10.08.2018 15:35

Todesfalle Nordsee

Das hat es mit den 30 toten Pottwalen auf sich

30 Pottwale strandeten 2016 an der Nordseeküste und verendeten. Lange wurde gerätselt, was passiert ist. Nun sind die Untersuchungen abgeschlossen.

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Grosses Pottwal-Sterben: In den ersten Monaten des Jahres 2016 wurden insgesamt 30 Wal-Kadaver an die Nordseeküste angespült.

Grosses Pottwal-Sterben: In den ersten Monaten des Jahres 2016 wurden insgesamt 30 Wal-Kadaver an die Nordseeküste angespült.

epa/Andre van Elten
Allein an der deutschen Nordseeküste strandeten 16 der Riesen. Weitere Wale starben an den Küsten der Niederlande, Grossbritanniens und Frankreichs. Nun liegt der Abschlussbericht vor.

Allein an der deutschen Nordseeküste strandeten 16 der Riesen. Weitere Wale starben an den Küsten der Niederlande, Grossbritanniens und Frankreichs. Nun liegt der Abschlussbericht vor.

Keystone/AP/Hendrik Brunkhorst/lkn.sh/handout
Laut der im Fachjournal «Plos One» veröffentlichten Studie, war keines der Tiere ernsthaft krank oder verletzt, noch Opfer einer sonstigen klar nachweisbaren Umwelteinwirkung. Die Tiere verirrten sich wohl durch das «komplexe Zusammenspiel» nicht mehr rekonstruierbarer Faktoren.

Laut der im Fachjournal «Plos One» veröffentlichten Studie, war keines der Tiere ernsthaft krank oder verletzt, noch Opfer einer sonstigen klar nachweisbaren Umwelteinwirkung. Die Tiere verirrten sich wohl durch das «komplexe Zusammenspiel» nicht mehr rekonstruierbarer Faktoren.

TiHo Hannover/Sonja von Brethorst

Im Frühjahr 2016 verendeten an der deutschen und niederländischen Nordseeküste 30 Pottwale – alles kräftige Jungbullen – qualvoll. Wale können in dem flachen Randmeer mit seinen vielen Inseln, Flussmündungen und Wattbänken nicht gut navigieren und finden nichts zu fressen. Wenn sie stranden, werden sie vom Gewicht ihres eigenen Körpers erdrückt. Danach begann das grosse Rätselraten, was zum Tod der Tiere geführt haben könnte.

Entsprechend viele Theorien gab es. Laut Kieler Forschern haben heftige Stürme die Leibspeise der Wale – Kalmare – nach Süden und somit in flache Gewässer getrieben, aus denen es für die Wale kein Entrinnen gab. Andere vermuten, dass Plastikmüll die Mägen der Tiere verstopft hat. Andere Kieler Wissenschaftler waren dagegen der Ansicht, dass die an den Küsten verendeten Tiere von Sonnenstürmen fehlgeleitet worden waren.

Kombination verschiedener Faktoren

Nun, zwei Jahre nach der ungewöhnlichen Häufung von Walstrandungen, liegt der Abschlussbericht vor. In der laut der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover bislang umfangreichsten Analyse einer Pottwalstrandung hatte ein internationales Team aus mehr als 40 Experten 27 der 30 Kadaver untersucht sowie die zur damaligen Zeit herrschenden Umweltbedingungen betrachtet.

Es sei dabei «kein alleiniger Faktor gefunden worden, der für die Strandungsreihe im Jahr 2016 verantwortlich ist», heisst es in der Studie, die im Fachjournal «Plos One» veröffentlicht worden ist. Stattdessen gehen die Autoren davon aus, «dass sehr wahrscheinlich eine Kombination verschiedener und zusammenfallender Faktoren dazu geführt hat».

Plastikmüll nicht schuld

Insbesondere fanden die Experten keine Hinweise auf gravierende Erkrankungen oder Verletzungen. Die Tiere waren zwar von Parasiten und einer bisher unbekannten Variante des Herpesvirus befallen, aber diese können die Strandungsserie nicht erklären. Auch Traumata durch Schiffskollisionen, Verheddern in Netzen oder eine Kontamination mit chemischen Stoffen schieden aus.

Der im Magen von neun Walen aufgefundene Plastikmüll reichte nach Einschätzung der Experten als Todesursache ebenfalls nicht aus, da er bei keinem der Tiere den Verdauungstrakt verstopfte. Umweltereignisse wie Schockwellen von Seebeben, giftige Algenblüten oder auffällige Veränderungen der Ozeantemperatur seien nach eingehender Analyse aller verfügbaren Daten als «sehr unwahrscheinlich» zu betrachten.

Vom eigenen Gewicht erdrückt

Dass die Tiere durch menschlichen Lärm geschädigt werden und die Orientierung verlieren, ist eine weitere Theorie zur Erklärung. Erklärungsbedürftig ist weniger die Todesursache der Pottwale, die in der Nordsee nicht zurechtkommen. Die Frage ist vielmehr, warum die über sehr weite Strecken wandernden Tiere in für sie ungeeignete Meeresgebiete «abbiegen».

Letzte Mahlzeit vor Norwegen

Wahrscheinlich habe «eine Kombination grossräumiger Umweltfaktoren» dafür gesorgt, dass die Wale in die südliche Nordsee gelangten und dort wie in einer «Falle» festsassen, so das aktuelle Fazit. Diese These werde dadurch gestützt, dass die Tiere laut Analyse zu zwei unterschiedlichen Gruppen aus verschiedenen Gebieten gehörten und dass im Januar und Februar 2016 zeitgleich auch andere Arten in der Nordsee strandeten, die dort üblicherweise nicht vorkämen. Ihrem Mageninhalt zufolge frassen sie zuletzt in den Gewässern vor Norwegen ihre bevorzugte Nahrung aus Tintenfischen, die sie in grosser Tiefe jagen.

Neben den 13 vor Schleswig-Holstein verendeten Tieren waren damals drei vor Niedersachsen gefunden worden. Weitere Wale starben an den Küsten der Niederlande, Grossbritanniens und Frankreichs.

(fee/sda)

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Wal-Skelett auf Wangerooge

Wal-Skelett auf Wangerooge

Als Erinnerung an das grosse Pottwal-Sterben 2016 in der Nordsee wurde einer der beiden auf der ostfriesischen Insel Wangerooge gestrandeten Wale präpariert und im April 2017 im Garten des Nationalparkhauses der Insel aufgestellt. Das Tier, zu dem das Skelett einst gehörte, war 13 Meter lang und 16 Tonnen schwer. Eine Zahnuntersuchung ergab, dass der Bulle elf Jahre alt geworden war. (Bild: Fee Riebeling)

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