Avenir-Suisse-Vorschlag: Lotterie-Einnahmen umverteilen – 115 Franken für alle statt Geld für Sport?
Aktualisiert

Avenir-Suisse-VorschlagLotterie-Einnahmen umverteilen – 115 Franken für alle statt Geld für Sport?

Heute werden die Einnahmen aus dem Lotteriefonds direkt in Sport und Kultur investiert. Die Denkfabrik Avenir Suisse will das ändern und stattdessen Gutscheine an alle ausgeben. Massiv betroffen wäre Swiss Olympic.

von
Marcel Urech
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Die Denkfabrik Avenir Suisse schlägt vor, das Geld aus dem Lotteriefonds an die Bevölkerung zurückzugeben. So würde jede in der Schweiz lebende Person rund 115 Franken erhalten.

Die Denkfabrik Avenir Suisse schlägt vor, das Geld aus dem Lotteriefonds an die Bevölkerung zurückzugeben. So würde jede in der Schweiz lebende Person rund 115 Franken erhalten.

20 Minuten
Hinter den Casinos steckt eine riesige Geldmaschinerie, die jährlich über 1,5 Milliarden Franken generiert. 

Hinter den Casinos steckt eine riesige Geldmaschinerie, die jährlich über 1,5 Milliarden Franken generiert. 

20min/Taddeo Cerletti
Eine Milliarde davon wird über den Lotteriefonds wieder verteilt.

Eine Milliarde davon wird über den Lotteriefonds wieder verteilt.

20min/Taddeo Cerletti

Darum gehts

  • Die Glücksspiel-Branche wirft laut Avenir Suisse jährlich über 1,5 Milliarden Franken ab.

  • Rund eine Milliarde davon fliesst zurück in Sport-, Kultur- und Sozialprojekte.

  • Doch dieser Prozess sei völlig undurchsichtig und ineffizient, sagt die Denkfabrik Avenir Suisse.

  • Sie schlägt darum vor, das Geld der Lotterien und Casinos an die Bevölkerung zurückzuverteilen.

Egal ob Roulette, Blackjack oder Poker: Wer mitspielt, träumt vom grossen Gewinn. Dabei geht oft vergessen, dass hinter den Casinos und Lotterien eine riesige Geldmaschinerie steht, die jährlich über 1,5 Milliarden Franken generiert. Ein grosser Teil davon wird über Lotteriefonds wieder verteilt. Etwa an Theater, Museen und die Fussball- und Eishockeyverbände. Und die Kantone finanzieren so ihre Auftritte an der Olma und am Sechseläuten.

Die Verteilung der Gelder sorgt oft für Aufsehen. Zum Beispiel, als ein Teil der Luzerner Regierung mit dem Luzerner Symphonie-Orchester nach Moskau flog und den Trip mit 290’000 Franken finanzierte. Oder als Basel-Stadt das Musical «Lion King» mit 150’000 Franken unterstützte. Die Solothurner Regierung sprach zudem rund 112’000 Franken und bezahlte so ein Geschenk für einen scheidenden Regierungsrat.

Da alle profitieren wollen, ist eine faire Verteilung laut Avenir Suisse fast unmöglich. Die Denkfabrik hat das erkannt und schlägt nun vor, das Geld an die Bevölkerung zurückzugeben. Der Staat soll sich dafür von Beteiligungen lösen und könnte so 115 Franken pro Kopf und Jahr verteilen (siehe Box).

«Demokratisierung» statt «Interessens-Kartelle»

Eine solche Reform des Glücksspielwesens sei nur möglich, wenn man den Prozess «demokratisiere» und das Geld nicht mehr über «Interessens-Kartelle» verteile, sagt Jürg Müller. Künftig sollen die Glücksspielgelder so direkt an die Bevölkerung zurückfliessen, zum Beispiel über Gutscheine für Sport- und Kulturangebote, die in der Schweiz lebende Personen einlösen können. So könnte man die Verteilung von der Politik abkoppeln, sagt der Mitverfasser des Berichts von Avenir Suisse zu 20 Minuten.

Laut Avenir Suisse hat sich so eine ineffiziente «Geldverteil-Industrie» entwickelt: Alleine der Betrieb der rund 80 kantonalen Lotteriefonds erzeuge bürokratische Kosten von rund 16 bis 22 Millionen Franken – pro Jahr!

«Im Glücksspiel darf der Staat nicht mehr länger ein Mitspieler sein», fordert nun Peter Grünenfelder, der Direktor der Denkfabrik. Denn der Staat hat drei Rollen gleichzeitig: Er reguliert die Branche, betreibt Casinos sowie Lotterien – und verteilt die Gewinne. Swisslos wollte dazu auf Anfrage keine Stellung nehmen.

Swiss Olympic wäre stark betroffen

Martin Eichler, Chefökonom beim Basler Forschungsinstitut BAK Economics, findet den Vorschlag spannend, hat aber auch Vorbehalte. Er sagt auf Anfrage, dass viele Schweizerinnen und Schweizer die Gutscheine womöglich vor allem für bereits etablierte Kultur- und Sport-Events nutzen würden. Damit würden die «Grossen» tendenziell profitieren und die «Kleinen» eher verlieren. Die Kulturförderung in der Breite sei damit gefährdet, so Eichler.

«Auch würden kulturelle Institutionenen so ihre Planungssicherheit verlieren, da sie die Gelder aus dem Lotteriefonds nicht mehr fix einplanen könnten.» Es würden vorrangig nur noch ökonomisch rentable Projekte umgesetzt und kaum noch Risiken eingegangen. Die Innovation könnte so leiden. «Der Vorschlag bringt einige interessante Vorteile mit sich, aber auch Nachteile, die dagegen abgewogen werden müssen», sagt Eichler.

Nicht begeistert ist Swiss Olympic, das 2022 ein Budget von rund 94 Millionen Franken hat. 48 Millionen davon seien von den Lotteriegesellschaften Swisslos und Loterie Romande. Und dieses Geld sei «von zentraler Bedeutung» – auch für die rund 2,2 Millionen Sportlerinnen und Sportler in der Schweiz, die über Verbände und Vereine Mitglieder von Swiss Olympic seien.

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