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Stress und wenig Lohn«Das hält mich nicht davon ab, eine Lehre in der Pflege zu machen»

Die Arbeitsbedingungen in der Pflege werden seit Jahren kritisiert, die Corona-Krise hat die Probleme noch verschärft. Zwei junge Frauen erzählen, wieso sie sich trotzdem nicht von ihrem Traumberuf abbringen lassen.

von
Daniel Graf
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Die 14-jährige Julia Wyrsch will unbedingt eine Lehre in der Pflege machen. 

Die 14-jährige Julia Wyrsch will unbedingt eine Lehre in der Pflege machen.

Überstunden und schlechte Bezahlung können sie nicht abschrecken. 

Überstunden und schlechte Bezahlung können sie nicht abschrecken.

Fabia Allenbach ist schon einen Schritt weiter. 

Fabia Allenbach ist schon einen Schritt weiter.

Darum gehts

  • Stress, Überzeit, schlechte Bezahlung und zu wenig Personal: Das Berufsbild Pflege hat in der Corona-Krise gelitten.

  • Trotzdem ist das Interesse an Pflegeberufen sogar noch grösser geworden.

  • Zwei junge Frauen erzählen, wieso sie sich von den Widrigkeiten nicht abschrecken lassen und trotz allem in der Pflege arbeiten wollen.

Stress, Überstunden, gestrichene Ferientage und in der Krise auch noch Personal, das trotz positivem Corona-Test arbeiten muss: Die Kritik an den Arbeitsbedingungen in Pflegeberufen reisst nicht ab. Trotzdem entscheiden sich während Corona viele Menschen für einen Beruf in der Pflege, das Interesse an Pflegeberufen hat in der Corona-Krise deutlich zugenommen. Zwei junge Frauen erzählen 20 Minuten, weshalb sie sich trotz Horrorszenarien von Pflegenden nicht von ihrem Berufswunsch abbringen lassen.

Julia Wyrsch ist 14, besucht derzeit die zweite Sek – und möchte unbedingt eine Lehre in der Pflege machen. Für 2021 hat sie bereits zwei Schnupperlehren in Spitälern organisiert. «Am liebsten hätte ich noch dieses Jahr eine Schnupperlehre angefangen, das hat aber leider nicht mehr geklappt.»

Wyrsch sagt, sie bekomme die negativen Nachrichten, die Demonstrationen des Pflegepersonals und die Klagen über die unsäglichen Arbeitsbedingungen natürlich mit. «Doch das schreckt mich nicht ab. Mein Ziel ist es, Menschen zu helfen. Dafür nehme ich Überstunden und eine schlechte Bezahlung gern in Kauf.»

«Ich weiss, dass man belastbar sein muss»

Ihre Motivation erklärt sie damit, dass sie in ihrem Berufsalltag etwas Sinnvolles tun und Menschen helfen möchte, denen es weniger gut geht. Auch die psychischen Belastungen, die ein stressiger Job in der Pflege mit sich bringen kann, seien ihr durchaus bewusst: «Ich weiss, dass man belastbar sein muss und dass viele Situationen im Pflegealltag einem nahegehen können. Doch ich habe auch privat schon viel mit Menschen zu tun gehabt, die nicht immer auf der Sonnenseite des Lebens gestanden sind.»

So habe sie etwa erlebt, wie eine Freundin ihrer Mutter in eine psychiatrische Einrichtung habe eingewiesen werden müssen. «An diesen Erfahrungen bin ich gewachsen, und sie haben meine Motivation, Menschen in schwierigen Lebenslagen helfen zu wollen, eher noch verstärkt», sagt Wyrsch.

«Es braucht einfühlsame Menschen»

Besonders reizen würde sie die Arbeit als Hebamme oder auch in der Onkologie, also auf der Krebsstation. Auch die Arbeit auf einer Intensivstation schliesst sie aber nicht aus: «Es ist klar, dass das Personal dort jetzt aufgrund von Corona zusätzlich unter Dauerstress steht und dass die Arbeitsbedingungen auch vorher schon schwierig waren. Doch auch Corona wird irgendwann vorbei sein, und hoffentlich werden sich die Arbeitsbedingungen für Pfleger auch in normalen Situationen verbessern. Es braucht unbedingt fähige und einfühlsame Menschen in der Pflege, die mithelfen, den Pflegebedürftigen ihren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten.»

