Selbstversuch: Das Handy ist weg – und fünf neue Probleme da
Publiziert

SelbstversuchDas Handy ist weg – und fünf neue Probleme da

Seit drei Tagen lebt unsere Redaktorin ohne Handy. Nicht in allen Bereichen lief die Umstellung ganz reibungslos.

von
J. Büchi
Das Smartphone hat mich nicht mehr im Griff.

Das Smartphone hat mich nicht mehr im Griff.

Unsanftes Erwachen: Der Radiowecker, der seit Samstag auf meinem Nachttisch steht, ist ein unattraktives, sperriges Ding. Seine giftgrünen Ziffern tauchen das Schlafzimmer in ein ungemütliches Licht. Und wenn der Alarm losgeht, ist das eher ein Rauschen als sonst etwas. Leider habe ich aber vergessen, rechtzeitig vor Beginn meines Experiments «Handyentzug» einen anständigen Ersatz zu besorgen. Ich dachte schlicht nicht daran, dass das Smartphone normalerweise auch diesen Teil meines Lebens regelt. Deshalb musste es das zehn Jahre alte Relikt aus dem Keller – ein Schnäppchen, dessen Kaufpreis sich auf knapp 20 Franken belief – richten. Immerhin: Es hat seine Aufgabe bisher tadellos erfüllt.

Die Phantomschmerzen: In der ersten Nacht ertappte ich mich drei Mal dabei, wie ich blind nach der Stelle tastete, wo normalerweise mein Smartphone liegt. Wie spät ist es? Hat da nicht gerade etwas vibriert? Doch meine Finger trafen nur auf kaltes, abweisendes Holz. Nun gut, diese Formulierung ist jetzt möglicherweise etwas gar melodramatisch geraten. Irgendwie fühle ich mich aber tatsächlich etwas neben der Spur, seit ich mein Handy abgeschaltet und in eine Schublade gesperrt habe.

Immer diese Spontaneität: Meine Befindlichkeit könnte auch damit zusammenhängen, dass es schwierig geworden ist, mit meinen Freunden in Kontakt zu treten. Die Lieblings-Floskeln unserer Generation («gell, wir schauen dann spontan», «schreiben wir noch wegen der Zeit?») sind auf einmal unbrauchbar geworden. Ab sofort müssen Termine ordentlich fixiert – und dann auch eingehalten werden. Sonst sitze ich am Ende alleine beim Bier.

Rufnummer unbekannt: Zum Glück gibt es noch das gute, alte Festnetz-Telefon. Wenn ich in meiner Wohnung oder im Büro bin, kann ich also fast so unbeschwert kommunizieren wie vor Beginn des Experiments. Ich rufe meine beste Freundin von meinem Telefonanschluss zuhause an, den ich nur besitze, weil er standardmässig im Internet-Package enthalten ist. Sie meldet sich mit Nachnamen – der Ton in ihrer Stimme ist ungewohnt streng, vielleicht sogar etwas misstrauisch. Sie hatte hinter der unbekannten Nummer ein Callcenter vermutet, das auf der Suche nach neuen Kunden ist. Offensichtlich hatte ich ihr meine Festnetznummer nie durchgegeben.

Auf News-Entzug: Am schwersten wiegt für mich als Medienschaffende aber natürlich das Fehlen jeglicher Nachrichten. Ob dieser Selbstversuch überhaupt mit meiner Funktion vereinbar sei, argwöhnten Arbeitskollegen, als ich ihnen von der Idee erzählte. Das müsse vereinbar sein, ich sei schliesslich nicht dazu verpflichtet, zu jeder Tages- und Nachtzeit auf Abruf zu sein, trötzelte ich. Wenn ich mich am Morgen auf den Arbeitsweg mache, ist da aber trotzdem ein mulmiges Gefühl: Was, wenn in der Nacht das Bundeshaus eingestürzt ist und ich es in meiner unschuldigen Offline-Welt nicht mitbekommen habe? Auf der anderen Seite: Dann hätten wir noch ganz andere Probleme. Und irgendwie fühlen sich solche Abende, ganz ohne News und Push-Nachrichten, ziemlich gut an. Fast ein bisschen wie Ferien. Dort komme ich übrigens auch ausserhalb des Experiments gut ein paar Tage ohne Smartphone aus.

Sie sind unter 30 und besitzen kein Handy? Erzählen Sie uns, wie es sich damit lebt und schreiben Sie uns unter feedback@20minuten.ch

Deine Meinung