacht. Sie begegnen der SCB-Wasserverdrängung mit Tempo und Präzision. Spielen die Scheibe schnell und direkt und tief in die gegnerische Zone. Sie wirbeln viel offensiven Staub auf. Sie zwingen den SCB zu den ersten beiden unerlaubten Befreiungsschlägen (Icing) in diesem Finale. «Zu diesem Zeitpunkt und ganz am Schluss haben wir die wahren ZSC Lions gesehen», wird Trainer Bob Hartley nach dem Spiel sagen.

Aber nach zehn Minuten ist diese Herrlichkeit vorbei. Die SCB-Motoren brauchen diese zehn Minuten, um warmzulaufen. Dann brummen sie und der SCB überrollt seinen Gegner mit der Unerbittlichkeit einer Maschine. Die Berner sind in den Zweikämpfen in allen drei Zonen so dominant, dass Torhüter Marco Bührer nicht einmal hexen muss. Der Goalie spielt ausnahmsweise in diesem ersten Finalspiel noch keine zentrale Rolle.

«Der SCB verdient den Sieg, wir nicht»

ZSC-Trainer Bob Hartley sucht hinterher nicht nach Ausreden. «Weil wir keine Ausreden haben. Manchmal fällt es im Sport schwer, die Überlegenheit des Gegners zu akzeptieren. Aber es ist so: Der SCB verdient den Sieg, wir nicht. Der SCB war ganz einfach besser. Es gibt keinen Grund für Kritik an meinen Spielern. Wir sind ganz einfach einem besseren Gegner unterlegen.»

Ist damit schon alles vorbei, bevor es richtig angefangen hat? Nein, noch nicht. Vom Ende her, mit dem Resultat (4:2) im Kopf, ist die Analyse immer einfach und alles scheint zwingend und logisch. So wie auch Geschichtsschreibung im Rückblick immer logisch und klar ist. Als hätte es gar nicht anders kommen können.

Aber es hätte, auch in der Geschichte, vieles ganz anders herauskommen können. Was wäre geworden, wenn beispielsweise Hitler 1938 von einem Auto überfahren worden wäre? Es hätte auch in diesem ersten Finalspiel nicht so kommen müssen, wie es gekommen ist. Und so lange es diese Optionen gibt, leben die ZSC Lions noch.

Das einzige «Blackout» der SCB-Abwehr

Die Hockeygötter haben den Zürchern nämlich in diesem ersten Finalspiel ganz kurz das Fenster zur Überraschung geöffnet. Das Glück hat in der 35. Minute an die ZSC-Türe geklopft. Aber es war niemand da, um aufzumachen.

Eine der raren Szenen, die der SCB nicht kontrolliert, führt zum 1:1 (32.). Die Berner sind nach dem Ausgleich ein wenig aus dem Takt geraten. Sie können nicht verhindern, dass Patrik Bärtschi in der 35. Minute entwischt. Der kaltblütigste ZSC-Vollstrecker. Er kann alleine auf SCB-Goalie Marco Bührer zufahren. Das einzige «Blackout» der SCB-Abwehr in diesem Spiel. Bärtschi hat bisher in den Playoffs in acht Partien acht Tore erzielt. Aber diesmal lupft er den Puck neben das Tor. Kurz darauf fällt das 2:1 für den SCB (38.). Im Rückblick wird sich zeigen: Dieses 2:1 ist die Vorentscheidung.

Ein 1:2 zu diesem Zeitpunkt hätte das 2:1 verhindert, hätte das SCB-Selbstvertrauen ein wenig erschüttert, hätte für die ZSC Lions den Sieg bedeuten und damit die Serie, den Titelkampf, in andere Bahnen lenken können.

War Bärtschis Versagen die Vorentscheidung?

Es hat schon ganz am Anfang dieser Playoffs eine ganz ähnliche Szene gegeben, auch im zweiten Drittel: Die Kloten Flyers verpassen im ersten Viertelfinalspiel gegen den SC Bern kurz vor Ende des zweiten Abschnittes das 3:1 und damit den Sieg. Eric Blum hatte nur den Pfosten statt zum 3:1 getroffen. Vielleicht wären die Berner jetzt nicht im Finale, wenn Blum getroffen und der SCB den Viertelfinal-Auftakt verloren hätte. Aber der SCB gewann dieses erste Viertelfinalspiel in Kloten und machte auf der Reise ins Finale den ersten Schritt.

Wird am Ende Patrik Bärtschis Versagen der Schlüsselmoment aus Sicht der ZSC Lions in diesem Finale sein? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber diese Szene zeigt, dass wir uns hüten sollten, die ZSC Lions schon abzuschreiben. Selbst in diesem, auf den ersten Blick so einseitigen Match hat es einen Augenblick gegeben, in dem alles hätte kippen können.

Die ZSC Lions sind geschoren. Aber noch nicht erlegt: In den letzten Minuten raffen sich die Zürcher noch einmal auf. Verkürzen von 1:4 auf 2:4 und sind gut genug, um in der SCB-Defensivzone eine finale Hektik auszulösen. Setzen ein Zeichen.

«Wir geben nicht auf»

ZSC-Trainer Bob Hartley wird hinterher beruhigt sagen, seine Spieler hätten den Mut nicht verloren. Sie hätten keine Angst und es werde gelingen, wieder aufzustehen. Die SCB-Wasserverdrängung sei kein unlösbares Problem. Grösse und Gewicht seien gut und schön. Aber am Ende werde das grössere Herz entscheiden, und er habe schon mit kleineren Spielern grössere besiegt.

Nun, vielleicht klopft das Glück in diesem Finale ja noch einmal an die ZSC-Tür, wie in der 35. Minute dieses ersten Spiels – und dann ist, anders als in dieser ersten Partie, ein Zürcher zu Hause, um aufzumachen. «Wir geben nicht auf», sagt Bob Hartley. Es ist mehr als eine Floskel, die der Trainer in dieser Situation sagen muss. Er strahlt wilde Entschlossenheit aus. Er hat sein Charisma nicht verloren. Die Mähne ist ihm zwar geschoren worden, aber erlegt ist auch Bob Hartley, der König der Löwen, noch lange nicht.

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