18.07.2018 16:53

Übersetzungshilfe

Das heisst es im Schreiben zu Gisels Rücktritt wirklich

Wie trennt sich eine Bank von ihrem CEO, ohne ihm die Zukunft zu verbauen? 20 Minuten hat das Communiqué zum Abgang mit einem Experten angeschaut.

von
S. Spaeth
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So hat die Genossenschaftsbank den Abgang ihres CEO Patrik Gisel kommuniziert.

So hat die Genossenschaftsbank den Abgang ihres CEO Patrik Gisel kommuniziert.

Krisenkommunikationsexperte Sacha Wigdorovits hat für 20 Minuten das Schreiben von Raiffeisen analysiert.

Krisenkommunikationsexperte Sacha Wigdorovits hat für 20 Minuten das Schreiben von Raiffeisen analysiert.

Keystone/Walter Bieri
Der Verwaltungsrat der Raiffeisenbank befasste sich in den letzten Tagen mit der Personalie Gisel.

Der Verwaltungsrat der Raiffeisenbank befasste sich in den letzten Tagen mit der Personalie Gisel.

Keystone/Davide Agosta

Lange verteidigte er seinen Führungsjob und auch der Verwaltungsrat hat ihm noch bis vor kurzem öffentlich den Rücken gestärkt: Patrik Gisel, seit Oktober 2015 an der Raiffeisen-Spitze und Ziehsohn des gefallenen Raiffeisen-Übervaters Pierin Vincenz. Am Mittwochmorgen dann die Wende. Die Genossenschaftsbank informiert über Gisels Abgang per Ende Jahr. 20 Minuten hat das Schreiben mit dem Krisenkommunikationsexperten Sacha Wigdorovits analysiert.

Abtritt

Das schreibt Raiffeisen:

«Patrik Gisel hat sich entschieden, sein Amt als Vorsitzender der Geschäftsleitung per Ende des Jahres niederzulegen.»

Das sagt der Kommunikationsprofi:

«Es war längst klar, dass Patrik Gisel gehen muss. Er war zu nahe dran an dem in Verruf geratenen Pierin Vincenz. Weil der Verwaltungsrat Gisel aber nicht die Zukunft verbauen will, lässt man es nach einem freiwilligen Rücktritt aussehen. Die Formulierung hilft, dass beide Seiten ihr Gesicht wahren können. Rein rechtlich gesehen könnte es zudem durchaus stimmen, dass Gisel selbst gekündigt hat. Aber wohl erst nachdem der Verwaltungsrat ihn zum Rücktritt aufgefordert hat.»

Reputation

Das schreibt Raiffeisen:

«Mit meinem Rücktritt möchte ich die öffentliche Debatte um meine Person und die Bank beruhigen und die Reputation von Raiffeisen schützen», begründet Patrik Gisel seinen Entscheid.

Das sagt der Kommunikationsprofi:

«Für die Reputation der Raiffeisen und den Neuanfang im Unternehmen ist es positiv, dass Gisel abtritt. Die Formulierung ist darauf ausgelegt, zu unterstreichen, dass der Rücktritt freiwillig war. Das Communiqué soll Gisel einen Abgang in Ehren ermöglichen. Das ist auch gut, so klar ist aber: In Fachkreisen glaubt niemand, dass er von sich aus gegangen ist. Das weiss auch der Verwaltungsrat.»

Integrität

Das schreibt Raiffeisen:

«Der Verwaltungsrat von Raiffeisen hält ausdrücklich fest, dass weder das Enforcement-Verfahren der Finanzmarktaufsicht noch die Zwischenresultate der unabhängigen Untersuchung zur Ära Pierin Vincenz Patrik Gisel aufsichtsrechtlich belasten – seine Integrität steht ausser Zweifel.»

Das sagt der Kommunikationsprofi:

«Die Bank will mit diesem Statement unterstreichen, dass zum heutigen Zeitpunkt nichts gegen Patrik Gisel vorliegt. Es ist ein Gebot der Fairness ihm gegenüber, dass Raiffeisen dies ausdrücklich erwähnt. Schliesslich geht es ja auch um Gisels berufliche Zukunft.»

Nachfolgersuche

Das schreibt Raiffeisen:

«Ich werde mein Amt bis Ende 2018 ausüben und damit eine geordnete Übergabe der Geschäftsführung garantieren. Selbstverständlich werde ich den Verwaltungsrat auch beim Prozess zur Suche meines Nachfolgers unterstützen», lässt die Raiffeisen-Medienstelle als ergänzendes Statement Gisels verbreiten.

Das sagt der Kommunikationsprofi:

«Dass Gisel seine Unterstützung bei der Nachfolgersuche anbietet, ist eher unglücklich. Der Verwaltungsrat wird das auch nicht in Anspruch nehmen. Er wird sich durch eine der grossen auf solche Stellenbesetzungen spezialisierten Rekrutierungsfirmen unterstützen lassen. Letztlich wird die Finanzmarktaufsicht Finma dabei ein entscheidendes Wort mitreden.»

Zukunft

Das schreibt Raiffeisen:

«Ich hoffe, dass mit diesem Schritt wieder vermehrt die hervorragenden Leistungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Raiffeisen sowie die guten Resultate im Vordergrund stehen werden», lässt die Raiffeisen-Medienstelle als ergänzendes Statement Gisels verbreiten.

Das sagt der Kommunikationsprofi:

«Das ist eine Botschaft gegen innen. Gisel will Wertschätzung gegenüber seinen Untergebenen zeigen. Es ist davon auszugehen, dass es jetzt ruhiger wird in der Raiffeisen-Affäre. Noch ist aber offen, was die laufenden Untersuchungen zutage fördern.»

Was Gisel Anfang März zum Abgang von Pierin Vincenz sagte, sehen Sie im Video:

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