19.06.2015 22:58

Bürokratie des TerrorsDas grausame Leben im Kalifat

Strenge Kleidungs- und Verhaltensvorschriften, Folter und Hinrichtungen: Das Leben im Kalifat der Terrormiliz Islamischer Staat ist für die Einwohner die Hölle.

von
Karam/Salama
AP
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Wer nach Ansicht des IS-Regimes in «ketzerische Aktivitäten» verwickelt ist, muss eine Schuldeingeständnis-Karte mit sich tragen.

Wer nach Ansicht des IS-Regimes in «ketzerische Aktivitäten» verwickelt ist, muss eine Schuldeingeständnis-Karte mit sich tragen.

Bram Janssen
Auch Zigaretten sind verboten. Mit Kölnisch Wasser versucht so mancher Raucher, den Geruch zu übertönen, um bei den allgegenwärtigen Kontrollen nicht aufzufallen. (Im Bild: IS-Kontrolleure verbrennen beschlagnahmte Zigaretten und Alkohol)

Auch Zigaretten sind verboten. Mit Kölnisch Wasser versucht so mancher Raucher, den Geruch zu übertönen, um bei den allgegenwärtigen Kontrollen nicht aufzufallen. (Im Bild: IS-Kontrolleure verbrennen beschlagnahmte Zigaretten und Alkohol)

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Dieser Mann lebt gefährlich: Falah Abdullah Jamil aus dem nordirakischen Eski Mosul schmuggelt Zigaretten, um mit dem Gewinn seine Familie ernähren zu können. Als die IS-Kontrolleure ihn erwischten, landete er im Gefängnis.

Dieser Mann lebt gefährlich: Falah Abdullah Jamil aus dem nordirakischen Eski Mosul schmuggelt Zigaretten, um mit dem Gewinn seine Familie ernähren zu können. Als die IS-Kontrolleure ihn erwischten, landete er im Gefängnis.

Bram Janssen

Unter der Herrschaft der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) wurde das Leben in Eski Mossul ab Juni 2014 zur Hölle – geregelt in detaillierten Verhaltensvorschriften. In ihrem Kalifat verlangen die Islamisten absoluten Gehorsam. Menschen, die in «ketzerische Aktivitäten» verwickelt sind, müssen eine sogenannte Schuldeingeständnis-Karte unterzeichnen.

Wer sich wehrt, als gefährlich gilt oder als nicht fromm genug, wird beseitigt. Zahllose Menschen verloren deshalb schon ihr Leben im IS-Gebiet.

Bis zu acht Millionen Iraker und Syrer sind dem islamistischen Regime und seinem radikalen Scharia-Recht unterworfen. Frauen müssen von Kopf bis Fuss in Schwarz gehüllt sein, Geschäfte müssen während der Gebetszeiten geschlossen bleiben, und schon, wenn ein Taxifahrer mit Musik aus dem Autoradio erwischt wird, drohen zehn Peitschenhiebe.

Keiner mag den IS

Auch Zigaretten sind verboten. Mit Kölnisch Wasser versucht so mancher Raucher, den Geruch zu übertönen, um bei den allgegenwärtigen Kontrollen nicht aufzufallen. Unliebsame Einwohner oder auch ehemalige Polizisten und Soldaten müssen «Büsserkarten» mit sich tragen, die sie als Personen mit «ketzerischen» Aktivitäten ausweisen.

«Die Menschen hassen sie», sagt der Syrer Adnan über die IS-Miliz. «Aber sie haben aufgegeben, sie sehen keine Unterstützung, sollten sie sich widersetzen.» Der 28 Jahre alte politische Aktivist nennt aus Furcht nur seinen Decknamen. Er selbst hat sich zwar aus dem IS-Gebiet gerettet, seine Familie harrt aber weiter dort aus.

Rakka ist nicht wiederzuerkennen

«Die Menschen haben das Gefühl, dass ihnen niemand hilft», beklagt Adnan in der türkischen Grenzstadt Gaziantep im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP. Seine syrische Heimatstadt Rakka, die die Islamisten im Januar 2014 überrannten, sei nicht mehr wiederzuerkennen, berichtet er.

Die einst lebenslustige kosmopolitische Provinzhauptstadt habe sich völlig verändert. Frauen huschten durch die Strassen, um schnell ihre Einkäufe zu erledigen. Manche Familien versuchten, ihre Häuser möglichst gar nicht mehr zu verlassen, um nicht den gefürchteten IS-Kontrolleuren zu begegnen.

Die Bürokratie des Terrors

Der zentrale Platz der Stadt wird von Einwohnern mittlerweile Dschahim genannt — Platz der Hölle. Dort richtet die Terrormiliz Gefangene hin. Zur Warnung habe der IS auch schon Leichen tagelang hängen lassen, sagt Adnan. Ein Fussballstadion wurde zum Gefängnis und Verhörzentrum umgestaltet.

Bewaffnete Kontrolleure, die Hisbah-Komitees, patrouillieren auf den Strassen. Sie erschnüffeln Raucher, sie züchtigen ihrer Ansicht nach unschicklich gekleidete Frauen und erspähen Männer mit westlicher Kleidung oder Frisuren.

Flüchtlinge aus Eski Mossul zeichnen ein Bild vom Kalifat als Bürokratie des Terrors. Vorschriften sind in allen Einzelheiten geregelt und auf Dokumenten mit dem Banner und Logo des IS festgehalten.

Menschen leben in Angst — auch nach der Befreiung

In Eski Mossul am Tigris können die Menschen inzwischen vorsichtig aufatmen. Kurdische Kämpfer befreiten den Ort nördlich von Mossul im Januar. Nicht alle aber trauen dem Frieden, denn die Islamisten leisten in nur wenigen Kilometer Entfernung weiter Widerstand.

In Salim Ahmed ist die Angst so tief verwurzelt, dass er es nicht wagt, seine Schuldeingeständnis-Karte wegzuwerfen. «Wir leben sehr nahe an der Frontlinie», sagt er. «Eines Tages könnten sie zurückkommen und mich nach meiner Büsserkarte fragen.»

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