Aktualisiert 08.10.2018 09:00

«Die Augen geöffnet»Das hat sich in einem Jahr #MeToo verändert

Ein Jahr nach dem Aufkommen von #MeToo zieht eine Schweizer Feministin Bilanz. Sie fürchtet sich vor einer Gegenbewegung.

von
ehs
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Die Feministin Christina Klausener zieht ein positives Fazit zur #metoo-Bewegung in der Schweiz. «Metoo hat vielen Frauen die Augen geöffnet», sagt sie.

Die Feministin Christina Klausener zieht ein positives Fazit zur #metoo-Bewegung in der Schweiz. «Metoo hat vielen Frauen die Augen geöffnet», sagt sie.

CFD
Mit einer neuen Kampagne unter dem Hashtag #mehrmännlichkeiten will die Organisation CFD gegen veraltete Bilder von Männlichkeit ankämpfen.

Mit einer neuen Kampagne unter dem Hashtag #mehrmännlichkeiten will die Organisation CFD gegen veraltete Bilder von Männlichkeit ankämpfen.

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«Unser veraltetes Männlichkeitsbild hat einen sehr direkten Bezug zu Gewalt. Männer üben oft Gewalt aus, weil sie verunsichert sind», sagt Klausener. In dieser Diskussion habe #metoo geholfen.

«Unser veraltetes Männlichkeitsbild hat einen sehr direkten Bezug zu Gewalt. Männer üben oft Gewalt aus, weil sie verunsichert sind», sagt Klausener. In dieser Diskussion habe #metoo geholfen.

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Vor einem Jahr nutzte die Schauspielerin Alyssa Milano den Hashtag #MeToo, um Frauen zu ermutigen, ihre Erfahrungen zu sexuellen Übergriffen zu teilen. Kurz zuvor war der US-Filmproduzent Harvey Weinstein der sexuellen Belästigung beschuldigt worden.

Tausende Frauen folgten dem Aufruf, Dutzende Fälle von sexuellem Missbrauch kamen ans Tageslicht. Was hat die Bewegung in der Schweiz erreicht – und hat sie eine Zukunft? Eine Feministin gibt Auskunft.

Frau Klausener, was hat #MeToo erreicht?

Die Gesellschaft ist für das Thema Gewalt an Frauen sensibilisiert. Das gab es vorher nicht. Wir haben noch nie so viel über das Thema diskutiert wie im letzten Jahr. Zuvor war es sehr schwierig, mit diesem Thema an die Öffentlichkeit zu gelangen. Gewalt an Frauen wurde endlich enttabuisiert.

Woran zeigt sich das?

Die Opferhilfe hatte einen grossen Anstieg bei den Beratungen. #MeToo hat vielen Frauen die Augen geöffnet. Sie sehen, dass ihre individuellen Erfahrungen einem sexistischen System geschuldet sind. In allen Generationen berichten Frauen von extrem vielen Gewalterlebnissen. Bisher wurde oft geschwiegen. #MeToo hat die Möglichkeit dazu gegeben.

#MeToo bezeichnet einen Hashtag auf Twitter. Ist die Diskussion überhaupt in der breiten Öffentlichkeit angekommen?

Ja, das finde ich schon. Es hat sicher geholfen, dass das Thema in Hollywood lanciert wurde und so viele Prominente betroffen waren. Das interessiert viele.

Das macht aber noch keine nachhaltige Diskussion aus.

Das ist richtig. Was mir Sorgen macht, sind die Gegenreaktionen und eine Gegenbewegung – auch auf politischer Ebene. Dabei handelt es sich oft um jahrzehntealte Strategien.

Die da wären?

Erst einmal werden Frauen der Falschbeschuldigung bezichtigt oder die Thematik als Problem einer kleinen Minderheit bezeichnet. Man schenkt den Frauen keinen Glauben, bezeichnet sie als zu emotional oder weist ihnen sogar eine Mitschuld zu: Sie hätten sich ja nicht so aufreizend anziehen müssen, heisst es dann etwa. Das ist leider schon lange Usus, wenn Frauen Forderungen aufstellen. Wir müssen anfangen, diese Rhetoriken kritisch zu hinterfragen.

Wieso gibt es diese Reaktion?

Es gibt Menschen, die sich nicht konstruktiv mit der Thematik auseinandersetzen wollen. Häufig spielen politische Strategien eine Rolle. Dessen müssen sich auch Journalisten bewusst sein. Häufig kommt als Antwort auch nur die simple Feststellung, dass auch Männer von Gewalt betroffen sind.

Was ja auch stimmt.

Natürlich! Und ich finde, Gewalt gegen Männer ist ein wichtiges Thema und eine solche Gegenfrage kann konstruktive Diskussionen auslösen. Häufig wird das Argument aber leider genutzt, um das Anliegen der Frauen wieder unter den Teppich zu kehren. Dann handelt es sich um eine reine Machtdemonstration.

