Appeasement-Vergleich: «Das ist anmassend»
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Appeasement-Vergleich«Das ist anmassend»

Grobes Geschütz hatte Israels Botschafter in der Schweiz, Ilan Elgar, am Wochenende aufgefahren: Er verglich die Schweizer Iran-Politik mit dem Appeasement gegenüber Hitler in den dreissiger Jahren. Schweizer Politiker sämtlicher Couleur sind empört.

Bundespräsident Hans-Rudolf Merz lachend auf einem Bild mit Irans Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad: Das war Israel zuviel. Man rief den Botschafter in der Schweiz zu Konsultationen nach Israel zurück.

Botschafter Ilan Elgar ist mittlerweile in die Schweiz zurückgereist und erklärte das Vorgehen Israels in einem Interview der «NZZ am Sonntag» – mit drastischen Worten: Wie damals in den dreissiger Jahren, als man die Tschechoslowakei dem Frieden zuliebe geopfert habe, sei es auch jetzt nicht möglich, eine gefährliche Regierung mit Zugeständnissen zur Mässigung zu bewegen. «Bei Typen wie Hitler oder Ahmadinedschad erreicht man auf diese Weise nichts.»

Vergleich mit der Appeasementpolitik

Wenn also der Schweizer Bundespräsident Hans-Rudolf Merz mit dem iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad spreche, seien seiner Meinung nach viele Ähnlichkeiten mit der Appeasementpolitik gegenüber Hitler zu erkennen, verdeutlichte Elgar seine Position weiter.

Schweizer Politiker sind empört: «Den angestellten Vergleich halte ich für deplaziert und falsch, schliesslich haben wir eine ganz andere Situation als in den 1930er-Jahren», äussert sich Geri Müller (Grüne), Präsident der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrats gegenüber der «Aargauer Zeitung». Hauptaufgabe der Schweiz sei es, den Gesprächsfaden zwischen Iran und den USA nie abreissen zu lassen – und das sei bisher gelungen.

«Kein Verständnis für den Vergleich»

Auch aus der anderen Ecke des politischen Spektrums wird Kritik laut. Christa Markwalder (FDP) hat «kein Verständnis für den Vergleich». Die Kritik, die Schweiz sei zu offen gegenüber dem Iran, halte sie für ungerechtfertigt. Das sieht auch Hans-Jürg Fehr (SP) so. Mit «Nachgeben oder Anpassen» habe das Gespräch mit Ahmadinedschad nichts zu tun. In Israel herrsche ein derartiges Schwarz-Weiss-Denken, dass es fast unausweichlich sei, dass Kritik laut werde.

Das Treffen mit Ahmadinedschad empfände sie für unnötig, betonte Kathy Ricklin (CVP) gegenüber der «Aargauer Zeitung». Trotzdem: «Dieser Vergleich ist völlig inakzeptabel und historisch betrachtet unangebracht.»

«Auch ein Problem Israels»

Eine Analyse, die Historiker Georg Kreis unterstützt: Der Vergleich sei nicht gerechtfertigt, ausserdem handle es sich eher um eine Gleichsetzung. Es sei auch ein Problem Israels, wenn die Beziehungen zwischen Israel und der Schweiz nicht gut seien. Kreis empfindet es als «anmassend, dass alleine der Schweiz die Schuld dafür zugeschoben wird».

Als mögliches Motiv hinter dem Vergleich vermutet Kreis in der «Aargauer Zeitung», dass Israel den Konflikt mit dem Iran möglichst dramatisch darstellen wolle. «Und zwar, weil die USA auf dem Weg dazu sind, mit Iran direkt ins Gespräch zu kommen.»

(mlu)

Appeasement-Politik

(«Beschwichtigungspolitik» von frz. «apaiser» = «befrieden») bezeichnet generell eine Politik des Entgegenkommens und der Zugeständnisse gegenüber aggressiven Mächten, womit Konflikte vermieden werden sollen. Als Paradebeispiel der Appeasement-Politik gilt heute die Diplomatie des britischen Premierministers Neville Chamberlain gegenüber dem Dritten Reich, die 1938 im Münchner Abkommen gipfelte. Die westlichen Demokratien opferten Hitler-Deutschland die Tschechoslowakei, um einen Krieg zu vermeiden. Spätestens mit dem deutschen Angriff auf Polen war die Appeasement-Politik endgültig diskreditiert.

(Quelle: Wikipedia.org)

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