Aktualisiert 31.10.2011 08:37

Kahlschlag bei BankernDas grosse Zittern an der Wall Street

Der Krebsgang der Weltwirtschaft und die Eurokrise lassen Wall-Street-Banken zur Job-Axt greifen: Zehntausend Arbeitsplätze sind in Gefahr.

von
Martin Suter
Ungewisse Zukunft für die Banker an der Wall Street in New York.

Ungewisse Zukunft für die Banker an der Wall Street in New York.

Mit dem Aufatmen ist vorläufig Schluss in Amerikas Finanzzentrum. Kaum hat sich die Wall Street vom Aderlass im Nachgang des Lehman-Kollapses erholt, liegt sie erneut auf dem Krankenbett. Bis Ende 2012 erwartet der Staat New York die Streichung von zusätzlichen 10 000 Arbeitsplätzen im Finanzsektor. Bewahrheitet sich die Voraussage des Comptrollers Thomas DiNapoli, wird Wall Street in den vier Jahren seit Januar 2008 insgesamt 32 000 Jobs einbüssen - mit einschneidenden Konsequenzen für New Yorks Steuereinnahmen.

Jobkürzungen seien auf breiter Front zu erwarten, glaubt der Analyst Dick Bove von Rochdale Securities. «Man wird überall Leute feuern», sagte Bove zur «New York Post». An der Front seien Banken mit Hauptsitz in Europa, die stärker als jene aus den USA von der anhaltenden Schuldenkrise um den Euro betroffen seien. Nach Berechnungen von Bloomberg Industries haben global tätige Banken in den vergangenen zwölf Monaten 137 000 Job-Streichungen angekündigt. Fast zwei Drittel davon - 87 000 - stammen von Finanzhäusern mit Sitz in Europa.

Jeder Achte von der Finanzindustrie abhängig

Zu den Job-Kürzern gehören auch die beiden Schweizer Grossbanken. Die zwei Giganten müssen sich nicht nur mit einer dickeren Kapitaldecke für die kommenden kalten Tage im Zusammenhang mit der Euro-Krise schützen. Ihre weltweiten Profite leiden auch unter dem hohen Schweizer Franken. Credit Suisse kündigte bereits im August die Streichung von vier Prozent ihres Mitarbeiterbestands an, was auf die Aufhebung von über 2000 Arbeitsplätzen hinausläuft. Bei der UBS, die am vergangen Dienstag ihre Quartalszahlen veröffentlichte, rechnen Beobachter für den November mit Reduktionen beim Investmentbanking. Analyst Kian Abouhossein von JPMorgan Chase schätzt laut Bloomberg, dass die UBS zusätzliche 1700 Stellen streichen wird.

CS-Chef Dougan über den Stellenkahlschlag

Zu erwarten sind daher Job-Kürzungen vor allem in London und New York. Für die Metropole am Hudson River mit ihrer hohen Arbeitslosigkeit von 8,7 Prozent sind das bittere Nachrichten. Laut Kassenwart DiNapoli ist im Staat New York jeder 13. Job von der Finanzindustrie abhängig; in der Stadt New York ist es sogar jeder Achte. Schrumpfende Profite und Löhne wirken sich sofort auf die Steuereinnahmen der Stadt aus.

Das Budget von New York City rechnete für dieses Jahr mit Gewinnen aus der Finanzbranche von 20 Milliarden Dollar. Comptroller DiNapoli geht jetzt aber davon aus, dass die Profite nicht einmal die Summe von 18 Milliarden Dollar erreichen werden, also mehr als zehn Prozent weniger.

Wenn sich dieser Tage die Wall-Street-Protestierenden in ihrem Camp im Zucotti-Park auf den Winter vorbereiten, sind sie nicht allein: Ganz New York wird sich nach der Decke strecken müssen.

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