Wieso glauben Sie, dass Männer nicht über das Thema sprechen möchten?

Niemand wird gern mit den Privilegien konfrontiert, die er hat. Abwehrmechanismen sind verständlich. Daneben gibt es aber auch menschenverachtende Positionen, zum Beispiel von Incels oder Maskulinisten. Die gab es aber schon vor #MeToo, sie erhalten jetzt aber mehr Sichtbarkeit. Was mich freut: Viele Männer haben sich im Zuge von #MeToo gefragt, wie sie eine Veränderung einleiten können, und stellen sich die richtigen Fragen: Was muss sich politisch verändern? Was ist problematisch an meiner Rolle in der Gesellschaft? Was kann ich tun?

Inwiefern halten Sie die Rolle der Männer für problematisch?

Es geht um unser Bild von Männlichkeit. Das müssen wir kritischer betrachten. Männlichkeit wird heute häufig mit Dominanz und mit Stärkersein verbunden. Männer wie Donald Trump mit seiner Aussage «grab them by the pussy» erhalten sogar Anerkennung. Da braucht es eine Emanzipation – auch der Männer.

Bei #MeToo ging es vor allem um sexuellen Missbrauch. Inwiefern hängt das Männlichkeitsbild damit zusammen?

Dieses veraltete Männlichkeitsbild hat einen sehr direkten Bezug zu Gewalt. Männer üben oft Gewalt aus, weil sie verunsichert sind. Sie merken, dass sie dem stereotypen Bild nicht gerecht werden und beispielsweise mit Abweisung konfrontiert werden. In diesem Männlichkeits-Konzept ist es dann etwa nicht vorgesehen, mit Kollegen über seine Gefühle zu sprechen. Das schafft gerade auch bei Männern viele Verlierer.

Inwiefern?

Viele Männer entsprechen diesem stereotypen Rollenbild zum Glück nicht. Sie sind etwa emotionaler, wollen Schwäche zeigen, andere Formen von Sexualität oder Geschlechteridentität ausleben oder die Kinderbetreuung übernehmen. Sie werden heute häufig diskriminiert. Von mehr Geschlechtergerechtigkeit profitieren also alle.

Dieses veraltete Männlichkeitsbild wird ja auch von vielen Frauen gewünscht.

Ja. Diese Normen werden von Männern und Frauen getragen und müssen von der gesamten Gesellschaft geändert werden. Auch Frauen müssen die Kriterien, wie sie männliche Handlungen bewerten, ändern. Frauen tragen das System mit, und häufig fehlt es am politischen Einsatz. Viele Frauenanliegen werden etwa auch von Frauen im Parlament nicht mitgetragen. Nur wegen des Geschlechts ist man noch lange nicht sensibilisiert für das Thema. Trotzdem ist es sinnvoll, bei den Männern anzusetzen. Sie sind nun mal am häufigsten jene, die Gewalt ausüben.

Viele Männer sagten im Zug der #MeToo-Debatte, dass sie selbst ja keine Frauen missbrauchen und deshalb gar nicht vom Thema betroffen sind.

Auch wenn man keine Gewalt ausübt, ist man Teil des Systems. Häufig kommen solche Aussagen zudem von Männern, die eine Verweigerungshaltung einnehmen. Sie wollen, dass alles so bleibt. Zudem glaube ich, dass viele Männer sich nicht bewusst sind, was alles Gewalt ist. Dazu gehört nicht nur zuschlagen, sondern auch der Hasskommentar im Internet oder ungleicher Lohn.

Die #MeToo-Debatte geht weiter. Sind Sie optimistisch?

Ich bin eher positiv gestimmt. In der jüngeren Generation hat ein grosser Wandel stattgefunden. Toleranz, sexuelle Vielfalt und Offenheit gegenüber anderem sind selbstverständlicher als früher. Gerade bei Jüngeren hat #MeToo auch politisch viel bewirkt. Sie sind stark für politische Anliegen mobilisiert. Die Gegenentwicklung kommt tendenziell von älteren Generationen, die an Privilegien festhalten.

#MeToo war vor allem in den USA ein grosses Thema. Wie gross ist das Problem hierzulande überhaupt?

Natürlich war die Diskussion dominiert von den grossen Schlagzeilen aus den USA. Viele denken, dass das uns nichts angeht, weil wir ja ein vorbildliches, demokratisches Land sind. Aber wann wurde das Frauenstimmrecht eingeführt, wie sieht es mit Elternzeit aus, wie mit der Lohngleichheit? Wir müssen anerkennen, dass das Thema auch uns angeht und es Veränderungen braucht.

Christina Klausener

Die Feministin Christina Klausener arbeitet bei der Friedensorganisation Cfd. Sie leitet die Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen».

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