Rekrutierung von Jihadisten: «Das Internet macht alles einfacher für Terroristen»
Aktualisiert

Rekrutierung von Jihadisten«Das Internet macht alles einfacher für Terroristen»

Das Bundesamt für Polizei will stärker im Internet gegen Jihadisten vorgehen. Experte Lorenzo Vidino ist kritisch.

von
phi
Lorenzo Vidino ist Direktor des Extremismus-Programms an der George Washington University in Washington D.C.

Lorenzo Vidino ist Direktor des Extremismus-Programms an der George Washington University in Washington D.C.

Herr Vidino*, das Bundesamt für Polzei (Fedpol) will stärker gegen Jihadisten im Internet vorgehen (siehe Box). Wie wichtig sind Social Media tatsächlich bei der Rekrutierung von Jihadisten?

Sehr wichtig. Seit fast 15 Jahren spielen das Internet und Social Media eine zentrale Rolle bei der Rekrutierungsarbeit von Terroristen. Es gibt aber auch viele Leute, die nicht einen direkten Draht zu terroristischen Organisationen haben und dennoch im Internet Propaganda verbreiten.

Wie funktioniert die Rekrutierung im Internet genau?

Oft werden gezielt Leute angeschrieben, die schon vorher als mögliche Jihadisten erkannt wurden. Dabei wird eine Person zuerst nur beobachtet. Zeigt sie dann das Potenzial zum Jihadisten, wird sie kontaktiert.

Ist das Internet also mitverantwortlich für den Jihadismus?

Man kann zwar nicht sagen, dass es keinen Terrorismus ohne Internet geben würde und wahrscheinlich gäbe es auch noch weiterhin Jihadisten, wenn das Internet plötzlich ausgeschaltet würde. Aber natürlich vereinfachen das Internet und die Social Media die Arbeit der Terroristen, auch über die reine Anheuerung von Terroristen hinaus.

Inwiefern?

Früher hatten es Leute aus der Schweiz viel schwieriger, wenn sie zum Beispiel nach Südamerika wollten, um für Che Guevara zu kämpfen. Sie mussten zuerst versuchen, irgendwie mit den Kämpfern vor Ort in Kontakt zu treten, was ohne Internet von der Schweiz aus sehr schwierig war. Heute ist hingegen alles nur einen Klick entfernt: Von der Rekrutierung bis zur Mobilisierung kann alles von zu Hause aus organisiert und durchgeführt werden.

Das Fedpol steht in Kontakt mit Twitter und Facebook, um jihadistische Profile zu melden. Was kann das bringen?

Profile können gemeldet und in der Folge gesperrt werden. Natürlich erschwert man die Arbeit der Jihadisten, wenn man Profile meldet und sperrt, die sehr aktiv bei der Rekrutierung sind. Andererseits kann schnell ein neues Profil erstellt werden, welches die genau gleiche Propaganda verbreitet.

Können Social Media auch für die Arbeit der Polizei wichtig sein?

Ja. Typischerweise sind Leute, die auf Facebook ihre Propaganda verbreiten, nicht sehr vorsichtig, weshalb sie für die Polizei interessante Informationsquellen sein können. Man darf sich aber keine Illusionen machen: Facebook und Twitter sind nur die Spitze des Eisbergs. Gut organisierte Gruppen wechseln schnell auf Plattformen, die schwieriger zu kontrollieren sind, wie etwa Snapchat. Ausserdem geben Jihadisten ihr extremistisches Gedankengut nicht auf, nur weil ihr Profil geschlossen wurde.

*Lorenzo Vidino ist Direktor des Extremismus-Programms an der George Washington University in Washington D.C.

Laut dem Bericht «Massnahmen der Schweiz zur Bekämpfung des jihadistisch motivierten Terrorismus», will das Fedpol die Zusammenarbeit mit Social-Media-Plattformen wie Twitter, Facebook oder Google vorantreiben. Damit soll besonders der Informationsaustausch verbessert werden. Zur genauen Vorgehensweise bei der Überwachung von vermutlichen Jihadisten in Social Media wollte das Fedpol auf Anfrage aus ermittlungstaktischen Gründen keine Angaben machen. Es sei aber möglich, dass ein jihadistischer Inhalt nicht sofort gemeldet werde, um die Ermittlungen nicht zu gefährden.

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