Tragödie in Nigeria: Das Gold, das die Kinder sterben lässt
Aktualisiert

Tragödie in NigeriaDas Gold, das die Kinder sterben lässt

Seit der Goldpreis nach immer neuen Höhen strebt, ist im Norden von Nigeria ein Goldrausch ausgebrochen. Doch mit dem Edelmetall kamen die Probleme und den Preis zahlen die Kinder.

von
John Gambrell
AP
Frisch angelegte Kindergräber zeugen vom Blutzoll den der Goldrausch einfordert.

Frisch angelegte Kindergräber zeugen vom Blutzoll den der Goldrausch einfordert.

Die Region Zamfara trauert um 160 Kinder. Zunächst wurden sie krank, konnten nicht mehr alleine stehen, nicht mehr hören, nicht mehr sehen. Dann starben sie. Die Ärzte vermuteten Malaria. Aber erst nach 160 Todesopfern und hunderten Erkrankten enthüllten Bluttests den wahren Auslöser: Blei, das die Dorfbewohner auf der Suche nach Gold mit in ihre Häuser gebracht hatten.

Die meisten Opfer sind Kinder. Sie haben in kontaminierten Hütten oder auf verseuchten Dorfplätzen gespielt. Die Konzentration in ihrem Blut war teilweise so hoch, dass die Messgeräte ihre Werte nicht mehr anzeigen konnten. Ihr Schicksal war der stark gestiegene Goldpreis, der die Suche nach Gold in der Region nahe der Grenze zum Niger erst attraktiv machte. Die Männer im Staat Zamfara konnten das Gold für mehr als 32 Dollar pro Gramm verkaufen - viel Geld für ein Land, in dem die meisten Menschen weniger als einen Dollar pro Tag zur Verfügung haben. «Es gibt kein anderes Geschäft, in dem man so viel Geld verdienen kann», sagt ein 70-jähriger Dorfältester in Yargalma, Haruna Musa.

Die Männer zerschlagen die Erdbrocken mit dem Hammer und zermahlen die kleineren Stücke zu einem Puder, dabei hilft heute eine Maschine. Das Puder wird mit Wasser und Quecksilber vermischt, um zu erreichen, dass sich die Goldpartikel zusammenklumpen. In Zamfara enthielt das Erz, das die Väter in die Dörfer mitbrachten, jedoch eine hohe Bleikonzentration. Sie bewahrten die wertvollen Brocken in ihren Hütten auf, sogar neben ihren Schlafmatten. Oft zertrümmern auch die Ehefrauen das Erz, während ihre Kinder daneben spielen. So reicherte sich das Blei in den Wänden an, in den Böden und auf den Dorfplätzen.

Ein internationales Ärzteteam traf Mitte Mai in Zamfara ein, um die Kinder zu behandeln und das Gift aus den Dörfern zu bekommen. «Schlimmer kann es nicht kommen», sagt der Präsident des amerikanischen Blacksmith-Instituts, Richard Fuller. Das Institut führt die Arbeiten zur Dekontaminierung der Dörfer an.

Im Dorf Dareta haben die Arbeiten bereits begonnen. Bauern in weissen Schutzanzügen und mit Atemschutzmasken machten sich daran, den Boden einer Hütte abzutragen. Das Eisenerz wird nicht mehr bearbeitet, die Maschinen liegen offen herum, während das Regenwasser die kontaminierte Erde in einen Teich spült. In Yargalma sind die Säuberungstrupps noch nicht eingetroffen. Auf dem Friedhof des Dorfes sind zahlreiche frische Kindergräber zu sehen. Rabiu Mohammed trauert hier um einen Sohn und eine Tochter und spricht Gebete für sie. In der Nähe gehen andere Väter zwischen den Gräbern auf und ab.

Gehirn und Nervensystem werden geschädigt

Kinder unter fünf Jahren sind besonders empfänglich für eine Bleivergiftung, weil ihre Gehirne noch nicht vollständig entwickelt sind. Blei kann das Gehirn und das Nervensystem schädigen. Weitere Folgen einer Vergiftung sind Bluthochdruck, Nervosität und Gedächtnisverlust. In schweren Fällen kann es zu Anfällen, Koma und Tod kommen.

Wenn in diesen Tagen in der Region ein Kind in ein Krankenhaus gebracht wird, ist Stille das schlechteste aller Zeichen. Denn dann ist die Bleikonzentration so hoch, dass Messgeräte sie nicht mehr anzeigen. Über einen Piepston freut man sich dagegen im Krankenhaus von Bukkuyum, etwa 20 Kilometer von Yargalma entfernt. Dieser bedeutet in vielen Fällen, dass die Behandlung angeschlagen hat und die Bleikonzentration gesunken ist.

In den Industriestaaten wird ein Patient mit einer Bleikonzentration von mehr als zehn Mikrogramm pro Deziliter meist ins Krankenhaus eingewiesen. Die Messgeräte können bis zu 65 Mikrogramm Blei feststellen. Doch in Nordnigeria wären diese Geräte nutzlos. Fast alle Bluttests hätten höhere Werte ergeben, als die Geräte anzeigen könnten, sagt die australische Ärztin Jenny Mackenzie, die für die Organisation Ärzte Ohne Grenzen (MSF) arbeitet. Bei mindestens einem Kind seien mehr als 300 Mikrogramm gemessen worden.

Vier Wochen Behandlung notwendig

Die Kinder werden in Bukkuyum vier Wochen lang mit Medikamenten behandelt. Bei schweren Vergiftungen ist ein zweiter Zyklus notwendig. Die meisten Kinder reagieren jedoch schon nach 48 Stunden positiv auf die Behandlung, sie können jedoch Hirnschäden zurückbehalten. Noch immer werden nicht alle erkrankten Kinder erreicht. Mackenzie erklärte, ihre Organisation wolle bald eine zweite Station eröffnen.

Die Arbeiten zur Dekontaminierung bedeuten eine weitere Herausforderung. Das Blei ist immer noch überall in der Erde. Fuller vom Blacksmith-Institut erklärt, Freiwillige wollten in den Dörfern bis zu fünf Zentimeter Erde abtragen und auch das Quecksilber entsorgen. Allerdings hat inzwischen die Regenzeit begonnen. Immer wieder strömen wahre Bäche die Wege hinab und tragen das Blei mit sich. Die Brunnen in dem Gebiet wurden bereits getestet. Die Ergebnisse liegen noch nicht vor, könnten aber erneut schlechte Nachrichten für die Dörfer bedeuten.

Die Region Zamfara in Nigeria:

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