Crystal Meth: Das Hitler-Speed des Polizeichefs
Aktualisiert

Crystal MethDas Hitler-Speed des Polizeichefs

Der entlassene Polizeichef von Zofingen konsumierte Crystal Meth. Über sein Konsumverhalten ist nichts bekannt. Über die Droge schon. Schauergeschichten von einer Monsterdroge.

von
Marius Egger

Im Laufe des Untersuchungsverfahrens hat Mathias M. gestanden, seit rund fünf Jahren Methamphetamin (Crystal) konsumiert und verdealt zu haben. Im Zeitraum zwischen 2005 und Juli 2009 hat er gemäss Untersuchungsbehörden eine grössere Menge Crystal erworben und importiert. Hauptsächlich zum Eigenkonsum. Über den Drogenkonsum des Ex-Polizeichefs von Zofingen ist nicht mehr bekannt. Die Droge sorgte aber schon für Schlagzeilen.

Narben, die eiterten «wie Scheisse»

Es sind Schilderungen der krassen Art, die Crystal-Konsumenten in Foreneinträgen hinterlassen haben. «Ich konnte mühelos vier Tage am Stück wach bleiben und hab dann erst gecheckt, dass ich in diesem Zeitraum nichts gegessen habe». Ein anderer berichtet: «Ich habe Leute erlebt, die sich auf einmal vor Autos schmeissen wollten, weil sie im Kopf nicht mehr klar kamen.» Ein Crystal-Konsument lag schlaflos im Bett, und «sah zufällig auf meine Beine und entdeckte unzählige Eiterpickel, die sich beim blossen Hinsehen vermehrten und vermehrten» … «Und so sass ich sieben Stunden allein in meinem Bett, drückte Pickel auf, rauchte nicht, hörte Musik, der Fernseher lief nicht, und ich machte nicht eine Pause.» Die Konsequenz: Er trug Narben davon, die wochenlang eiterten «wie Scheisse».

Crystal Meth wurde schon als Monsterdroge betitelt. Das Monster befeuert das Glück, weil es im Gehirn zur Ausschüttung des Glückshormons Dopamin führt. Es kommt zu Energie- und Selbstbewusstseinsschüben, es führt zu einem starken Sexdrang, es kann Süchtige tagelang wach halten. Doch das Glück schlägt schnell um in Verhängnis. Dann führt es zu Karies und Haarausfall, schädigt die inneren Organe, löst paranoide Schübe, Angstzustände und Aggressionen aus. Im zweiten Weltkrieg wurde die Droge unter dem Namen Pervitin auch den deutschen Soldaten verabreicht. Sie diente zur Dämpfung des Angstgefühls und zur Steigerung der Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit. Seither spricht man auch von «Hitler-Speed». Versuche an Affen haben ergeben, dass bereits nach kurzer Zeit Gehirnschäden eintreten können. Und die Droge macht extrem schnell abhängig. Crystal Meth ist die Droge mit der höchsten Rückfallquote, laut Berichten liegt sie bei 97 Prozent.

«Die grösste Bedrohung Amerikas»

Die Monsterdroge breitete sich vor allem in den USA rasend schnell aus. Rund eineinhalb Millionen Amerikaner sind regelmässige Konsumenten. Mehr als zwölf Millionen Amerikaner sollen bereits mit Meth experimentiert haben. Die US-Polizei wertete Meth als die mit Abstand schlimmste Droge des Landes. Der Republikaner Tom Osborne sagte 2006 im «Stern», Meth sei «die grösste Bedrohung Amerikas, und das schliesst Al Kaida mit ein». Polizisten meldeten sich besorgt mit den Worten: «Meth ist die schlimmste Droge, der wir je begegnet sind. Schlimmer als Heroin.» Allein im vergangenen Jahr flogen in den USA 6783 «Meth-Labore» zur Herstellung der Droge auf. Oft werden auch Hotelzimmer zur Drogenproduktion missbraucht.

In Europa ist Crystal Meth vor allem in Tschechien verbreitet und populär. Aus tschechischen Drogenküchen findet sie den Weg nach Westen. Deutschland diskutierte bereits über entsprechende Gesetze, auf die Umsetzung warten Gesundheitsexperten allerdings bis heute. Im letzten Jahr hob die deutsche Polizei 22 Kleinlabors aus, die unter anderem Crystal produzierten. Die USA versuchten mit Präventionskampagnen Gegensteuer zu geben. Die Abschreckungskampagne «Faces of Meth» zeigte Bilder von Meth-Konsumenten vor ihrer Sucht und nach ein paar Jahren Konsum. Der Erfolg war mässig. 2005 wurden andere Massnahmen getroffen und der «Combat of Act» erlassen. Die Herstellungsmedikamente wie Hustensaft konnten nur noch in geringen Mengen gekauft werden.

In der Schweiz kaum vorhanden

Auch die Schweiz verzeichnet eine Zunahme der sichergestellten Mengen von Methamphetamin. Erkenntnisse über eine Ausdehnung des Konsums liegen der Polizei aber nicht vor, heisst es im Bericht zur Inneren Sicherheit 2008. Bei dem sichergestellten Meth handelt es sich vor allem um Thai-Pillen. «Die Erscheinungsform Crystal wurde in der Schweiz bislang weniger sichergestellt», sagt Stefan Kunfermann vom Bundesamt für Polizei (Fedpol) auf Anfrage. Über die Herstellung oder Labore zur Herstellung von Meth sei in der Schweiz nichts bekannt. Auch in der Partyszene ist Crystal «praktisch kein Thema», sagt Donald Ganci, Leiter der Jugendberatung Streetwork. Den Grund dafür kennt auch Ganci nicht. Vielleicht liege es an der guten Präventionsarbeit in der Schweiz, mutmasst er. Vielleicht ist der Respekt vieler Schweizer Konsumenten vor der Monsterdroge einfach zu gross.

Haben Sie Anregungen, Hinweise oder Informationen zum Thema? Schreiben Sie uns an feedback@20minuten.ch.

Hitler-Speed

Crystal Meth ist hochreines, kristallisiertes Methamphetamin, das wie Eis oder Glassplitter aussieht. Es kann relativ einfach aus Erkältungsmitteln und einigen weiteren Chemikalien hergestellt werden. Unter den Spitznamen Panzerschokolade oder Hermann-Göring-Pille diente das Mittel im Zweiten Weltkrieg zur Dämpfung des Angstgefühls und zur Steigerung der Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit bei Soldaten und Piloten. Allein in der Zeit von April bis Juni 1940 sollen Wehrmacht und Luftwaffe mehr als 35 Millionen Tabletten Pervitin (Methamphetamin) bezogen haben. Es wird deshalb auch «Hitler-Speed» genannt. Weitere Namen sind Yaba, Meth, Ice oder Crank. Die Droge wird geraucht, geschnupft oder gespritzt und gilt als preiswerte «Partydroge». Sie wird deshalb auch «das Kokain der Armen» genannt. (meg)

Deine Meinung