Aktualisiert 22.04.2014 14:18

Sewol in SeenotDas grosse Zaudern, das zur Katastrophe führte

Zögern statt handeln. Das ist zusammengefasst der Grund für das Desaster der Sewol. Nicht nur an Bord wurden schwere Fehler gemacht, sondern auch an Land.

von
kmo

Die Mitschnitte der Kommunikation zwischen einem Crewmitglied der Sewol und der Küstenwache von Jindo zeigen: Die Mannschaft war völlig überfordert. Dass der Kapitän das sinkende Schiff als einer der Ersten verliess, war da nur noch das Tüpfchen auf dem i.

Suche nach Vermissten des Fährunglücks

Schon vor dem Kontakt mit der Küstenwache lief vieles schief. Als Erstes unterschätzte der Kapitän die sich anbahnende Katastrophe. Er wartete viel zu lange, bis er reagierte. Und dann ordnete er fatalerweise an, dass die Passagiere dort bleiben sollen, wo sie sich gerade befanden. Er habe sie auf der heftig schlingernden Sewol nicht in Gefahr bringen wollen, sagte er später zu Reportern.

Kein Notsignal abgegeben

Dazu kommt: Gerät ein Schiff in Seenot, muss die Crew ein Notsignal auf dem dafür reservierten Kanal 16 VHF abgeben. Diese Frequenz wird normalerweise stets eingeschaltet gelassen, so dass man im Fall der Fälle bloss einen Knopf zu drücken braucht. So wäre an alle nächstgelegenen Küstenwachen ein Notsignal geschickt worden.

Doch stattdessen rief ein Crewmitglied bei der Küstenwache der rund 80 Kilometer entfernten Insel Jeju an. Laut Lim Geoung-soo von der Universität Mokpo der falsche Adressat: Mit rund 20 Kilometern Entfernung wäre die Küstenwache der Insel Jindo angesagt gewesen. «Hätte die Crew ein Notsignal abgeschickt, hätte die zuständige Küstenwache viel schneller reagieren können», sagt Lim zur «Korean Time».

In Panik und nicht handlungsfähig

Auszüge aus der Kommunikation zwischen dem Maat der Sewol und der Küstenwache von Jindo zeigen schliesslich: Der Seemann war in Panik und ohne Chef nicht handlungsfähig. Statt Fragen zu beantworten, wollte er immer wieder wissen, ob Rettung unterwegs sei.

Diese Auszüge zeigen auch, dass zumindest einzelne Crewmitglieder unzureichend auf einen Notfall vorbereitet waren. Wer dafür letzten Endes verantwortlich ist, wird sich herausstellen. Der Kapitän und mehrere Crewmitglieder sind bereits in Haft. 44 Personen, darunter der Rest der Sewol-Crew und die Geschäftsführung der Reederei Cheonghaejin Marine, dürfen Südkorea nicht verlassen.

Unentschlossenheit auch in der Politik

An Land sieht die Situation nicht weniger chaotisch aus. Der Katastrophenschutz von Südkorea war dem Unglück der Sewol nicht gewachsen. Das kommt nicht von ungefähr, wie die «Korean Times» schreibt: Im November 2012 legte die Regierung einen Plan vor, um Beamte in Katastrophen-Prävention und -Management auszubilden. Dazu sollten vorgängig Universitätsabsolventen rekrutiert werden, die passende Fächer studierten.

Passiert ist nichts. Laut der Regierung war es nicht möglich, qualifizierte Studienabgänger zu rekrutieren, da die Universitäten keine geeigneten Fächer anboten. Diese Behauptung wurde von verschiedenen Universitätsleitungen umgehend dementiert.

Totales Chaos beim Katastrophenschutz

Ausserdem fehlt eine letzte Instanz, die im Katastrophenfall das Sagen hat. Nicht weniger als vier Ministerien haben sogenannte Notfallpläne. Doch die Kommunikation zwischen den einzelnen Ämtern artete zum Desaster aus. Jede Behörde arbeitete einen eigenen Notfallplan aus, wichtige Informationen wurden mit den anderen Ämtern nicht geteilt, ein koordiniertes Handeln war unmöglich.

Der Mangel an Spezialisten und das Fehlen einer letzten Instanz waren für das Chaos der Rettungsarbeiten mitverantwortlich. Die Regierung und die Rettungskräfte müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, dass wertvolle Zeit verloren ging.

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