Die 21-jährige Fabiana Allenbach absolviert derzeit die Ausbildung zur Pflegefachfrau HF. Von März bis September, mitten in der ersten Corona-Welle, absolvierte sie ihm Rahmen der Ausbildung ein Praktikum in der Langzeitpflege in einem Altersheim. «Natürlich sind auch mir die schwierigen Arbeitsbedingungen, die in der Pflege teils vorherrschen, bewusst», sagt Allenbach. Eine Woche nach Praktikumsbeginn sei der Lockdown gekommen. «Die Kontaktbeschränkungen, die Verunsicherung und der Druck haben zugenommen. Während des ganzen Praktikums ging die Angst, es könnte einen Ausbruch im Altersheim geben, nie ganz weg.»

«In der Pflege gibt es keine halben Sachen»

Für Allenbach ist klar: «Einen Beruf in der Pflege muss man mit Leib und Seele ausüben, da gibt es keine halben Sachen.» Überzeit, grosse physische und psychische Belastungen, die Verantwortung für das Wohlergehen hilfsbedürftiger Menschen – all das gehöre zum Pflegealltag dazu. Zweifel an ihrer Berufswahl hatte Allenbach trotzdem nie: «Der Job gibt einem auch so viel Schönes zurück. Der Kontakt zu den Patienten, das Wissen, etwas Gutes zu tun und Menschen in schwierigen Lagen zu helfen. Das erfüllt mich und macht Stress, Zeitmangel und Druck locker wett», sagt die 21-Jährige.

Sie ist sich auch bewusst, dass die Probleme vermutlich eher noch zunehmen werden: «In der Ausbildung trage ich noch nicht die volle Verantwortung und geniesse dadurch gewissermassen noch einen Schutz. Doch der Fachkräftemangel ist seit Jahren ein Problem, das wohl auch nicht so schnell gelöst werden kann.» Das Wissen, dass man teils unter sehr schwierigen Bedingungen arbeiten muss und dazu noch deutlich weniger Lohn bekommt als in Berufen mit vergleichbaren Ausbildungen, gehöre zum Berufsbild schon fast dazu. «Das ist schade. Ich hoffe, dass hier auch die Politik ihre Verantwortung wahrnimmt und dass die schönen Seiten des Berufs wieder stärker in den Vordergrund rücken», sagt Allenbach.

Pflegeinitiative

Verband fordert Verbesserungen

Der Schweizerische Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner hat die Volksinitiative für eine starke Pflege lanciert, die am 29. November 2017 formell zustande gekommen ist. Laut den Initianten garantiert die Vorlage, dass genügend Fachpersonen ausgebildet werden, indem:

• Die Aus- und die Weiterbildung staatlich unterstützt werden.

• Der Ausbildungslohn erhöht wird.

• Die Weiterbildung definiert und gefördert wird.

Ausserdem sichere die Initiative die Pflegequalität, indem eine maximale Anzahl von Patienten festgelegt wird, für die eine Pflegefachperson zuständig ist. Und sie sorge dafür, dass das Personal länger im Beruf bleibe, indem die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessert , die Zeit- und Dienstplanung verlässlicher, das Arbeitsgesetz durchgesetzt und die Arbeitsbedingungen im GAV geregelt werden.

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107 Kommentare
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Erziehung

28.11.2020, 15:27

Und wieder eine Nachricht welche uns eintrichtern soll, dass die Billiglöhne und der Stress normal sind und wir uns gefälligst nicht aufregen soll. Genau wie mit dem Pendeln, dass ja auch "normal" ist, wenn jemand 2h+ pro Streckr unterwegs ist.

Marsianer

28.11.2020, 09:28

Ja , ja so war ich auch einmal als ich die Lehre in der Pflege machte. Ich war voller Freude und konnte es kaum erwarten am Patientenbett zu stehen. Doch mittlerweile ist es sehr viel anderst geworden als es heute noch ist. Aber ich freue mich, wenn es junge Menschen gibt, die den schönen Beruf der Pflege erlernen wollen. Ich täts heute nicht mehr. Aber vielleicht, ja vielleicht ändert sich nun ja was in der Pflegepolitik. Aber bis ich dies nicht selbst erlebe, bleibe alles ein Traumwunsch an die Politik.

Rudolf

28.11.2020, 07:11

Marktwirtschaft Für alle die sich über die Löhne im Gesundheitswesen beklagen, wäre es einmal eine Überlegung wert warum die Löhne so tief sind. In unserem System verbessern sich die Arbeitsbedingungen und die Löhne steigen wenn Mangel herrscht. Ausser man setzt regulatorische Mittel ein, um diese Anpassung zu verhindern. Dies macht unser Gesundheitsminister um die Krankenkassenprämien zu stabilisieren. Was aber jetzt nicht geht, ist sich über die Personalknappheit und über die fehlenden Betten zu beschweren. In seinem Auftrag wurden x-Spitäler geschlossen. Darum wird es auch so sein, dass für das Spitalpersonal geklatscht wird und das BAG Personal die Prämien für ausserordentliche Leistungen erhält.