Riskanter Drogenschmuggel: Das grosse Geschäft auf dem Schlucker-WC
Aktualisiert

Riskanter DrogenschmuggelDas grosse Geschäft auf dem Schlucker-WC

Die Polizei zieht am Flughafen Zürich immer mehr so genannte Bodypacker aus dem Verkehr. Die Kuriere schmuggeln Drogen in ihrem Körper. Für wenige tausend Franken riskieren sie ihr Leben.

von
J. Wedl
SDA

Der Drogenschmuggel nimmt zu. Allein in den ersten sieben Monaten des laufenden Jahres gingen am Flughafen Zürich 24 Bodypacker ins Netz. Das sind fast so viele, wie 2010 während 12 Monaten verhaftet wurden (26). Vor zwei Jahren wurden nur 9 Kuriere festgenommen, 2008 waren es 18. «Wir gehen weiterhin von einer Zunahme aus», sagt der Chef Flughafenpolizei- Spezialabteilung der Kantonspolizei Zürich, Stefan Aepli, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda.

Die Bodypacker schmuggeln meistens Kokain und transportieren das Rauschgift in Fingerlingen verpackt in ihrem Körper. Die Mehrheit der Kuriere schlucke die Droge. «Es gibt auch Einzelne, welche die Fingerlinge anal oder vaginal einführen.»

Ein Fingerling ist gemäss Aepli durchschnittlich mit 12 Gramm gefüllt. Bodypacker transportieren insgesamt meist «nur» rund ein Kilo Kokain. Deshalb erhöhe sich die beschlagnahmte Drogen-Menge trotz vermehrter Festnahmen nicht zwingend.

Die Kuriere stopfen aber schon mal ihren Magen mit den Fingerlingen voll: Aepli erzählt von einem Nigerianer, der dieses Jahr mit 94 Fingerlingen reiste. Darin befanden sich insgesamt etwa 1,7 Kilo Kokain. Am meisten schluckte ein Mann vor sechs Jahren: 140 kleine Pakete waren in seinem Körper.

Missionar «vergisst» die Bibel

Oft landen die Bodypacker in Flugzeugen aus Südamerika, wo viel Kokain angebaut wird. Den «typischen» Kurier gebe es nicht, sagt der 37-jährige Aepli. Die Kuriere seien aber mehrheitlich männlich, zwischen 25 und 50 Jahren alt und verhielten sich auffällig oder nervös.

Hinweise auf einen möglichen Schmuggler liefern polizeiinterne Quellen. «Wir arbeiten auch sehr eng mit dem Zoll zusammen.» Viele Polizisten verfügten über eine «Fahndernase» und stellen den Reisenden spezifische Fragen. Diesen Mai entpuppte sich etwa ein angeblicher Baptisten-Missionar als Kurier: Der Geistliche hatte seine Bibel «vergessen» und musste mit auf den Polizeiposten.

Dort führen die Beamten zuerst einen Urintest durch. Ist dieser positiv, beantragt die Polizei bei der Staatsanwaltschaft einen Untersuchungsbefehl. Dann erstellt ein Arzt ein Röntgenbild. Sind darauf Fingerlinge erkennbar, kommt der Kurier in eine Spezialzelle ohne Toilette.

Um ihr Geschäft zu verrichten, müssen die Schmuggler auf das spezielle «Schlucker-WC». Von diesem führt ein Rohr in eine Box, die in einem zweiten Raum steht. Fahnder waschen die ausgeschiedenen Fingerlinge dort aus und beschlagnahmen sie. In den 1980er Jahren landeten die Drogen in einem einfachen Salatsieb, wie ein Polizist ausführt.

Maximal 5000 Franken für lebensgefährlichen Transport

Die Nacht verbringen die Drogenkuriere nicht am Flughafen, sondern in einem Polizeigefängnis in der Stadt Zürich. Die Staatsanwaltschaft muss innert 48 Stunden nach Festnahme entscheiden, ob sie für einen Verhafteten beim Gericht Untersuchungshaft beantragt. Bei erstmaligem Vergehen müsse ein Kurier mit einer Freiheitsstrafe von zwei bis drei Jahren rechnen, sagt Jurist Aepli.

Neben der juristischen Strafe kann der Transport auch medizinische Folgen haben: Platzt ein Fingerling, stirbt der Kurier höchstwahrscheinlich. «Die Schmuggler setzen ihr Leben aus finanziellen Gründen aufs Spiel. Sie verdienen für einen Transport zwischen 3000 und 5000 Franken.» Todesfälle seien aber extrem selten. Aepli erinnert sich in den letzten zwei Jahren einzig an einen verstorbenen Kurier.

Von persönlichen Schicksalen dürfe sich ein Fahnder nicht beeinflussen lassen, sagt der Polizeioffizier. «Die Befragungen brauchen aber schon viel Fingerspitzengefühl, weil wir an die Hintermänner kommen wollen.» Die Kuriere seien nämlich nur die kleinen Fische.

Dennoch tragen auch diese dazu bei, dass am Flughafen Zürich so viel Rauschgift beschlagnahmt wird wie sonst nirgends im ganzen Kanton Zürich: 2009 waren es 287 von 352 Kilogramm Kokain, 2010 107 von 157 Kilogramm.

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